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Keine Spur vom Staub der Jahrhunderte

Marina Wuttke machte Bischofswerdas Stadtarchiv zum modernen Dienstleister. Nach fast vier Jahrzehnten geht sie nun in den Ruhestand.

Ein Handgriff – und Marina Wuttke hat das Gewünschte gefunden. Seit 1980 leitet die Frankenthalerin das Bischofswerdaer Stadtarchiv. Tausende Dokumente werden hier aufbewahrt.
Ein Handgriff – und Marina Wuttke hat das Gewünschte gefunden. Seit 1980 leitet die Frankenthalerin das Bischofswerdaer Stadtarchiv. Tausende Dokumente werden hier aufbewahrt. © Steffen Unger

Bischofswerda. Vor einigen Tagen klingelte es bei Marina Wuttke in Frankenthal an der Haustür. Ein Knips stand da und bat sie darum, ihm das Ortswappen zu erklären. Marina Wuttke tat ihm den Gefallen und sagte, was es mit Pfarrlinde, Erntegarbe und ländlichen Werkzeugen auf sich hat.

Ihr Rat wird weiterhin gefragt sein – in Frankenthal und wohl noch mehr in Bischofswerda. In wenigen Tagen geht Bischofswerdas Stadtarchivarin in den Ruhestand. Seit Anfang Februar arbeitet sie ihren Nachfolger Jan Gülzau ein. Der neue Mann im Stadtarchiv ist von Haus aus Historiker und kann – wie seine Vorgängerin – die altdeutsche Schrift lesen. Eine gute Basis für die Zusammenarbeit, auch über das Ende ihres Arbeitsverhältnisses hinaus. Sie habe ihrem Nachfolger angeboten, dass er sie bei Fragen auch künftig kontaktieren darf, sagt Marina Wuttke.

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900 Meter Stadtgeschichte

Das Stadtarchiv ist so etwas wie das Gedächtnis von Bischofswerda: Schränke voller Akten, Urkunden, Pläne, Protokolle, Zeitungen, Bücher, Bilder, Postkarten und anderer Zeitdokumente – insgesamt fast 900 laufende Meter Geschichte. Marina Wuttke bewahrt und vergrößert diesen Schatz seit fast vier Jahrzehnten. Er wächst von Jahr zu Jahr, auch durch Schenkungen von Bürgern, die Dokumente, Fotos oder andere Zeugnisse beispielsweise ihrer Familien- oder Firmengeschichte gut aufgehoben wissen möchten. Abgewiesen wird keiner. „Es ist Bischofswerdaer Geschichte“, begründet es die Archivarin.

Marina Wuttke drückte dem Archiv maßgeblich den Stempel auf, nachdem sie am 1. Oktober 1980 ihre Arbeit beim damaligen Rat der Stadt Bischofswerda aufgenommen hat. Wenn sie am 28. Februar verabschiedet wird, werden es 38 Jahre und fünf Monate sein, in denen sie bei der Stadt beschäftigt ist. In all diesen Jahren war sie als festangestellte Mitarbeiterin Einzelkämpferin. Unterstützt wurde sie seit den 1990er-Jahren von Mitarbeitern auf Zeit, die in verschiedenen geförderten Maßnahmen befristet im Archiv eingesetzt waren.

Als junge Frau habe sie nie in ein Archiv gewollt, erinnert sie sich. Archiv – das klang irgendwie nach dem Staub der Jahrhunderte. Doch an Geschichte interessiert war sie schon immer. Auch dank ihres Lehrers Gottfried Kretschmer, der an der damaligen Erweiterten Oberschule Bischofswerda dieses Interesse förderte. Ursprünglich wollte Marina Wuttke Lehrerin für Deutsch und Geschichte werden. Doch dann entschied sie sich für ein Studium der Museologie. Ihre erste Arbeitsstelle war das Bautzener Stadtmuseum. Doch das Gefühl, dass man sie braucht, habe sie dort nie gehabt, berichtet die Frankenthalerin. Ihre Tochter kam zur Welt. Sie blieb zu Hause, wurde schließlich „Hausfrau auf Arbeitssuche“, wie sie sagt. Dann half der Zufall. Von Martin Hommel, dem Leiter der Stadt- und Kreisbibliothek Bischofswerda, erfuhr sie, dass die Stelle im Stadtarchiv frei ist. Sie habe reiflich überlegt – und dann zugesagt. Nicht nur wegen der Arbeit in Nähe ihres Heimatdorfes. Auch, weil sie als städtische Angestellte einen Krippenplatz bekam.

Viele Jahre befand sich das Archiv im Erdgeschoss des Herrmannstiftes. 1993 wurden die Bestände an den jetzigen Standort an der Rudolf-Breitscheid-Straße verlagert. Da kannte Marina Wuttke die Stadtverwaltung schon aus dem Effeff. Von 1983 bis zur Wende war sie neben ihrer Arbeit als Archivarin auch als Standesbeamtin tätig. Viele Jahre führte sie Schüler oder auch Gäste durch Bischofswerda. Nach der Eingemeindung von Goldbach, Großdrebnitz, Schönbrunn und Weickersdorf erweiterte sich ihr Wirkungskreis um die Ortsteile. Das Archiv steht zu den Öffnungszeiten jedermann offen. Einmal im Monat, an jedem dritten Mittwoch, treffen sich in einem der Räume die „Freunde des Archivs“ – geschichtsinteressierte Bischofswerdaer, darunter mehrere Ortschronisten. Auch diese Runde geht auf das Wirken der Stadtarchivarin zurück. Es ist ein Geben und Nehmen. Die Chronisten nutzen den reichen Bestand und erweitern ihn, indem sie eigene Recherchen dem Archiv zur Verfügung stellen. Auch Schüler, die für Belegarbeiten Informationen brauchen, und andere Bürger wenden sich ans Stadtarchiv.

Hilfe bei der Ahnenforschung

Vom Staub der Jahrhunderte ist im jetzigen Archiv nicht mehr viel zu spüren. Die historischen Dokumente werden sicher verwahrt. Seit den 1990er-Jahren hielt Technik Einzug. In der Mitte jenes Jahrzehntes wurden die ersten Computer installiert. Inzwischen sind die meisten Bestände eingespeichert, laufen Prozesse digital. Nicht nur die Arbeitsweise, auch die Kundschaft hat sich gewandelt. Wer sich heute ans Archiv wendet, kommt oft nicht wegen der Stadtgeschichte, sondern wegen der Ahnenforschung. Dabei geht es weniger um Familienstammbäume, sondern um den Nachlass im Erbfall bei Verstorbenen, die nicht im ersten oder zweiten Grad verwandt waren. Um die verwandtschaftlichen Beziehungen nachweisen zu können, bitten Hinterbliebene um eine Bescheinigung. „Das Archiv kann auch in diesem Fall helfen“, sagt Marina Wuttke. Seitdem 1876 in Sachsen die Standesamtsbücher eingeführt wurden, gibt es hier auch in Bischofswerda einen lückenlosen Nachweis.

Mit Bischofswerda, seiner Geschichte und Entwicklung bleibt Marina Wuttke verbunden. Ansonsten wird sie weiterhin Frankenthalerin bleiben. Die Zeit im Ruhestand wird sie genießen, auch mit den Familien ihrer beiden Kinder, zu denen drei Enkel gehören.