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Keine Spur von Höhenangst

Rückblick auf ein bewegtes Zimmermannsleben: Der Graupaer Jürgen Stopp stand auf fast allen Dächern Pirnas.

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Von Hannelore Angermann

Jürgen Stopp ist ein Filou – und Zimmermann mit Leib und Seele. „Ich habe auf fast allen Pirnaer Häusern gestanden“, erzählt der heute 65-Jährige. 46 Jahre lang blieb er seinem Beruf treu, auch dem Baubetrieb, selbst wenn der mehrfach Struktur und Namen änderte. 1999 nahm der Graupaer mit den schütteren Haaren aus gesundheitlichen Gründen für immer Abschied von der Pirnaer Schreiber Bau GmbH.

Viel hat er erlebt in all den Jahren, die geprägt wurden von einer schweren Kindheit. 1954 begann er als junger Mann bei der Baufirma Ulbricht auf der Pirnaer Klosterstraße die Zimmermannslehre. In diesem Beruf erlebte er die DDR und die Wende. Sagenhaft viele Bauten in Pirna und Umgebung hat der Zimmermann in dieser Zeit erklommen: die Rathäuser in Pirna und Copitz, die Schulen – und alle hohen Gebäude, denn Höhenangst ist ihm fremd. Deshalb wagte er sich auch auf den Turm der Kunigundenkirche in der Külzstraße, verewigte sich dort 1972 bei einer Feierabend-Reparatur. Das Baugerüst, damals Top-Rarität, beschaffte die Kirche aus Leipzig. Der alten Kapsel, die Stopp einst dort deponierte, fügte Pfarrer Norbert Büchner bei der Sanierung im Frühjahr 2005 einige Münzen hinzu – auch zu Ehren jener Zimmermannstat.

Blüten der Mangelwirtschaft

Jürgen Stopp illustriert sein Berufsleben gern mit kuriosen Episoden. Etwa die: 1957/58 mussten in vielen Häusern Gottleuba-Flutschäden beseitigt werden. „Um Holzfußboden zu sparen, wurde Schlackenbeton eingesetzt – ein Gemisch, in dem herausgekratzter Boden gleich wieder Verwendung fand.“ „Wiederverwendung“ wurde bald zum Schlagwort. Alles noch Brauchbare wurde gesammelt, nicht nur Mauerziegel und Holz. Jürgen Stopps Brigade „Karl Marx“ sammelte sogar Eisenschrott für ein Berliner Jugendfestival.

Die Mangelwirtschaft trieb DDR-typische Blüten. „Nur staatlich abgesegnete Objekte bekamen Baugerüste. Privatleute blieben außen vor. Ziegel, Zement Holz – alles auf dem Bau war kontingentiert“, weiß der Graupaer, dem die Knochenarbeit noch heute in den Gliedern steckt. Die schweren Gerüstleitern wurden auf einen Zimmermannswagen gepackt und von Hand zur Baustelle gezogen. Später übernahmen Pferdegespanne der „Mochen-Käte“ die Plackerei auf den Huckelpisten. Eine Schinderei war zudem das Gerüstsetzen ohne Technik. „Die Stahlrohrstangen – fast sechs Meter lang und 35 Kilo schwer – mussten per Hand aufrecht in die Halterung gedrückt werden.“

Auch das Kapitel „Wohnraum-Werterhaltung“ hatte es in sich – Hauptjob von Stopps Brigade in den Siebzigern. Mit „Fließstrecken“-Fertigung sollte der Bauablauf besser flutschen. Aber das Material reichte hinten und vorne nicht. „Auch Honeckers Dächer-dicht-Programm war nur Flickschusterei. Bei uns hieß das Fassaden-Kosmetik, denn die Altbauwohnungen blieben unsaniert.“

Feierabendarbeit

Offene Wünsche erfüllte man in Feierabendarbeit. Eine Chance, die sich der vigilante Jürgen Stopp nicht entgehen ließ. Seine Frau Traudel war nun abends und am Wochenende oft allein mit Sohn Uwe. Für ein eigenes Gerüst schlug der Zimmermann Fichten im Cunnersdorfer Wald. „Dieses Gerüst wanderte durch den ganzen Kreis. Jetzt konnte man auch Privatleuten helfen“, triumphiert Stopp noch heute. Der Deal funktionierte einfach: Eine Hand wäscht die andere.

Das klappte aber nur, wenn „Partei und Regierung“ es wollten. Als Stopps kreisgeleiteter Baubetrieb seine Einzelfirmen in den 80er Jahren in einem Neubau auf der Dippoldiswalder Straße unterbringen wollte, gab es Krach. Kurz vor dem Umzug wurde der Bau – in zwei Jahren Feierabendarbeit errichtet – auf Dresdner Befehl „kassiert“ und dem Wehrkreiskommando zugeteilt.

Stopp und seine Mannen waren außer sich, aber keiner traute sich, den Mund aufzumachen. Bis auf den pfiffigen Stopp, der es inzwischen auch ohne Parteibuch zum BGL-Chef und einigen „Orden“ gebracht hatte. In einem Protestbrief erzwang er einen Vororttermin. Die Dresdner Kommission besänftigte die aufgebrachten Pirnaer Bauleute: Nur eines der drei Stockwerke erhielt das Wehrkreiskommando, zwei blieben den Erbauern. Der aufmüpfige Stopp war aber bald nur noch Vize-BGLer.

Heute lächelt er über diese Ereignisse. Ganz andere Dinge versüßen ihm das Rentnerdasein in Graupa: der Gemüsegarten, ein attraktiver Fischteich mit 70 Goldfischen, die stattliche Agavenzucht mit einem schon 30-jährigen Prachtexemplar, und sein perfekt gebautes Kaninchen-Freizeitgehege, die jüngste Kreation. Als es Karfreitag fertig war, stieß die Nachbarschaft auf das Meisterstück des Zimmermanns mit an.