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Keine Verkäuferin: Fleischereifiliale muss schließen

Der Fachkräftemangel ist in Bischofswerda angekommen. Nicht nur hier wird Personal händeringend gesucht.

Fleischermeister Johannes Augst produziert in Leutwitz und betreibt zurzeit elf Geschäfte. Fünf Verkäuferinnen bzw. Verkäufer würde er sofort einstellen. Auch Quereinsteiger haben bei ihm eine Chance.
Fleischermeister Johannes Augst produziert in Leutwitz und betreibt zurzeit elf Geschäfte. Fünf Verkäuferinnen bzw. Verkäufer würde er sofort einstellen. Auch Quereinsteiger haben bei ihm eine Chance. © Steffen Unger

Bischofswerda. Geschlossen. Wer vor dem Geschäft der Fleischerei Augst an der Bischofswerdaer Kirchstraße steht, liest dieses Schild an den herunter gelassenen Rollos. Gleich daneben findet man ein zweites Schild: Verkäufer/in gesucht. Wahlweise in Vollzeit oder Teilzeit. Seit Mitte Juni ist das Geschäft geschlossen. „Es fehlt am Personal“, sagt Fleischermeister Johannes Augst. Er versichert, das Geschäft, das sich in seinem eigenen Haus befindet, wieder öffnen zu wollen. „Ich suche nach einer Lösung. Zurzeit habe ich sie aber noch nicht“, sagt der Handwerksmeister, der im Gödaer Ortsteil Leutwitz produziert und momentan elf Geschäfte betreibt. Fünf Verkäuferinnen würde er sofort einstellen.

Johannes Augst ist nicht der einzige Fleischermeister in der Region, der händeringend Personal sucht. Gerald Schäfer in Bischofswerda sucht seit über einem Jahr eine zweite Verkäuferin für 25 Wochenstunden, auch über die Agentur für Arbeit. Die sende ihm regelmäßig die Kontaktdaten von Arbeitssuchenden zu, berichtet der Fleischermeister. Doch nur ein Bruchteil von ihnen bewirbt sich wirklich oder erscheint zum Bewerbungsgespräch. Es kam auch schon vor, dass Bewerberinnen am Ende des Gespräches sagten, sie wollten ganztags arbeiten. Doch mehr als 25 Stunden sind in dem kleinen Betrieb, der außer dem Stammgeschäft in Schiebocks Innenstadt keine Filialen hat, nicht drin. Er könne Angestellte nur so lange beschäftigen, wie es Arbeit gibt, sagt Gerald Schäfer.

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Viele freie Arbeits- und Ausbildungsstellen

Sachsenweit hat das Fleischerhandwerk Bedarf an Fachkräften, bestätigt Carolin Schneider, Pressesprecherin die Handwerkskammer Dresden. In ihrer Lehrstellenbörse, in der Betriebe freiwillig ihre Lehrstellenangebote eintragen können, finden sich aktuell 17 Angebote für Fachverkäufer/innen im Lebensmittelhandwerk, wozu neben Fleischern auch Bäcker und Konditoren gehören. 

Auch die Agentur für Arbeit in Bautzen meldet freie Arbeits- und Ausbildungsplätze in diesem Bereich. „Mit Datenstand Ende Juli 2019 waren im Bereich der Hauptagentur Bautzen drei Arbeitslose mit einer Ausbildung in dem Beruf „Fachkraft im Verkauf von Fleischwaren“ gemeldet. Im Arbeitgeber-Service unserer Agentur waren für diesen Beruf insgesamt acht Stellen zur Besetzung gemeldet. Im Landkreis Bautzen stehen fünf Arbeitslosen, darunter vier Arbeitslose mit Ausbildung, elf gemeldete Stellen gegenüber“, sagte Agentursprecherin Berit Kasten. Fürs neue Ausbildungsjahr wurden der Agentur für Arbeit landkreisweit 13 Lehrstellen zur Fachverkäuferin gemeldet. Neun davon sind noch nicht endgültig besetzt.

Das Geschäft der Fleischerei Augst in Bischofswerda ist zurzeit geschlossen. Johannes Augst ist entschlossen, es wieder zu öffnen. Doch eine Lösung für das Personalproblem habe er momentan noch nicht, sagt er.
Das Geschäft der Fleischerei Augst in Bischofswerda ist zurzeit geschlossen. Johannes Augst ist entschlossen, es wieder zu öffnen. Doch eine Lösung für das Personalproblem habe er momentan noch nicht, sagt er. © Steffen Unger

Die Zahl der Fleischerei-Fachbetriebe in Ostsachsen ist rückläufig. Zum Jahresende 2018 waren 242 Unternehmen dieser Branche im Kammerbezirk Dresden eingetragen. Im Jahr 2008 waren es 285 – macht ein Minus von 43 Betrieben in zehn Jahren. Im Landkreis Bautzen sank die Anzahl der Fleischerei-Betriebe in diesem Zeitraum von 80 auf 69. Nur im Kreis Görlitz war der Rückgang noch größer. Die Zahl der Betriebe dort sank von 71 auf 51. Die Gründe der Betriebsschließungen sind oft vielschichtig – die wirtschaftliche Lage, gesundheitliche Gründe des Inhabers, aber auch Fachkräftemangel, sagt Carolin Schneider. „Es ist jedoch kein Trend zu beobachten, dass der Fachkräftemangel Hauptursache für Unternehmensschließungen ist“, fügt sie hinzu.

Um Personal zu gewinnen bzw. zu halten, lege er beim Lohn den Mitarbeitern was drauf, sagt Johannes Augst. Doch das machen auch andere, weiß er. Zur fehlenden Motivation von Bewerbern – „Wer geht heute am Sonnabend noch arbeiten?“ – kommen aus Sicht des Fleischermeisters auch gesellschaftliche Gründe, die es dem Handwerk schwer machen. Das Handwerk habe keine Lobby im Bundestag sagt Johannes Augst. Die Kostenstruktur sei für den Mittelstand zu hoch, um mit der Industrie, die ihren Beschäftigten meist mehr zahlen kann, mitzuhalten.

Jens Mühmelt, Geschäftsführer der Schiebocker Fleischverarbeitungsgesellschaft, sagt, das Lebensmittelhandwerk genieße in Deutschland nicht die Anerkennung, die ihm zusteht – auch angesichts von Preisen, die oft unter denen in anderen EU-Staaten liegen. Die Zahl der Jugendlichen, die im Fleischerhandwerk eine Ausbildung zur Verkäuferin bzw. zum Verkäufer beginnen, ist laut Arbeitsagentur in den vergangenen Jahren leicht gestiegen. Doch nicht alle halten durch, weiß Jens Mühmelt aus Erfahrung. Fürs neue Ausbildungsjahr stellt er erneut zwei Lehrlinge im Verkauf ein. „Wir suchen ständig Mitarbeiter. Schon, weil unsere Firmenstrategie auf Wachstum ausgerichtet ist“, sagt er.

Auch Quereinsteiger sind willkommen

Die Handwerksbetriebe, aber auch die Innungen, Kreishandwerkerschaften und die Handwerkskammer Dresden werben im Rahmen der bundesweiten Imagekampagne des Handwerks seit 2010 für die rund 130 Ausbildungsberufe im Handwerk sowie die attraktiven Karrieremöglichkeiten, die sich im Anschluss an die Ausbildung bieten, wie die Qualifizierung zum Techniker, Meister oder Betriebswirt sowie die Gründung oder Übernahme eines Unternehmens, sagt Carolin Schneider. Zudem präsentiere auch der Sächsische Fleischer Innungsverband mit einer zusätzlichen eigenen Kampagne augenzwinkernd die Berufe Fleischer und Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk Schwerpunkt Fleischerei.

Unternehmer wie Johannes Augst oder Jens Mühmelt bevorzugen Facharbeiter in der Produktion und im Verkauf, schon weil Fleisch, dessen Herkunft, Verarbeitung und Verkauf Vertrauenssache ist. Sie verschließen sich aber auch Quereinsteigern nicht. „Sie anzulernen, bedeutet zwar mehr Aufwand. Doch entscheidend ist, ob einer will oder nicht. Man kann im Laufe der Zeit alles lernen“, sagt Johannes Augst. Ähnlich äußert sich Jens Mühmelt: „Man muss wollen“, sagt er. Die Agentur für Arbeit unterstützt Arbeitgeber, die auch Quereinsteigern eine Chance geben. Sie kann zum Beispiel Eingliederungszuschüsse an Arbeitgeber gewähren, wenn die Einstellung einer Arbeitnehmerin oder eines Arbeitnehmers erfolgt, der noch nicht die beruflichen Erfahrungen und Kenntnisse für die neue Stelle mitbringt und die Einarbeitung über den üblichen Rahmen hinausgeht, sagt Berit Kasten. Dieser Zuschuss ist zeitlich befristet und die Höhe abhängig von den Kenntnissen.

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