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Großenhain

„Keiner hatte die Eier dazu – aber ich“

Torwart-Legende Benny Kirsten und Fußballgott Thomas Neubert plaudern über Fußball und mehr. Ein außergewöhnlicher Abend.

Ein unterhaltsames Trio beim Fußballabend auf der Terrasse des Lampertswalder Sportcasinos: Benjamin Kirsten, Gert Zimmermann und Thomas Neubert (v.li.) brachten am Donnerstag das Publikum zum Lachen wie auch zum Nachdenken.
Ein unterhaltsames Trio beim Fußballabend auf der Terrasse des Lampertswalder Sportcasinos: Benjamin Kirsten, Gert Zimmermann und Thomas Neubert (v.li.) brachten am Donnerstag das Publikum zum Lachen wie auch zum Nachdenken. © Anne Hübschmann

Lampertswalde. Zwei Fußball-Halbzeiten können auch mal knapp drei Stunden dauern. Eine Bedingung: Moderator Gert „Zimmi“ Zimmermann läuft zu Hochform auf, hat zwei großartige Gesprächspartner beim Talk neben und ein feierfreudiges Publikum vor sich. So geschehen am Donnerstag beim Fußballabend in Lampertswalde. Zimmis Resümee nach „Abpfiff“: „Ein Mal im Leben bin ich 65 geworden, aber es war nicht so eine schöne Feier wie hier.“

Der SV Lampertswalde feiert dieses Wochenende diesen Geburtstag. Und hatte zum Auftakt mit Torwart-Legende Benjamin Kirsten (32) und „Fußballgott“ Thomas Neubert (38) zwei ehemalige Akteure von Dynamo Dresden eingeladen. Zwei gestandene Väter sind sie inzwischen. 

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Neubert hat drei Jungs und zollt seinem Ältesten (13) Respekt für den eingeschlagenen Weg als Wasserspringer auf Spitzenniveau. Benny Kirsten ist vor knapp zwei Wochen zum zweiten Mal Vater geworden, bei der Geburt in der Neustädter Klinik war er dabei – „aber es war nicht im Dynamo-Zimmer“, fügt er schmunzelnd hinzu.

Dynamo. Ein Phänomen, das Neubert und Kirsten zu unterschiedlichen Zeiten durchlebt haben und bis heute nicht bereuen – trotz aller Unwägbarkeiten. Zusammen in einer Mannschaft haben sie nur einmal gespielt – es war das Abschiedsspiel von Bennys Vater Ulf in Dresden vor 36 000 Zuschauern und bei „Gänsehaut-Atmosphäre“. 

Thomas Neubert trug ein Trikot, nicht sein Name stand drauf, sondern „Fußballgott“. Von 2001 bis 2006 gehörte er zum Kader der Gelb-Schwarzen, schoss mit seinen Toren die Dynamos aus der Ober- in die Regionalliga. „Geld haben wir bei Dynamo nicht gekriegt, aber Gas gegeben“, blickt er schmunzelnd zurück. 

Denn es herrschte ein ehrliches Miteinander mit dem damaligen Trainer Christoph Franke, der seine Spieler an der langen Leine ließ. „Wenn wir in die Disko gegangen sind, hat er immer gesagt: Auf zwei Beinen rein und auch auf zwei Beinen raus“, so Neubert.

Nach 68 Pflichtspielen in Folge – Dynamo-Rekord bis heute – endete die Karriere abrupt. Ein Kreuzbandriss. „Die Reha war mein zweites Wohnzimmer“, sagt der 1,93-Meter Mann. Er wollte es sich und vor allem seinem Ex-Verein Energie Cottbus noch einmal beweisen – und im ersten Spiel nach langer Pause gegen die Lausitzer riss das Kreuzband des anderen Knies – nach 30 Sekunden Einsatz ohne Fremdverschulden. Es war der Anfang vom Ende bei Dynamo. Weil „Peter Pacult mich nicht wollte“, ging er nach Kiel, Burghausen, Halle. Mit 30 machte Thomas Neubert Schluss.

Peter Pacult. Der Trainer aus Österreich hat auch Benny Kirsten geprägt – allerdings erst später während seiner zweiten Amtszeit in Elbflorenz. „Ein absolut krasser, wahnsinniger Trainer. Völlig unnahbar.“ Bennys Kurzcharakteristik des streitbaren Coaches fällt ebenso krass aus. „Ich hatte Angst, ihn was zu fragen. 

Aber: Für Pacult hat Leistung gezählt. Und er konnte fies sein!“ Der Aufstieg in die 2. Liga war das Ergebnis. Pacult musste trotzdem bald gehen, Dynamo geriet in die Krise und stieg wieder ab. „Aber das war kein Trainerproblem. Es stimmte in der Mannschaft nicht“, räumt Benny Kirsten ein.

Unter dem späteren Coach Uwe Neuhaus erlebte er „die schwärzeste Phase“. Dynamo hatte seiner Nummer Eins zwischen den Pfosten einen unterschriftsreifen Vertrag vorgelegt. Bevor es zum Vertragsabschluss kam, sei der sportliche Leiter Ralf Minge zu ihm gekommen. 

Die Botschaft: „Neuhaus will dich nicht. Das war eine ,politische‘ Entscheidung“, vermutet Benny heute. Der Name Kirsten sei in Anbetracht des Kult-Charakters seines Vaters Ulf da wohl mitentscheidend gewesen.

Über Holland – „dort war ich zum Probetraining, das war so was wie eine Majestätsbeleidigung“ – führte Kirstens Weg zum 1. FC Lok Leipzig. „Scholle war einfach da – der richtige Trainer zum richtigen Zeitpunkt“, findet Kirsten Worte für Heiko Scholz. Er habe zum Zeitpunkt des Wechsels „das Geschäft gehasst“. Und da kam Lok Leipzig gerade recht.

Leipzig. Da war doch mal was! Benny Kirstens legendärer Bengalo-Jubel nach dem Gewinn des Sachsenpokals mit Dynamos 2. Mannschaft in der Messestadt wird ihn womöglich ewig begleiten. „Ich habe da überhaupt nicht nachgedacht“, beschreibt er heute die Aktion, die ihm 4 000 Euro Geldstrafe und eine längere Verbands- und auch interne Spielsperre „einbrachte“.

Vielleicht würde er es ja heute nicht mehr tun. „Aber ich bereue es nicht. Keiner hatte die Eier dazu – ich hab‘s gemacht“, sagt Benny. Und hat den Beifall des johlenden Publikums auf seiner Seite.

Thomas Neuberts „Husarenstreiche“ waren etwas weniger spektakulär. Nach Kiel „wollte ich nie hin“. Aber er bekam dort einen „Hammer-Vertrag“, ohne dass der Verein ihn überhaupt kannte. 

Der Umzug nach Burghausen nach einem Jahr „war der weiteste, der in Deutschland überhaupt möglich war“, sagt er grinsend. Als Mittelstürmer der dortigen Wackerianer erzwang seine Mannschaft in einem Pokalspiel gegen die großen Bayern aus München ein 1:1. Gert Zimmermann ist verzückt: „Neubert hat gegen Kahn getroffen!“

Oli Kahn war damals der deutsche Torwart schlechthin. Benny Kirsten sagt indes: „Es ist eine Frechheit, ihn als Fußballer zu bezeichnen. Der hat die Bälle immer nur nach vorn gekloppt.“ Doch gleich fügt er hinzu: „Er war mental einfach unheimlich stark und wichtig für den Fußball.“

„Dynamo ist mein Leben, Lok mein Job“, so Kirstens aktuelles Credo. Thomas Neubert hat ebenfalls versucht, seinen Frieden mit dem Verein zu schließen, heuerte sogar als Fanbeauftragter an. Er habe dort viel Herzblut hineingesteckt, sagt er. Trotzdem wurde er von der damaligen Vereinsführung gefeuert. „Als Mensch bin ich vom Verein enttäuscht.“ Es wird still im Publikum.

Laute Töne hat zwischendurch noch einmal Gert Zimmermann angeschlagen – weniger als Moderator denn als Auktionator. Ein Trikot von Dynamo-Keeper Patrick Wiegers und signierte Handschuhe der Gäste des Abends kamen unter den Hammer – zusammen brachten sie mehr als 220 Euro in die Lampertwalder Vereinskasse.

Fürs Vereinsjubiläum wird das Geld noch nicht gebraucht. Am Sonnabend steht das Highlight mit dem Kreispokalfinale der Frauen und Männer auf dem Festprogramm. Die Feier zum 65. Geburtstag geht weiter – und „Zimmi“ wird die Begegnung emotional moderieren.

Der Fußballabend macht erst einmal eine kurze Sommerpause. Ende August geht es – dann wieder auf Schloss Schönfeld – weiter. Zu Gast voraussichtlich: Eduard „Ede“ Geyer.

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