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Keiner wollte den Chef machen

Wer kennt ihn nicht – den Ärger mit den Behörden, mit der Bürokratie und ihren Formularen. Verdruss gab es deshalb auch in früheren Zeiten, zum Beispiel als die Familie Kneschk fast zwei Jahrzehnte kommunale Mitverantwortung in Auschkowitz trug.

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Von Horst Gersdorf

Wer kennt ihn nicht – den Ärger mit den Behörden, mit der Bürokratie und ihren Formularen. Verdruss gab es deshalb auch in früheren Zeiten, zum Beispiel als die Familie Kneschk fast zwei Jahrzehnte kommunale Mitverantwortung in Auschkowitz trug. Ein Blick in erhalten gebliebene Akten bestätigt das. Diese fast 100 Jahre alten schriftlichen Zeugnisse verraten uns manches Detail der Alltagssorgen der damaligen Dorfbewohner.

Seit August 1914 tobte der Erste Weltkrieg und die Kreisbehörden waren bemüht, die Ortsverwaltungen funktionsfähig zu halten, wenn die gewählten Gemeindevorstände zum Wehrdienst einberufen wurden. So wurde, gerade in Dörfern mit wenigen Einwohnern, auch gemunkelt, wer wohl den Gemeindevorstand ersetzen soll. Zu allererst kam dafür der Gemeindeälteste in Frage. Zu jener Zeit war das Jakob Kneschk, der wohl keine Lust dazu hatte und sich wohl berechtigt überfordert fühlte. Er versuchte vorzubeugen, um das auf ihn zukommende Übel abzuwenden. Am 25. Februar 1915 teilte er der Amtshauptmannschaft in Kamenz folgendes mit: „Der Gemeindevorstand Wels in Auschkowitz wird wohl in der nächsten Zeit zum Militärdienst eingezogen werden und dann würden die Amtsgeschäfte auf mich übergehen. Da ich aber mit der Feder nicht bewandert bin und jetzt in dieser schweren Zeit auch die Pflichten der Gemeindevorstände auch nicht so einfach sind, glaube ich, nicht im Stande zu sein, dieses übernehmen zu können“, und er bat die Amtshauptmannschaft „dieses gütigst berücksichtigen zu wollen“. Diese Zeilen hat Jakob Kneschk zwar unterschrieben, aber nicht selbst geschrieben.

Kneschk: Ich bin in der Feder nicht bewandert

Zu bearbeiten hatte das Schriftstück der „Civilvorsitzende der Kgl. sächsischen Ersatz-Commission Kamenz“. Um sich ein Bild zu machen, schreibt dieser am 1. März 1915 an den Gendarm Andreas Keil in Panschwitz, zu dessen Polizeirevier Auschkowiz gehörte, und bittet um entsprechende Auskunft“ zur Erörterung aller einschlägigen Verhältnisse und Aussprache, ob die Berücksichtigung des Gesuchs für dringend erforderlich wird.“ Schließlich will er wissen, ob es denn nicht möglich sei, „dass die Gemeindevorstandsgeschäfte durch den Gemeindeältesten mit Hilfe einer schreibgewandten Person der Gemeinde erledigt werden können.“ Schon nach vier Tagen berichtet der Gendarm, dass der 54 Jahre alte Wirtschaftsbesitzer Jakob Kneschk (seine Wirtschaft umfasst 13 Scheffel) in „guten und geordneten Vermögensverhältnissen“ lebt, einer Nebenbeschäftigung nicht nachgeht und durchaus in der Lage und auch befähigt sei, „das Amt des Gemeindevorstandes bei dessen Einberufung zu übernehmen“. Dann informiert der Ortspolizist die Amtshauptmannschaft, dass der derzeitige Gemeindevorstand und Landsturmmann Georg Weis „bei der letzten ärztlichen Untersuchung als nur garnisondienstfähig befunden“ wurde. Einen Antrag auf Befreiung vom Militärdienst lehnte Weis ab. Schließlich machte der Gendarm Keil die Aussage, dass das Gesuch von Jakob Kneschk, ihm nicht das Amt des Gemeindevorstandes zu übertragen ohne dessen Kenntnis eingereicht worden sei, was aus heutiger Sicht bezweifelt werden muss, wenn man die Originalunterschriften von Jakob Kneschk auf verschiedenen Glättern vergleicht. Das Amt einer anderen Person zu übertragen, so argumentierte der um Auskunft gebetene Gendarm, „ist nicht gut angängig, da bereits die in Auschkowitz wohnenden Helaß und Nowotny schon zum Heeresdienste einberufen sind, Weis und Mütterlein die Einberufung erwarten und somit nur der Gesuchsteller und Striegler als die Alleinigen zurückbleiben“.

Königliche Behörde

lehnt das Gesuch ab

Die Schlussfolgerung des Berichterstatters lautete: „Striegler eignet sich aber zur Übernahme der Gemeindeverwaltung nicht. Bei der in Auschkowitz vorhandenen geringen Einwohnerzahl (59) wird Kneschk die Amtsführung wohl übernehmen und ausführen können.“ Am 12. März 1915 erhält Jakob Kneschk Post aus Kamenz: „Die Königl. Amtshauptmannschaft muss es nach den auf Ihr Gesuch vom 25.v.M- angestellten Erörterungen ablehnen, die Unabkömmlichkeit des dortigen Gemeindevorstandes Wels zu befürworten. Sie betrachtet Ihr Gesuch als erledigt.“ Dabei blieb es vorerst.

Diese Serie wird fortgesetzt.