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Kellner werden hier nun nicht mehr gebraucht

Der lange leer stehende Ratskeller ist nicht mehr Gaststätte. Seit gut einem Monat brennt wieder Licht in den Räumen.

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Von Bernd Goldammer

Kellner sind hier nun keine mehr anzutreffen. Und auch gekocht wird nicht mehr. Aus der traditionsreichen Radeberger Gaststätte Ratskeller am Marktplatz ist der Radeberger Pflegestützpunkt der Volkssolidarität geworden.

Seit Jahren betreibt die Volkssolidarität bekanntlich gleich nebenan ihr Betreutes Wohnen. Nun hat der Sozialverband auch die Räume der einstigen Gaststätte übernommen und umgebaut. Hier können nun Pflegebedürftige oder ihre Angehörigen Pflege in den heimischen vier Wänden organisieren. In den ehemaligen Pensionszimmern des Ratskellers im Obergeschoss sind zudem vier weitere Wohnungen des Betreuten Wohnens entstanden.

Seit gut einem Monat brennt nun wieder Licht in den Räumen – und nicht wenige Radeberger lunschen neugierig durch die Fenster. Hier arbeiten nun insgesamt 14 examinierte Krankenschwestern und Altenpfleger der Volkssolidarität, für etwa 110 Pflegebedürftige im Radeberger Land. Und weil professionelle Pflege in Deutschland sehr viel Bürokratie mit sich bringt, sieht die Gaststätte nun auch aus wie ein Büro. Ist es ja auch. „Wenigstens ist jetzt die Praxisgebühr weggefallen, das erleichtert unsere Arbeit etwas“, erzählt Corinna Glück, die Leiterin des neuen Pflegestützpunktes. Genügend Bürokratie ist aber geblieben: „Pflegestufen oder die Beantragung von Heil- und Hilfsmittel müssen nach wie vor akribisch abgerechnet werden,“ so Corinna Glück. Und sie räumt auch gleich noch mit einem Vorurteil auf: „Zu unserem Patientenkreis gehören nicht nur alte Menschen.“ Da sind Schwangere mit komplizierten gesundheitlichen Problemen, Diabetiker, zeitweilig oder dauerhaft Behinderte, Menschen mit schwersten Erkrankungen – und auch die, deren Leben sich dem Ende neigt. In geeigneten Hospizen können längst nicht alle Palliativpatienten untergebracht werden. Und manche Sterbende wollen ganz bewusst dort ihren Abschied von der Welt nehmen, wo sie ihr Leben auch verbrachten: zu Hause.

Die Pflegekräfte der Radeberger Volkssolidarität stellen sich diesen individuellen Herausforderungen jeden Tag aufs Neue. Sensibel werden sie zu Begleitern der Sterbenszeit. Menschenwürde ist für Corinna Glück und ihre Mitarbeiter jedenfalls kein leeres Wort. Gerade in den Dörfern des Radeberger Landes wachsen viele Leute in Großfamilien auf. Großeltern waren und bleiben dort wichtige Bezugspersonen. „Sollten sie am Ende ihrer Tage auf irgendeine Weise pflegebedürftig werden, wollen ihre Familien sie nicht gern ins Pflegeheim geben“, weiß die Fachfrau. Auch wenn dies oft für die Familie eine unbequeme Zeit mit sich bringt. Und nicht zuletzt ist es nicht ganz so einfach, Broterwerb und Pflegealltag in der deutschen Leistungsgesellschaft unter einen Hut zu bringen. Die Pflegekräfte der Volkssolidarität stehen diesen Familien deshalb tagsüber zur Seite. Aber auch Einzelpersonen, die bis zu ihrem Tod selbstständig bleiben wollen, wird ihr Wunsch erfüllt. Dann sind Pflegekräfte oft die einzigen Besucher. „Menschenwürdige Pflege daheim zu organisieren, dafür setzen wir uns jeden Tag aufs Neue ein“, sagt Corinna Glück.

Und so sehen viele Radeberger die anfangs kritisch beäugte Veränderung des Ratskellers mittlerweile durchaus positiv.