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Ermittler sind 40 Autodieben auf der Spur

In der Oberlausitz werden wieder mehr Fahrzeuge gestohlen. Die Wege der Kfz-Mafia führen nach Osteuropa. Die Kripo setzt für Hinweise eine hohe Summe aus.

Symbolbild
Symbolbild © Axel Heimken/dpa

Andrea G. kann es immer noch nicht fassen: Ihr Auto ist weg! Gestohlen am helllichten Tag - und möglicherweise sogar vor Zeugen. Der schwarze Skoda Octavia steht am vergangenen Freitag wie immer auf dem Parkplatz des Norma-Markts an der Hauptstraße in Oberoderwitz, in einer hinteren Ecke, dort, wo die Mitarbeiter ihre Autos parken.

Andrea G. hat an diesem Freitag Frühschicht. Als sie am Nachmittag nach Hause fahren will, steht ihr Auto nicht mehr auf dem Parkplatz. Die Zeit, in der es weggekommen sein muss, kann ziemlich genau eingegrenzt werden. Die Kollegin, die gegen 13 Uhr zur Spätschicht kommt, parkt ihr Auto noch neben dem Skoda. Als gegen halb drei die zweite Kollegin der Spätschicht eintrifft, ist der Oktavia weg.

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Der Skoda von Andrea G. ist weg - auffällig ist der weiße Tigerkopf-Aufkleber.
Der Skoda von Andrea G. ist weg - auffällig ist der weiße Tigerkopf-Aufkleber. © privat

"Warum ausgerechnet mein Auto?", fragt sich Andrea G., "warum ein acht Jahre alter Skoda Octavia?" Und auch noch einer, der zwei sehr auffällige, weiße Tigerkopf-Aufkleber auf der Fahrer- und der Beifahrertür hat. "Nicht mal das hat den Dieb abgeschreckt", sagt die Verkäuferin leise.

Autodiebe arbeiten in mafiösen Strukturen

Oder waren es mehrere Diebe? Bei einem Skoda Oktavia könnte man davon ausgehen. "Die Marke - vor allem auch etwas ältere Jahrgänge - gehört in der organisierten Kriminalität zu den gefragtesten", weiß Katharina Korch von der Görlitzer Polizeidirektion. Daneben sind es vor allem Fahrzeuge von VW, Audi und Mercedes - auch ältere Jahrgänge - und Autos japanischer Hersteller wie Nissan Qashqai, Mazda oder Mitsubishi, auf die es die Banden abgesehen haben.

Es sind mafiöse Strukturen, mit denen es die Ermittler in der grenzüberschreitenden Kfz-Kriminalität zu tun haben. Die Spuren der Autodiebes-Banden führen nach Polen und Tschechien und weiter nach Osteuropa, die Spuren der Skoda-Diebe meistens nach Tschechien. Die Banden-Strukturen ähneln sich: Geknackt werden die Fahrzeuge in der Regel von Elektronik-Spezialisten, die nur wenige Minuten brauchen, um den Schlüssel zu kopieren und das Fahrzeug zu starten.

Erwischt werden auf deutscher Seite aber meist nur die Kurierfahrer. In der Regel sind das junge, drogenabhängige Männer, die in finanziellen Schwierigkeiten stecken oder schnell zu ein bisschen Geld kommen wollen. Sie lassen sich von Kontaktleuten für ein Taschengeld anheuern, um die gestohlenen Fahrzeuge nach Polen oder Tschechien zu bringen. In die Bandenstrukturen sind die Fahrer meistens nicht integriert. Ihre Auftraggeber kennen sie nicht.

Ermittler haben 40 Tatverdächtige im Visier

Und dennoch gelingt es den Ermittlern der Görlitzer Polizeidirektion, die in den Sonderkommissionen Kfz und Argus eng mit dem Landeskriminalamt, der Bundespolizei und den Kollegen in Polen und Tschechien zusammenarbeiten, immer öfter, den Autodieben auf die Spur zu kommen. Allein die bisherigen Ermittlungen zu den Fällen aus diesem Jahr 2020 haben zu 40 Tatverdächtigen geführt: Im Visier der Ermittler sind  27 Polen, fünf Ukrainer, vier Tschechen, zwei Litauer, ein Weißrusse und ein Deutscher, die in Gruppen, aber auch einzeln agieren.

Aber nur in wenigen Fällen sind die Ermittlungen abgeschlossen, sagt Katharina Korch. Eine polnische Tätergruppe aber sitzt in Haft. Durch ihre Festnahme sei es gelungen, die Diebstähle-Serie von Fiat-Transportern und Pkw zu beenden. Doch einer zerschlagenen Automafia-Struktur folgt meistens schnell eine neue, wissen die Ermittler.

449 Fahrzeuge wurden 2019 allein im Bereich der Polizeidirektion Görlitz gestohlen. In diesem Jahr sind die Fallzahlen bisher etwas niedriger. So zumindest sagt es die Görlitzer Polizeistatistik. "Aber der Schein könnte trügen", weiß Katharina Korch. Mehr als zwei Monate lang hatten Tschechien und Polen in der ersten Corona-Welle die Grenzen zu Deutschland geschlossen und auch streng bewacht.

"Die Fallzahlen sind in dieser Zeit sehr deutlich gesunken", sagt die Polizeisprecherin. Und genauso deutlich seien die Diebstahls-Fälle mit dem Tag gestiegen, an dem Polen und Tschechien die Grenzen wieder geöffnet hat.

Belohnung im Mercedes-Sprinter-Fall

Um in ihren Ermittlungen zu einer Diebstahl-Serie weiter voranzukommen, hat die Polizei diese Woche zu einer ungewöhnlichen Methode gegriffen: Seit Mitte Juni werden in den Kreisen Bautzen und Görlitz immer wieder hochwertige Mercedes-Sprinter gestohlen. Für sachdienliche Hinweise, die zu den Tätern führen können, hat die Soko Argus eine Belohnung von 12.500 Euro ausgesetzt. Das Fahndungsplakat - auf Polnisch - wird auch jenseits der Neiße veröffentlicht.

Für Andrea G. ist der Verlust ihres Autos nur schwer zu verkraften. Die Leutersdorferin braucht es dringend, um damit jeden Tag nach Oderwitz zur Arbeit fahren zu können. Ihr Skoda sei auch ein "Glückstreffer" gewesen, erzählt sie. In den ganzen Jahren immer zuverlässig gelaufen, ohne größere Reparaturen. 

Und Andrea G. wird draufzahlen müssen. Die Versicherung ersetzt nur den Wert des gestohlenen Fahrzeugs - nicht aber den Ersatz durch ein neues. "Ich kriege doch für die 9.000 Euro, die der Oktavia noch wert war, nichts Vergleichbares", ärgert sich die 51-Jährige. Zudem muss sie jetzt 30 Tage  warten, erst nach dieser Frist greift die Versicherung. Es könnte ja sein, so die Begründung, dass ihr Oktavia doch noch wiedergefunden wird. Aber Hoffnungen darauf macht Andrea G. sich nicht.

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Und diese Hoffnung machen ihr auch die Ermittler nicht. Wenn die Fahrzeuge einmal über die Grenze gebracht sind, ist es schwierig, sie wiederzufinden. In großen Werkstätten werden sie häufig in Einzelteile zerlegt.

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