merken
PLUS Löbau

Kinder finden Panzergranate in Bach

Drei Jungs wollten nur den Wasserlauf von Müll befreien. Am Ende standen der Kampfmittelbeseitigungsdienst auf dem Grundstück - und viele Fragen im Raum.

Naél, Tamo und Fabio am Flüsschen in Rosenhain, wo sie die Granate fanden. Mit einem Magneten fischten sie die Munition aus dem Wasser.
Naél, Tamo und Fabio am Flüsschen in Rosenhain, wo sie die Granate fanden. Mit einem Magneten fischten sie die Munition aus dem Wasser. © Rafael Sampedro

"Opa, Opa, wir haben eine Bombe gefunden!" Mit diesen Satz stürmten am Sonntagmittag vor einer Woche seine drei Enkel auf Dieter Schulze zu. Die Jungs - Tamo (13) und Naél Chaintiou (9) sowie Fabio Müller (7) - erklärten dem Rosenhainer, dass sie am Grundwasser, einem kleinen Bächlein im Löbauer Ortsteil, etwas Aufregendes gefunden hätten. Regelmäßig, wenn sie bei den Großeltern sind, gehen die Jungs an den Bach, um ihn von Unrat zu säubern. Tamo hatte dazu einen neuen Magneten dabei, um neben Blumentöpfen und Plastemüll auch Metallgegenstände besser herausfischen zu können. "Ich habe das am Anfang gar nicht ernst genommen und noch gefragt, ob die Bombe auch Flügel hat", erinnert sich Schulze.

Dann aber staunte er nicht schlecht: Das, was seine Jungs da herausgefischt hatten, sah aus wie eine Granate oder Panzerfaust - auf alle Fälle wie stark verrostete Munition mit einer Länge von etwa einem halben Meter. "Ich dachte dann, solche Geschosse haben den Zünder in der Spitze und die war so vom Rost zerfressen, da wird es nicht so gefährlich sein", erinnert sich Rosenhainer, der selbst bei der Marine gedient und mit Panzerabwehrgeschossen deshalb weniger am Hut hatte. Wie falsch er damit lag, zeigte sich einige Stunden später.

Bauen und Wohnen
Wohnen Sie noch oder bauen Sie schon?
Wohnen Sie noch oder bauen Sie schon?

Hier finden Sie alles, was Sie fürs Sanieren, Renovieren oder Bauen Ihrer eigenen vier Wände brauchen.

Diese russische Panzergranate vom Typ PG2 haben Kinder in Rosenhain bei Löbau am Grundwasser gefunden. Sie ist rund 50 Zentimeter lang und war zu DDR-Zeiten in Gebrauch von NVA, Polizei und auch Kampfgruppen.
Diese russische Panzergranate vom Typ PG2 haben Kinder in Rosenhain bei Löbau am Grundwasser gefunden. Sie ist rund 50 Zentimeter lang und war zu DDR-Zeiten in Gebrauch von NVA, Polizei und auch Kampfgruppen. © Dieter Schulze

Nachdem die Granate auf der Wiese des heimischen Grundstücks abgelegt worden war, entschloss sich die Familie, zur Sicherheit doch besser die Polizei zu informieren. "Da kamen dann auch gleich zwei Beamte und machten erst mal ein Foto", erinnert sich Dieter Schulze. Das Foto, so erklärt Polizei-Sprecher Kai Siebenäuger, ist in solchen Fällen sehr wichtig und wird dann intern an den Kampfmittelbeseitigungsdienst weitergeleitet. Und die Kollegen dieser Abteilung fanden den Fund in Rosenhain tatsächlich sehr relevant. "Die Beamten von der Streife sind dann bei uns geblieben, bis die Männer vom Kampfmittelbeseitigungsdienst aus Riesa angekommen waren", schildert der Rosenhainer. Und das waren immerhin einige Stunden.

Wie gefährlich die alte Munition ist, wurde Schulze im Gespräch mit den Experten rasch klar: Der Zünder sitzt bei dieser Panzerfaust namens PG2 eben nicht in der Spitze, sondern in der Mitte. Das Geschoss soll ja erst die Panzerung durchschlagen und dann explodieren. Dass die Spitze verrostet war, hätte im Extremfall also nichts an der Gefährlichkeit des Geschosses geändert. "Normalerweise sollte man solche Funde überhaupt nicht anfassen und bewegen, die werden von unseren Experten direkt vor Ort gesprengt", erklärt Siebenäuger. Da nun das Rosenhainer Exemplar bereits bewegt worden war, schätzten die Experten aus Riesa die Gefahr als nicht so hoch ein und nahmen die Granate in einer Box mit.

Reste aus dem Lager der Offiziershochschule?

Das größte aller Rätsel - wie die Munition an das Grundwasser gekommen ist - das vermag derzeit niemand so richtig zu klären. Auch Danilo Baumgarten vom Verein Garnison Löbau, der sich mit Löbaus militärischer Vergangenheit befasst, hat nicht wirklich eine schlüssige Erklärung aus der Historie parat. Aber er bestätigt, dass die PG2 eine typische Munition waren, die zu DDR-Zeiten auch hier vorrätig war. Mit den Kriegszeiten habe das definitiv nichts zu tun. Allerdings wurde auf dem Übungsgelände Georgewitz eher Panzer fahren und nicht das Schießen geübt - schon gar nicht mit scharfer Munition.

"Aber es gab am Löbauer Berg auch ein Munitionslager", überlegt Baumgarten weiter. Gut möglich, dass in den etwas chaotischen Zeiten nach der Wende dort etwas weggekommen ist. Im damaligen Alltag der Offiziershochschule war das hingegen äußerst unwahrscheinlich, weil akribisch darauf geachtet und Buch geführt wurde, dass nichts irgendwie verloren ging. Auch die Idee, die Russen könnten 1968 dort gelegen und Munition dort zurückgelassen haben, ist unwahrscheinlich. "Die Russen lagen mehr Richtung Herwigsdorf, nicht in Rosenhain", sagt Baumgarten. Das bestätigt auch Dieter Schulze noch aus eigener Erinnerung: "Dort ist nichts gewesen, deshalb sind wir ja so verwundert über den Fund." Ob die Panzergranate am Ende doch sogar per Hochwasser mitgespült wurde - was Danilo Baumgarten eher nicht glaubt - oder jemand heimlich die Munition loswerden wollten, bleibt Spekulation. Weitere Teile hat die Polizei im Umfeld der Fundstelle jedenfalls nicht gefunden.

Dankbar für glimpflichen Ausgang

Weiterführende Artikel

Klickstark: Wie der tödliche Unfall passierte

Klickstark: Wie der tödliche Unfall passierte

Eine 86-Jährige kam in Eckartsberg ums Leben - nun ist der Hergang geklärt. Einer der Beiträge aus Löbau-Zittau, über den wir am Montag berichteten.

Weltkriegsmunition stoppt Breitbandausbau

Weltkriegsmunition stoppt Breitbandausbau

Bei Schachtarbeiten im Görlitzer Umland werden Granaten entdeckt. Die sorgen aber nur kurz für Verunsicherung. Allerdings könnte es auch weiter explosiv bleiben.

Familie Schulze saß nach der Polizei-Aktion jedenfalls dann doch der Schreck gehörig in den Gliedern. "Wir haben dann am Abend erst mal darauf angestoßen, dass nichts Schlimmes passiert ist", sagt Dieter Schulze. Und seine Enkel werden beim Säubern des Flusses, auch erst einmal ein bisschen zurückhaltender sein. Zumindest bei solchen Fundstücken. Die Polizei zu rufen, war jedenfalls die richtige Entscheidung, betont der Sprecher der Görlitzer Direktion. "Am besten solche Funde liegen lassen, absperren und vor Ort warten, bis wir eintreffen", erklärt Kai Siebenäuger. Der Fund in Löbau sei generell kein Alltag in den Kreisen Görlitz und Bautzen. Aber es komme eben immer mal wieder vor.

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umland lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umland lesen Sie hier

Mehr zum Thema Löbau