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Wie sich Armut wirklich anfühlt

Vater psychisch krank, Mutter süchtig: Jeremias Thiel hatte einen schweren Start. Doch er hat sich Abitur und Studium erkämpft. Und schreibt davon.

Der Vater psychisch krank, die Mutter süchtig, beide arbeitslos: Jeremias Thiel kommt aus einer sogenannten bildungsfernen Familie.
Der Vater psychisch krank, die Mutter süchtig, beide arbeitslos: Jeremias Thiel kommt aus einer sogenannten bildungsfernen Familie. © Andreas Hornoff

Von Bettina Ruczynski

Elf Jahre ist Jeremias Thiel alt, als er sich seinen Zwillingsbruder Niklas schnappt und zum Jugendamt von Kaiserslautern geht. Dort klopft er an die Tür von Herrn Biller und bittet um Hilfe, weil er das Leben in seiner Familie nicht mehr aushält. „Als wir an die Zimmertür klopften, müssen wir einen vollkommen verwahrlosten Eindruck gemacht haben. Jedenfalls sahen wir wohl schlimm genug aus, dass er sofort alarmiert war. Ich bin diesem Mann bis heute sehr dankbar.“

Was dieser couragierte Schritt, der sich wie Verrat anfühlte, den kleinen Jungen gekostet hat, darüber hat er ein Buch geschrieben. „Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance“ ist zum Bestseller geworden. Darin erzählt der heute 19-Jährige von einem dysfunktionalen Elternhaus, einem Dasein in Armut, ohne Struktur, ohne gesunde Nahrung. Einem Leben voller Misstrauen und Argwohn Ämtern und Behörden gegenüber. 

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Von einer rauen Kindheit, in der Verantwortung, Zuwendung, Fürsorglichkeit und Liebe der Eltern permanent abwesend sind. Vater und Mutter schildert er als überforderte und psychisch kranke Menschen; Langzeitarbeitslose, stigmatisierte Hartz-IV-Empfänger mit Angst vor jedem neuen Tag und seinen für sie kaum zu bewältigenden Herausforderungen.

Der Geruch von Armut

Seit Jeremias Thiel zur Schule geht, managt der bildungshungrige und verantwortungsbewusste Junge das gesamte Leben der Familie. Er erledigt Bankangelegenheiten für die Großen, füllt anstelle der Eltern Formulare für Behörden und Jobcenter aus, kümmert sich um seinen von ADHS geplagten Bruder. Der kleine Kerl übernimmt die Rolle und die Aufgaben seiner Erziehungsberechtigten, bis er einfach nicht mehr kann. Bis seine Kräfte am Ende sind. Kein Wunder: Jeden Tag pünktlich aufstehen, jeden Tag den Bruder und sich für die Schule fertigmachen, jeden Tag funktionieren und den Laden leidlich am Laufen halten. Wie lang soll ein Kind das durchhalten?

Jeremias aus der Hartz-IV-Familie, der nur ein einziges Paar Schuhe aus billigem Plastik für sämtliche Belange des Lebens besitzt, ist ein wissbegieriger Schüler mit guten Noten. Die hätten jedem frisch gewaschenen Mittelschichtskind eine Empfehlung fürs Gymnasium eingebracht. Dem struppigen Jeremias mit den müffelnden Botten allerdings nicht. 

Wie soll ein Kind aus solch bildungsfernen Verhältnissen am Gymnasium überleben? Ganz unverständlich sind solche Überlegungen der Entscheider nicht. Und dennoch hallen der Schmerz und die Enttäuschung darüber, dass damals an einem so entscheidenden Punkt in seinem jungen Leben nicht an ihn geglaubt, ihm und seinen Fähigkeiten nicht vertraut wurde, bis heute nach.

Ohne hohes Politsprech

Herr Biller vom Jugendamt und ein SOS-Jugendhaus werden seine Rettung. „Von dem Moment an, als ich im SOS-Kinderdorf in Kaiserslautern angekommen war, verwandelte sich mein Leben von Grund auf. Zum ersten Mal erlebte ich verlässliche Fürsorge durch Erwachsene, so etwas wie ein strukturiertes Leben … und Ruhe.“ 

So ist es wohl weder Sozialromantik noch Zufall, dass Jeremias Thiel im zarten Alter von vierzehn Jahren in die älteste Arbeiterpartei Deutschlands eintritt. Seither engagiert er sich dort im Kampf gegen die wachsende Kinderarmut in Deutschland und für Kinderrechte weltweit.

Wer sich für politische Talkshows in den Öffentlich-Rechtlichen interessiert, dem dürfte der junge Mann mit dem forschen Seitenscheitel und der aparten Brille bereits aufgefallen sein. Eloquent, klug und voller Empathie spricht er bei Maischberger und Pilawa samt Tietjen darüber, wie sich Armut im Alltag in einem der reichsten Länder der Welt anfühlt. Jeremias Thiel weiß aus eigener Erfahrung, dass nur Bildung hilft. Und dass das System grundlegend verändert werden muss. 

Er lässt sich von routinierten Amtsträgern nicht die Butter vom Brot nehmen und kommt ohne hohles Politsprech aus, wenn er leidenschaftlich ausführt, was nötig ist, um wachsendes Unrecht auszumerzen. Sein Buch ist nicht nur ein packender Erfahrungsbericht, sondern in erster Linie eine ausgezeichnet recherchierte und vor allem recht handfeste Handlungsanleitung dafür, was sich hierzulande ändern muss, um soziale Schieflagen auszugleichen und Chancengleichheit für alle Kinder zu erreichen. Es sollte Pflichtlektüre für sämtliche Abgeordnete des Bundestages werden.

Inzwischen hat Jeremias an einer internationalen Schule in Freiburg sein Abitur gemacht, einen brüchigen Frieden mit seinem Vater erreicht und gelernt, die Ablehnung durch die Mutter („Du bist nicht mehr mein Sohn!“) zu ertragen.

Harvard statt Hartz 4

Verletzungen bleiben, manche für immer. „Ich habe kein selbstverständliches Familiennetz, das mich auffängt, im Kleinen wie im Großen. Die anderen können in den Ferien, zu den Feiertagen nach Hause fahren, dorthin, wo sie hingehören. So einen Ort habe ich nicht. Ich gehöre nirgends richtig hin. 

Letztlich bin ich allein auf mich gestellt, seit ich beschlossen habe, meine Familie zu verlassen. Ich habe einen ziemlich hohen Preis bezahlt, um mir meine Chancen auf Bildung und ein gutes Leben zu erkämpfen. Doch trotz aller Schwierigkeiten, die ich seitdem meistern musste, bin ich froh, dass ich diesen Weg gegangen bin. Geschafft habe ich es aber noch lange nicht.“

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Derzeit geht Jeremias Thiel in den USA aufs College. Sein Traum: Anschließend ein Studium in Harvard. Einer wie Jeremias Thiel könnte gut unser übernächster Bundeskanzler werden. Das wäre nicht nur für ihn ein Erfolg. Und für die Kinder dieses Landes ein Hauptgewinn.

Jeremias Thiel: Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance. Wie sich Armut in Deutschland anfühlt und was sich ändern muss, 220 Seiten, Piper, 16 Euro.

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