merken
PLUS

Dresden

Vorschule nur mit Losglück? 

In einer Dresdner Kita reichen die Plätze für eine begehrte Gruppe nicht aus. Eine Mutter fordert nun Konsequenzen. 

Eine Kita des ASB verfolgt in Dresden erfolgreich ein besonderes Projekt. Die Kinder sind– wie diese Schüler bei den Thüringer Waldjugendspielen – draußen zu Hause. Das führt nun aber zu Konflikten.
Eine Kita des ASB verfolgt in Dresden erfolgreich ein besonderes Projekt. Die Kinder sind– wie diese Schüler bei den Thüringer Waldjugendspielen – draußen zu Hause. Das führt nun aber zu Konflikten. © dpa

Der Streitfall heißt „Naturgruppe“. Was Kita-Leiterin Heike Hessou mit, wie sie selbst sagt, großer Leidenschaft im Jahr 2011 ins Leben gerufen hat, verursacht ihr heute Kopfzerbrechen. Denn die Gruppe ist – mittlerweile – nicht mehr groß genug für die Kinder, für die Heike Hessou das Angebot konzipiert hat. Inzwischen entscheidet das Los, welches Kind einen Platz bekommt. Eine Mutter ärgert das. Sie sieht darin eine Zwei-Klassen-Vorschule und will dafür kämpfen, dass die Naturgruppe entweder komplett aufgelöst oder die Gruppe erweitert wird.

Der Sohn von Jessica Dietrich* ist eines der Kinder, das beim Auslosen zweimal den Kürzeren zog. 2018 war er reguläres Vorschulkind, hatte bei der Auslosung aber Pech. In diesem Jahr wurde er von der Grundschule zurückgestellt und ergatterte wieder keinen Gruppenplatz. Dabei liegt das Problem nicht bei der Kita: Als Heike Hessou das naturpädagogische Konzept entwickelt und nach der Eröffnung der Kita aufgebaut hatte, war die Naturgruppe eigentlich für alle Vorschulkinder gedacht.

Zuverlässigkeit und Erfahrung
Zuverlässigkeit und Erfahrung

Kettensäge kaputt oder Profi-Gerät für´s Wochenende gesucht? Bei HOLDER kein Problem: Onlineshop, Werkstatt und Leihservice sorgen für funktionierendes und passendes Gerät.

Betrieben wird die Kita „Am Lehmberg“ im Dresdner Westen vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB). Dieser hatte sich damals, als die Stadt einen freien Träger für die Kita suchte, mit speziellem naturpädagogischen Projekt beworben – und konnte sich durchsetzen. Für viele Eltern, sagt Hessou, sei die Naturgruppe ein Hauptgrund, ihr Kind anzumelden. Das freut die Pädagogin, jedoch kämpft sie nun seit einigen Jahren mit den Folgen einer Entscheidung des Landesjugendamtes.

Die Behörde hatte 2014 kritisiert, dass zu viele Kinder in die Gruppe, die hauptsächlich im Freien betreut wird, gehen. Das Amt forderte, die Plätze zu begrenzen. Damals betreuten zwei Erzieher mit naturpädagogischer Ausbildung sowie eine Hilfskraft 28 Kinder in der Gruppe. Der städtische Eigenbetrieb Kita hielt 18 Kinder für angemessen. „Wir konnten uns dann zumindest auf 23 Plätze einigen“, erinnert sich Peter Großpietsch, Geschäftsführer beim ASB Dresden und Kamenz. Bei 26 bis 29 Vorschulkindern in der Kita war absehbar, dass es problematisch werden könnte, wenn nicht alle in die Gruppe dürfen. Doch Heike Hessou hielt an ihrem Projekt fest.

Doch warum ist die Naturgruppe bei Familien so beliebt? Die Kita wirbt damit: Im Sommer und Frühjahr verbringen die Kinder mehrere Wochen jeweils von Montag bis Donnerstag im Wald. Im Zschonergrund steht ein Bauwagen, er ist das tägliche Ziel. Von hier aus wird die gepachtete Streuobstwiese erkundet, für den Mittagsschlaf werden die Schlafsäcke ausgepackt, gegessen wird im Freien. Die Kinder spielen im Wald, machen Wanderungen, experimentieren mit Naturmaterialien. Längst nicht alle Eltern wollen, sagt Hessou, dass ihr Kind bei Wind und Wetter im Freien ist und mit schlammigen Sachen zurückkehrt. Daher klärt sie das gleich bei der Anmeldung ab. Für die Naturgruppe schließen Eltern einen gesonderten Vertrag. So könne Hessou besser planen und dafür sorgen, dass die Gruppe immer voll ist.

Was macht das mit der Psyche?

Als Jessica Dietrich ihren Sohn 2015 in der Briesnitzer Einrichtung anmeldete, gab es dieses Verfahren noch nicht. Aber sie habe schon gewusst, dass die Plätze in der Naturgruppe begrenzt sind und gelost werden muss. „Ich habe damals einfach noch nicht daran gedacht, was das für mein Kind bedeuten könnte“, räumt sie ein. Die 29-Jährige berichtet davon, dass ihr Sohn sehr traurig gewesen sei, als sich die Gruppe im August 2018 zum ersten Mal traf und seine Freunde in den Zschonergrund loszogen.

Weil er in der altersgemischten Gruppe in der Kita zurückbleiben musste, hätten ihn seine Kumpels als „Kleinen“ bezeichnet, er habe sich ausgeschlossen gefühlt. Hessou bestreitet, dass es dem Jungen schlecht ging. „Wir schauen bei den Kindern, die nicht in die Naturgruppe kommen, genau hin und würden sofort reagieren, wenn eines von ihnen unter der Situation leidet.“ Das sei auch jetzt wieder so. Denn der Zufall wollte es, dass Dietrichs Sohn auch in diesem Jahr wieder Lospech hatte. „Das ist wie in der Tombola“, sagt die Mutter. Der Dresdner Kinder- und Jugendpsychiater Veit Rößner findet, dass das Vorgehen nicht optimal für die Kinder ist. Klar müssten sie lernen, dass etwas mal nicht klappt; Frustration auszuhalten, gehöre zum Leben dazu. „Beim zweiten Mal hätte er aber dabei sein müssen“, sagt Rößner. Sonst verfestige sich das Gefühl, dass er immer der ist, der nicht ausgewählt wird, der nicht gut genug ist. Wenn das Kind sonst ein stabiles Umfeld und Erfolge habe, etwa in einem Sportverein, müsse das aber nichts sein, was den Jungen aus der Bahn wirft. „Die Mutter sollte ihn aufbauen, ihm sagen, dass es nicht seine Schuld ist.“

Aus pädagogischer Sicht würden die Kinder, die nicht in der Naturgruppe sind, nichts verpassen, sagt Hessou. Sie absolvieren einmal wöchentlich ein Vorschulprogramm mit Zahlenübungen und Bibliotheksbesuchen. An der Situation für den Jungen könne sie momentan nichts ändern, sagt die Kita-Leiterin. „Was soll ich tun? Die Naturgruppe ist voll. Auflösen möchte ich sie aber auch nicht.“ Das wollen offensichtlich auch die meisten Eltern in der Kita nicht: In einer Elternratssitzung hatte Hessou angeboten, die Naturgruppe abzuschaffen, das fand aber keine Zustimmung. Das bestätigt auch Jessica Dietrich.

Mittlerweile hat der ASB beim Landesjugendamt die Erweiterung der Gruppe beantragt – „jedoch mit wenig Aussicht auf Erfolg“, so Geschäftsführer Peter Großpietsch. Dirk Reelfs, Sprecher des Kultusministeriums, bestätigt, dass ein Antrag gestellt wurde. „Das Landesjugendamt hat eine Ausnahmeentscheidung bei entsprechender Untersetzung in Aussicht gestellt“, teilt Reelfs mit. Das heißt: Wenn mehr Kinder in der Naturgruppe betreut werden, ginge das nur mit mehr Erziehern. Erzieher, die Heike Hessou aber in der Kita für die anderen Kinder braucht.

*Name von der Redaktion geändert

Mehr zum Thema Dresden