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Leipziger Kino als Lausitzer Rettungsring

Seit den Nazi-Konzerten hat sich in Ostritz eine bunte Szene entwickelt. Nun gab es dort Filme und Gespräche über Sorgen, Hoffnungen und Mut.

Die Regisseurinnen Juliane Jaschow (l.) und Susanne Kim (2.v.l.) im Ostritzer Mewa-Bad. Seit Jahren engagieren sich Rosanna Pappani (r.) und Melanie Kottek für den Erhalt des kleinen Bades.
Die Regisseurinnen Juliane Jaschow (l.) und Susanne Kim (2.v.l.) im Ostritzer Mewa-Bad. Seit Jahren engagieren sich Rosanna Pappani (r.) und Melanie Kottek für den Erhalt des kleinen Bades. © Matthias Weber

Von Silvia Stengel

Ein Bier – zwei Euro. Melanie Kottek reicht die Flasche über den Tisch. Limo gibt es auch. Eine ältere Frau möchte einen Cocktail. Mojito, was ist das? Mit Minze. Nein, dann lieber einen Gin Tonic. Den hat Melanie Kottek schnell gemixt. Die junge Frau steht am Sonnabendabend im Freibad von Ostritz in der Oberlausitz, gleich neben der Baracke mit den Umkleideräumen. Das „Nachtbaden bei Kerzenschein und Cocktails“ ist immer gut besucht. Halb acht sind es 22 Grad, die Sonne scheint, das Wasser ist leicht angewärmt. Doch diesmal gibt es noch etwas Besonderes dazu.

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Studierende und Lehrende der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst sind mit zwei Regisseurinnen zu Gast. „Kino in Bewegung“ heißt ihre Initiative, mit der sie durch Sachsen reisen. Frederike Moormann hat in Ostritz die Fäden in der Hand. Sie war vorher bei einem Friedensfest in der Stadt und erfuhr davon, wie sich die Menschen hier für ihr Bad einsetzen, das wollte sie unterstützen. Die Leipziger haben schon die Leinwand vor dem Wasser aufgebaut. Rund um das Becken stehen Gläser mit Teelichtern, Bänke und Klappstühle auf der Wiese unter den Bäumen. Eine Frau ist mit ihrem Hund gekommen. Ein Kind rollt auf einem Dreirad an. Ein Mann sitzt still vor sich hin mit einem Bier.

„Wir kämpfen jedes Jahr“

An der Kasse hockt Sabine Frehland. Heute wird zwar kein Eintritt erhoben. Aber jede Spende hilft, und sie freut sich über jeden Euro. Die 63-Jährige ist in Ostritz aufgewachsen und arbeitet hier ehrenamtlich. Wie ein ganzer Freundeskreis, der das Bad erhält und Spenden sammelt, weil der Zuschuss der Stadt nicht reicht. „Wir kämpfen jedes Jahr darum, dass es aufgemacht werden kann“, sagt sie. Das Wasser ist klar. Dennoch klagt die 63-Jährige: „Da müsste ein neuer Filter rein“. Und die Baracke, „alles mit Asbest“, die Wände haben Risse.

Seit zwei Jahren gibt es die Initiative für das Freibad, die auch die Außenanlagen pflegt und Veranstaltungen wie ein Neptunfest und das Nachtbaden organisiert. Selbst die Rettungsschwimmer arbeiten ehrenamtlich, eine Frau über 70 und ein Mann über 80, berichtet Sabine Frehland. Junge Leute wechseln sich mit ihnen ab.

Gegen acht gehen die Ersten ins Wasser: ein junger Mann und vier Mädchen mit einem großen schwarzen Gummireifen. Um einen solchen Reifen geht es auch in dem Film „Trockenschwimmen“ von Susanne Kim. Eine Gruppe von älteren Menschen trifft sich in einem Bad in Leipzig, um schwimmen zu lernen. Eine Frau erzählt von einem Erlebnis in ihrer Kindheit. An einem Badesee hat man ihr einfach so einen Reifen in die Hand gedrückt und sie ins Wasser geschickt, damit könnte sie schwimmen lernen. Allerdings ist sie daran abgerutscht in die Tiefe, und als sie es endlich wieder nach oben geschafft hatte, voller Angst, wurde sie noch ausgelacht von den Leuten am Strand. Sie hat es nie wieder versucht. Nun erst, im hohen Alter und mit anderen, wagt sie es erneut.

Die Zuschauer unterm Sternenhimmel sind gerührt. Die ältere Frau hat sich einen Traum erfüllt, das war gar nicht so schwer, sagt sie noch in dem Film. Darum geht es auch bei ihnen hier im Bad. Die Regisseurin freut sich: „Es war schon immer mein Traum, dass der Film mal in einem Schwimmbad läuft“. Susanne Kim würdigt ihre Darsteller. Das ist schon mutig in dem Alter, sich halbnackt filmen zu lassen und seine Geschichte zu erzählen. Sie sind „total aufgeblüht“, sagt sie, sie hatten noch mal eine tolle Zeit. „Man braucht halt auch Träume fürs Alter“, das nahm die Regisseurin für sich selbst mit. Sie hat schon immer gern älteren Leute zugehört, „die so viele Geschichten in sich tragen“.

Diskussionen gibt es bei einem anderen Film, der vorher in der Baracke gezeigt wird, weil es noch nicht dunkel genug ist. Etwa 50 Leute sind gekommen und sehen „Dunkeldeutschland“ von Juliane Jaschnow und Stefanie Schröder. Die Arbeit ist 13 Minuten lang und als experimenteller Film angekündigt. Aufnahmen in der früheren Orwo-Filmfabrik folgen Szenen im trüben Wasser, Solarplatten, eine Wellnessoase und ein sprechender Wellensittich, der „Pittiplatsch“ und „Spaghetti“ von sich gibt. Kinder lachen über den Vogel.

Der Film ist im Rahmen einer Weiterbildung in Halle entstanden, erklärt Juliane Jaschnow. Sie war auf das Wort „Dunkeldeutschland“ gestoßen und wollte Orte aufsuchen, die dunkel sind oder vernebelt. So kam sie auf den ehemaligen Dunkeltrakt der Orwo-Filmfabrik, dort ist heute ein Museum. Aus Halle/Bitterfeld hieß es zu DDR-Zeiten, es sei dunkel und gebe keine Straßenbeleuchtung, und vielleicht auch keine Perspektive, fügt die Regisseurin hinzu. Viele Orte hätten sich verändert nach der Wende. Genauso ist der See entstanden, das trübe Wasser, das sie gefilmt hat. Dort war früher eine Kleingartenanlage, die geflutet wurde, als der Bergbau nebenan seine Pumpen abstellte.

Ein Mann fängt an zu wettern. Er hat zwölf Jahre im Westen gearbeitet und kennt das Wort „Dunkeldeutschland“ von dort. Die würden wohl in 50 Jahren noch so reden: „als ob wir immer die letzten Menschen gewesen wären“. Die Regisseurin allerdings hat auch schon gehört, dass Bayern als „Dunkeldeutschland“ bezeichnet wurde. Der Mann macht sich Sorgen, wie es in der Lausitz weitergeht: „gerade in der Kohle, was soll da mal werden?“ Eine Frau unter den Zuschauern wollte auch das Positive des Films sehen, dass es jetzt mehr Wildnis gebe, mehr offene Flächen.

Mahnung vor dem Kinosterben

Draußen im Bad steht an diesem Abend auch eine Litfasssäule der Leipziger mit den Stationen von „Kino in Bewegung“. Die Gäste können Kommentare daraufschreiben. Melanie Kottek sagt, dass sie sich mehr Unterstützung vom Land Sachsen wünscht. So ein Bad dient ja nicht nur der Erholung und der Kultur, das hat ja etwas Verbindendes. Die Leipziger verweisen bei ihrer Initiative auch auf das Kinosterben. In den vergangenen zehn Jahren soll Sachsen 19 Prozent seiner Kinos verloren haben. Das Kino in Ostritz wurde lange vorher geschlossen. Melanie Kottek fand das Programm „sehr bewegend“ und „richtig klasse“. Auch das Bier ist gut weggegangen. Die Kästen hat jemand gespendet, so kommen die Einnahmen komplett dem Bad zugute.

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