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Keine Ausnahmen für die Kirche

Ute Saft ist Pfarrerin in Lommatzsch. Die Stelle teilt sie sich mit ihrem Mann. Im SZ-Gespräch spricht die 54-Jährige über Ostern, Corona und ihre Hoffnungen.

Pfarrerin Ute Saft in der leeren Lommatzscher St-Wenzels-Kirche. Zu Ostern ist die Kirche geöffnet, es gibt ab er keine Gottesdienste.
Pfarrerin Ute Saft in der leeren Lommatzscher St-Wenzels-Kirche. Zu Ostern ist die Kirche geöffnet, es gibt ab er keine Gottesdienste. © Claudia Hübschmann

Frau Pfarrerin Saft, Gottesdienste und Andachten sind derzeit wegen der Coronakirse und der damit verbundenen Ansteckungsgefahr untersagt. Fällt Ostern in diesem Jahr aus?

Natürlich nicht. Mit dem Osterfest feiern wir Christen die Auferstehung Jesu von den Toten. Das Fest ist ja nicht gestrichen, es muss nur anders gefeiert werden. Gottesdienste und Andachten dürfen derzeit nicht durchgeführt werden. Wir öffnen zu den sonstigen Gottesdienstzeiten in Lommatzsch und Neckanitz die Kirchen. Die Gläubigen können zu uns kommen, jede zweite Reihe darf mit dem gebührenden Sicherheitsabstand besetzt werden. Der Kantor spielt, es wird aus der Bibel gelesen, stille Gebete sind möglich. 

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Wann sind die Kirchen geöffnet?

Normalerweise finden am Karfreitag um 14 Uhr Andachten zur  Sterbestunde Jesu statt mit Chor und Orchestrierung.  Das muss ausfallen, weil der Chor nicht auftreten darf. Die Kirche ist aber geöffnet. Der Sonnabend ist kirchengeschichtlich ein Trauertag. Deshalb beginnt für Christen  Ostern erst am Ostersonntag. Ab 10 Uhr ist die Kirche in Lommatzsch offen, ab 10 Uhr die in Neckanitz am Ostermontag.  Ich werde da sein, weil es keinen Gottesdienst gibt, habe ich jedoch keinen Talar an, sondern schwarz-weiße Kleidung. Ich werde ein Gebet sprechen, wir werden Lieder singen. Singen tut der Seele gut. 

Am Heiligabend sind normalerweise die Kirchen voll, zu Ostern auch?

Na ja,  in die Lommatzscher Kirche passen 800 Leute, die kriegen wir auch  am heiligen Abend  nicht ganz voll.  Zu Ostern ist es weniger. Obwohl  Ostern  für uns Christen das wichtigere Fest ist, ist es für die Bevölkerung Weihnachten. Doch ohne Ostern würde es Weihnachten gar nicht geben. In diesem Jahr erwarte ich zu Ostern in den offenen Kirchen deutlich weniger Menschen als sonst. An den vergangenen Sonntagen  waren es immer nur kleine Grüppchen, etwa eine Handvoll. Entscheidend ist aber nicht die Anzahl, sondern die Gemeinschaft ist das Wichtigste am Gottesdienst. 

Andere Gemeinden halten Gottesdienste ohne Besucher ab und übertragen diese im Livestream im Internet. Warum wird das in Lommatzsch nicht gemacht? 

Weil wir einfach nicht die technischen Möglichkeiten dafür haben. Unsere Gemeindeglieder können sich aber nach dem Besuch der offenen Kirche Gottesdienste im Fernsehen anschauen.

Stadt- und Gemeinderatsitzungen dürfen unter Einhalten bestimmter Regeln abgehalten werden, Gottesdienste nicht. Ist das nicht unlogisch?

Es geht in dieser Zeit darum, Rücksicht zu nehmen, Verständnis zu zeigen, Kontakte möglichst gering zu halten.  Wir als Kirche sind da keine Ausnahme. Wir können nicht von anderen verlangen, was wir nicht vorleben. Natürlich ist das hart, auch und vor allem bei Beerdigungen, wenn nicht alle Verwandten und Bekannten Abschied von einem geliebten Menschen nehmen können. Aber es ist nun mal nicht zu ändern. Auch ich leide persönlich unter der Situation, kann meinen Mann, der nach einer Erkrankung zur Kur weilt, nicht besuchen.  Dann telefonieren wir eben jeden Tag.

Wir leben in einer hektischen Zeit, die Ressourcen werden gnadenlos ausgebeutet, die Gewinne müssen immer weiter steigen. Ist die Coronakrise ein Zeichen Gottes an die Menschheit, dass es so nicht weitergehen kann?

Das kann man durchaus so sehen. Ich nehme es als Warnung an uns Menschen,  uns zurückzunehmen. Gottes wirken kann man  im Nachhinein erkennen. Vielleicht ist die Krise eine Chance und eine Möglichkeit, unsere Ansprüche zu verändern, bestimmten Entwicklungen Einhalt zu gebieten, zu zeigen, es geht alles auch mit weniger Geschwindigkeit, mit weniger Hektik.  

Zahlen wir jetzt den Preis für die Globalisierung? 

 Wir zahlen den Preis für unser jetziges Leben schon lange, allerdings ist er offensichtlich immer noch nicht hoch genug.  Durch die Krise merken wir jetzt, wie abhängig wir von anderen sind. Zum Schutz unserer Arbeitsplätze und unserer Umwelt wäre es sicher gut herauszufinden, was machbar ist, welche Produkte man wieder in Deutschland herstellen könnte und sollte. Ich für meinen Teil bin durchaus bereit, für einheimische Produkte mehr zu bezahlen, weiß aber auch, dass es viele Menschen gibt, die so wenig Geld haben, dass sie auf preiswerte Waren angewiesen sind.

Haben Sie die Hoffnung, dass sich nach der Krise etwas ändert?

Die Hoffnung habe ich, allerdings nicht auf globale Änderungen. Aber es wäre doch schon etwas wert, wenn Einzelne ihre Einstellung,  ihr Handeln ändern würden. Ein Brot, das drei Tage im Kasten lag, kann man immer noch essen. Es muss nicht immer das neueste Smartphone sein, es muss nicht immer die modernste Kleidung sein, es muss nicht die Karibikreise sein. Unsere Familie verbringt ihren Urlaub in Deutschland oder in Nachbarländern. Es gibt hier so viele schöne Ecken. Wir jammern in Deutschland auf hohem Niveau, sind uns nicht immer bewusst, dass es uns so gut geht. 

Sie und Bürgermeisterin Anita Maaß haben die Lommatzscher aufgerufen, zu Ostern ihre Häuser zu schmücken, Hoffnung zu verbreiten. Wie ist die Resonanz? 

Wenn man durch die Stadt geht, sieht man, dass viele Geschäft und Häuser österlich geschmückt sind. In Lommatzsch gibt es erstmals einen Osterbrunnen. Das Osterfest sollten wir alle als Fest der Hoffnung ansehen. Ein anderes Zeichen, das jetzt überall zu sehen ist,  ist der Regenbogen. Er verbindet und versöhnt nach der biblischen Tradition die Menschen mit Gott und die Menschen untereinander. Mit dem Regenbogen solidarisieren wir uns miteinander und stiften Gemeinschaft, auch wenn Menschen allein sein müssen. Wir wollen damit aber auch etwas Frohsinn und Normalität vermitteln, vor allem jenen, die Angst haben. Und wir schenken denen Hoffnung, die krank sind. 

Zum Thema Coronavirus im Landkreis Meißen berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog!

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