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Kirchweih in Niederoderwitz

Am 12. Oktober feierte Niederoderwitz das 277. Kirchweihjubiläum. Das ist zwar kein „rundes Jubiläum“, aber immerhin ein Anlass, im Lauf der Zeiten innezuhalten und sowohl zurückzuschauen als auch den Blick auf Künftiges zu richten.

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Von Bernhard Stempel

Am 12. Oktober feierte Niederoderwitz das 277. Kirchweihjubiläum. Das ist zwar kein „rundes Jubiläum“, aber immerhin ein Anlass, im Lauf der Zeiten innezuhalten und sowohl zurückzuschauen als auch den Blick auf Künftiges zu richten.

Nötig wurde der Kirchenbau in Niederoderwitz, weil die Kirche aus dem Mittelalter den Ansprüchen einer wachsenen Gemeinde nicht mehr genügte. Sie war alt und baufällig und reichte trotz Zusatzeinbauten und „Anschlagbänkchen“ – wir würden heute von Notsitzen sprechen – einfach nicht mehr aus. Was mich besonders beeindruckt, ist die Tatsache, dass die wirtschaftlichen Verhältnisse der Jahre 1719 bis 1726 alles andere als rosig waren. Es herrschten „große Dürre und Teuerung“ in der Oberlausitz. Die Menschen haben gehungert. Außerdem suchte eine Typhusepidemie das Dorf heim. Trotzdem bauten die Einwohner an ihrer Kirche. Die Niederoderwitzer ließen sich den Bau ihrer Kirche etwas kosten. Auch öffentliche Gelder flossen in den Bau: Der Rat der Stadt Zittau, die Schlossherrschaft von Hainewalde und auch das Rittergut brachten erhebliche Geldmittel auf. Unter der Leitung von Baumeister Johann Förster aus Berggießhübel entstand eine Kirche, die mit ihrem markanten Turm und dem imposanten Satteldach das Bild des Dorfes und der umgebenden Landschaft prägen sollte. Der eindrucksvolle Innenraum ist der Gemeinde in Niederoderwitz zum würdigen Gottesdienst- und Versammlungsraum geworden.

Dankbar sind wir, dass unsere Kirche auch in Kriegszeiten und vor Unglücksfällen bewahrt worden ist.

Inzwischen ist die Kirchgemeinde wieder kleiner geworden. Die 1 100 Mitglieder der Kirchgemeinde Niederoderwitz finden locker im Kirchenraum Platz. Und die Sitze reichen auch noch für Gäste. In absehbarer Zeit werden sich die Schwesterkirchgemeinden Ober-oderwitz und Niederoderwitz zu einer Kirchgemeinde Oderwitz zusammenschließen. Das heißt, wir werden zwei große Kirchen haben – und sie unterhalten müssen. Aber wie betreibt man eine Kirche? Oder zwei? Wie soll die Kirchgemeinde – etwa ein Drittel der Bevölkerung des Dorfes – das kulturelle Erbe bewahren, das früher vom ganzen Ort getragen worden ist? Dass die Kirchen im Dorf bleiben müssen, ist wohl allen klar. Aber was sind uns unsere Kirchen wert? Ich bin sehr froh und dankbar, dass zum Beispiel die Spenden für die wertvollen Glocken in Oberoderwitz zeigten, dass Christen und Nichtchristen die Notwendigkeit und den Sinn des Erhaltens unseres Kulturerbes sehen. Und wenn ich auf die Lebensverhältnisse der Menschen zurückblicke, die unsere Kirchen gebaut haben, und sie mit den materiellen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts vergleiche, dann brauchte ich mir eigentlich keine Gedanken oder Sorgen zu machen: Unsere Gesellschaft ist so wohlhabend, dass es kein Problem sein dürfte, kulturelles Erbe wie die Kirchen in Oderwitz zu erhalten. Aber haben wir auch den Gemeinschaftssinn und das geistige Potenzial unserer Vorfahren? Wollen wir Gemeinschaft, wollen wir Kultur, wollen wir Auseinandersetzung mit unbequemen Anfragen an unserem persönlichen und gesellschaftlichen Lebensstil? Wollen wir Kirche überhaupt? Wenn wir Kirche wollen, dann wird sie im Dorf bleiben. Und dann wird die Kirmes oder das Kirchweihfest einen festen Platz im Festkalender Oberlausitzer Gemeinden haben.

Der Autor ist Pfarrer in Oberoderwitz.