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"Ärzte schliefen auf Stühlen und in Autos"

Weil kirgisische Ärzte in Corona-Quarantäne nicht nach Hause dürfen, mietet eine Dresdner Firma ein ganzes Hotel. Dort erholen sich die Mediziner nun von ihrem harten Job.

In Corona-Montur grüßen diese kirgisischen Mediziner ihre Helfer und Kollegen in Deutschland. Ihre Arbeit ist schwer, aber wenigstens haben sie nun Gelegenheit, sich zu regenerieren.
In Corona-Montur grüßen diese kirgisischen Mediziner ihre Helfer und Kollegen in Deutschland. Ihre Arbeit ist schwer, aber wenigstens haben sie nun Gelegenheit, sich zu regenerieren. © TES Hotel / PR

Dresden. In voller Schutzausrüstung haben sich die Ärztinnen und Ärzte des kirgisischen Klinikums der Stadt Osch für ein Foto aufgestellt. Einer von ihnen zeigt das Victory-Zeichen. Ob die Mediziner in die Kamera lächeln, ist ihren Gesichtern hinter den weißen Schutzmasken und Visieren nicht anzusehen. Doch sie wollen dieses Bild in die Welt senden. 

Der Name ihres Landes fällt in den Nachrichtensendungen nur selten. Wer Anlass hat, sich mit Kirgistan näher zu beschäftigen, erfährt, dass die Menschen dort in diesem Sommer schwer von Corona heimgesucht wurden und dass das Gesundheitssystem den hohen Fallzahlen kaum gewachsen ist. Der weiß, dass die Pandemie sich katastrophal auf das ohnehin schwache Wirtschaftssystem auswirkt und gerade junge Menschen unter der depressiven Stimmung leiden. 

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Einer, der noch viel mehr über die Situation in der zentralasiatischen Republik, die einst zur Sowjetunion gehörte, erzählen kann, ist Stefan Schandera. In Dresden hat der studierte Betriebswirtschaftler und Osteuropawissenschaftler ein Unternehmen gegründet, das sich mit Fachkräfteentwicklung weltweit beschäftigt. Speziell in Kirgisistan arbeitet er mit einer Pflegefachschule zusammen. Ziel ist es, die Ausbildung vor Ort zu optimieren und parallel dazu jungen Leuten die Chance zu geben, bestmöglich vorbereitet einen Job in Deutschland anzutreten. 

Stefan Schandera hat viele Jahre in der Ukraine, in Kasachstan, Usbekistan und in Russland gelebt. Dort war er unter anderem für die Weltbank mit Weiterbildungsprogrammen betraut. Im Nordkosovo leitete er eine private Fachhochschule.
Stefan Schandera hat viele Jahre in der Ukraine, in Kasachstan, Usbekistan und in Russland gelebt. Dort war er unter anderem für die Weltbank mit Weiterbildungsprogrammen betraut. Im Nordkosovo leitete er eine private Fachhochschule. © Sven Ellger

"Weil wir so eng mit vielen Partnern in Kirgisistan zusammenarbeiten und wir die Schwierigkeiten kennen, hat uns eine bestimmte Situation besonders betroffen gemacht", sagt er. Im Klinikum Osch, mit rund 280.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes, kämpfen insgesamt 40 Ärztinnen und Ärzte um das Leben der Corona-Patienten. "Sie arbeiten zwei Wochen lang durch, dann haben sie zwei Wochen Pause, die sie in Quarantäne verbringen müssen", erzählt Stefan Schandera. In dieser Zeit dürfen die Mediziner jedoch nicht nach Hause zu ihren Familien gehen. Sie könnten das Virus womöglich noch weiter verbreiten.

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

"Im Klinikum ist kein Platz, um sämtliche betroffene Mitarbeiter in ihrer Ruhephase vernünftig unterzubringen. Sie schliefen auf Stühlen oder in ihren privaten Autos. Das war kein Zustand." Was können wir tun, um die Lage vor Ort ein wenig zu verbessern? Das fragten sich Stefan Schandera und sein Unternehmenspartner Torsten Swoboda. Die ersten Überlegungen gingen dahin, medizinische Gerätschaften und Medikamente nach Kirgisistan zu bringen. Wie fast überall in der Welt fehlte es auch dort an Beatmungsgeräten. "Aber die Sendung von Medizintechik und Medikamenten war zu schwierig und für uns als kleine Firma kaum zu leisten", sagt Swoboda.

Dann kam ihnen eine geniale Idee: Sie kannten das besonders unter Pamir-Reisenden beliebte Hotel "Tes", das zum Schutz vor Corona seinen Betrieb einstellen musste, und nun leer stand. Betten ohne Schlafgäste hier, Menschen ohne würdigen Schlafplatz dort - das Hotel schien der perfekte Ort zu sein, um den so dringend benötigten medizinischen Fachkräften Raum zum Regenerieren zu bieten. Kurzerhand mieteten Stefan Schandera und Torsten Swoboda mit ihrer Dresdner Firma Eduviso das Gebäude an. Nun wohnen dort abwechselnd 20 Ärztinnen und Ärzte in Quarantäne, während die anderen 20 ihren Dienst in der Klinik versehen. Nicht nur für Unterkunft, sondern auch für die Verpflegung der ungewöhnlichen Hotelgäste kommen die Dresdner auf. 

Auszubildende am ISITO-Kolleg in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek üben, einen Kopfverband anzulegen. Der Lehrplan umfasst auch Deutschunterricht und in Deutschland nötiges Wissen.
Auszubildende am ISITO-Kolleg in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek üben, einen Kopfverband anzulegen. Der Lehrplan umfasst auch Deutschunterricht und in Deutschland nötiges Wissen. © ISITO / PR

Ihr eigentliches Geschäft vor Ort in Kirgisistan, nämlich die Entwicklung und Vermittlung von Fachkräften im Pflegebereich, bringen sie weiter voran - auch dies nicht unbeeinflusst von Corona. Kontakt zu der privaten Fachschule in der Hauptstadt Bischkek, mit der sie zusammenarbeiten, halten sie nun online. Dort läuft gerade das Auswahlverfahren für das neue Lehrjahr. "Etwa 700 Bewerbungen haben wir erhalten", erzählt Stefan Schandera. Zwischen 30 und 50 junge Leute werden Anfang Herbst ihre Ausbildung zur Pflegefachkraft in speziellen Klassen beginnen. 

Die Auszubildenden lernen parallel zum pflegerischen Stoff die deutsche Sprache. Zu ihrem fachlichen Curriculum gehören auch Inhalte, die speziell in Deutschland gefordert sind. Auf diese Weise können die kirgisischen Fachkräfte später schneller ihre Arbeit in deutschen Pflegeeinrichtungen beginnen. 

In Beidem sieht Stefan Schandera seine unternehmerische Verantwortung: Jungen Menschen reale Chancen in Deutschland, vor allem in Sachsen, zu bieten und zugleich die Perspektiven vor Ort zu bessern. Letzteres passiert seiner Erfahrung nach schon durch den Austausch, den Wissenstransfer. So wird auch die Hilfe in Osch mehr sein als eine kurzlebige Aktion. Corona steht auch für neue Wege. 

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