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Wird das Kirnitzschtal dicht gemacht?

Der Corona-Sommer bescherte dem geschützten Tal reichlich Touristen - und so viele Autos wie lange nicht. Das bleibt nicht ohne Folgen.

Der Parkplatz Neumannmühle im Kirnitzschtal am 8. August 2020: hoffnungslos überfüllt.
Der Parkplatz Neumannmühle im Kirnitzschtal am 8. August 2020: hoffnungslos überfüllt. © Steffen Unger

Der Sommer in diesem Jahr war im Kirnitzschtal ein außergewöhnlicher. Vor allem verkehrstechnisch. Die Straßenbahn musste sich nicht selten lautstark den Weg frei klingeln. Oder parkende Autos blockierten die Schienen ganz. Überhaupt wurde das Abstellen der Fahrzeuge zum größten Problem. Autos standen an den unmöglichsten Stellen, die Parkplätze waren schon früh übervoll. Darüber freuten sich maximal die von Starkregen und Lockdown gebeutelten Wirte im Tal.

Keine Frage, Touristen sind in der Sächsischen Schweiz, so auch im Kirnitzschtal, willkommen. Wie viele es in diesem Corona-Sommer waren und ob ihre Zahl tatsächlich so viel höher als in den Vorjahren war, bleibt Spekulation. Zumindest für die Fahrzeuge liegen aber verlässliche Daten vor.

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Am Ortsausgang von Bad Schandau gibt es eine automatische Dauerzählstelle. Demnach befuhren die Staatsstraße S165, also die Kirnitzschtalstraße, im Monat Mai 2020 durchschnittlich 2.310  Fahrzeuge täglich, verteilt ziemlich genau zur Hälfte in jede Fahrtrichtung. Das  ist ein reichliches Fünftel mehr als 2010. 

Ein Spitzenwert wurde am 21. Mai dieses Jahres erreicht: Summiert in beide Richtungen wurden 4.294 Fahrten registriert. Anzumerken ist, dass erst ab Mitte Mai wieder touristische Übernachtungen möglich waren. Damit dürften sich die Zahlen in den Monaten Juni, Juli und August noch deutlich erhöht haben. Eine Auswertung der Zählstelle steht noch aus. Aber Experten gehen davon aus, dass vor allem in den Sommerferien die Verkehrsbelastung des Tales weiter gewachsen ist. Und damit auch das Parkplatzproblem. Denn nur rund 660 Stellplätze gibt es.

Keine überprüfbaren Grenzwerte

Die Nationalparkverwaltung Sächsische Schweiz beschäftigt sich schon länger mit dem zunehmenden Fahrverkehr im Kirnitzschtal und dessen Auswirkungen auf die Natur, auf Fauna und Flora. Bereits im Nationalpark-Programm von 2007 heißt es: "Prüfung von Möglichkeiten einer teilweisen Entlastung der Kirnitzschtalstraße vom motorisierten Individualverkehr zu Schwerpunktzeiten bei gleichzeitiger Förderung von Alternativen." Ein Resultat war damals die Schaffung eines P+R-Platzes in Bad Schandau am Nationalparkbahnhof, inzwischen umgesetzt, aber offenbar nicht ausreichend.

Doch wie ist das mit Abgasen und Lärm, leiden Fauna und Flora tatsächlich darunter? So genau kann man das wohl auch in der Nationalparkverwaltung nicht bewerten. "Die konkreten naturschutzfachlichen Auswirkungen des Kfz-Verkehrs ließen sich früher einfacher bewerten, als die Abgasemissionen bedeutend höher waren als heute. Auch dürften weniger Fahrzeuge Öl oder Treibstoff verlieren", sagt Nationalparksprecher Hanspeter Mayr. 

Beeinträchtigungen durch Lärm seien nur dann besonders hoch, wenn Fahrzeuge nicht zugelassene Auspuffanlagen nutzen. Auch die Abrollgeräusche auf Kopfsteinpflaster seien seit Jahren vorbei. Und die Schäden, die parkende Autos verursachen, wenn sie am oder im Straßengraben parken, würden nur selten naturschutzfachlich wertvolle Flächen treffen. Beeinträchtigungen entstünden durch weggeworfenen Müll am Straßenrand oder an den Parkplätzen. "Das alles führt nicht dazu, dass wir einen überprüfbaren Grenzwert benennen könnten, ab dem das Tal aus Naturschutzgründen für privaten Kfz-Verkehr geschlossen werden sollte", sagt Hanspeter Mayr. Zudem strebe der Nationalpark keine Sperrung des Tales an.

Unter dem Strich leide vor allem der touristische Wert, wenn zu viele Autos am Straßenrand parken, bis dahin, dass Busse und Rettungsfahrzeuge nicht mehr durchkommen.  Als Gegenbeispiel könne man sich den Erlebniswert dieses Tales für Wanderer und Radfahrer vorstellen, in den kurzen Momenten, wo gerade kein Kraftfahrzeug durch das Tal fahre, oder wie zuletzt während des Lockdowns. 

Nationalparksprecher Hanspeter Mayr: "Wie auch immer eine zukünftige Lösung für ein ruhigeres Kirnitzschtal aussieht, sie darf für die Gaststätten im Tal keine Verschlechterung, sie sollte für diese eine Verbesserung bringen."  Er verweist auf den bereits existierenden und ausgebauten öffentlichen Nahverkehr entlang des Kirnitzschtales, sei es mit der Kirnitzschtalbahn oder mit der Bus-Nationalparklinie bis nach Hinterhermsdorf. Nur Besucher, die die Gaststätten aufsuchen können, weil zum Beispiel der Bus bequem vor der Wirtshaustür anhalte, und die sich nicht erfolglos um einen Parkplatz für ihr Auto kümmern müssten, könnten dort auch etwas essen oder trinken. 

Alternativen sind noch in Arbeit

Der gleiche Parkplatz drei Wochen später, am 1. September 2020.
Der gleiche Parkplatz drei Wochen später, am 1. September 2020. © Steffen Unger

Inzwischen überwiegt im Tal tatsächlich wieder das Rauschen der Kirnitzsch. Zum einen haben fast alle Bundesländer ihre Sommerferien beendet. Zum anderen war in den letzten Tagen auch das Wetter weniger einladend. Auf jeden Fall ist dieser Tage wieder  ein Parkplatz im Kirnitzschtal zu haben. Das kann sich bei bestem Wetter an den Wochenenden oder in den Herbstferien wieder ändern. Ob das Tal nächsten Sommer einen Boom wie 2020 erleben wird, darüber sind sich die Experten nicht einig.

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Viel Verkehr ensteht aber auch künftig vor allem an Schwerpunkttagen durch die oft erfolglose Parkplatzsuche. Aus Sicht der Nationalparkverwaltung gibt es zwei Dinge, die Abhilfe schaffen könnten. Erstens wäre eine großräumige elektronische Vorwegweisung hilfreich, die frühzeitig auf belegte Parkplätze im Kirnitzschtal hinweist. Dies müsse zweitens kombiniert werden mit einer höheren P+R-Kapazität am Nationalparkbahnhof Bad Schandau. Aktuell beschäftigt sich im Ergebnis der Nationalpark-Initiative "Fahrziel Natur" eine Studie des Landratsamtes Sächsische Schweiz-Osterzgebirge mit dem Verein Landschaf(f)t Zukunft mit der konkreten Untersetzung solcher Fragen. 

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