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Männer, die nach Fichten angeln

Sicher ist sicher: Mit einem Riesenkran befreien Spezialisten das Kirnitzschtal derzeit von abgestorbenen Bäumen.

Klettern für die Sicherheit Baupfleger von Spezialfirmen fällen abgestorbene Fichten im Kirnitzschtal.
Klettern für die Sicherheit Baupfleger von Spezialfirmen fällen abgestorbene Fichten im Kirnitzschtal. © Mike Jäger

Er ist nur der Dirigent, sagt Steffen Knorre. "Die Musik machen die anderen." Wie ein Maestro sieht der Chef vom Knorre Baumdienst Bautzen nicht gerade aus. Stämmig, mit verwegenem Kopftuch und imposantem Vollbart, steht er am Ufer der Kirnitzsch und späht in die Felsen, zu seinen Leuten. Die Musik, das ist das Singen ihrer Kettensägen, das Brechen der Äste, das Rumoren des Autokrans, der die gefällten Stämme vom Hang empor wuchtet und sie zur Straße hinunter abseilt. Publikum gibt es keins. Das Kirnitzschtal ist an dieser Stelle abgeriegelt.

Der Nationalpark Sächsische Schweiz steckt mitten in der größten Baumfällaktion, die er je zum Schutz seiner Bewohner und Besucher gestartet hat. Der Borkenkäfer ist schuld. Bis Ende 2019 hatte das Insekt vierzig Prozent aller Fichten angegriffen. Darunter sind auch viele Bäume im Kirnitzschtal, etwa hier, zwischen Neumannmühle und Felsenmühle, unterhalb des Großsteins. Hundert Jahre und mehr haben sie an den schroffen Hängen ausgehalten. Jetzt sind die Wipfel braun. Die Stämme werden brüchig. "Es ist schon grenzwertig", sagt Baumdienst-Chef Knorre. Nächstes Jahr um diese Zeit wäre ihm so ein Auftrag bereits zu heikel.

Keine Patentrezepte: Steffen Knorre vom gleichnamigen Bautzener Baumdienst bespricht mit Nationalparkchef Dietrich Butter die Taktik bei den Fällarbeiten.
Keine Patentrezepte: Steffen Knorre vom gleichnamigen Bautzener Baumdienst bespricht mit Nationalparkchef Dietrich Butter die Taktik bei den Fällarbeiten. © Mike Jäger

Normalerweise wird der Borkenkäfer im Nationalpark nicht als Feind betrachtet. Bedroht er keine fremden Wälder oder die Sicherheit, lässt man ihn gewähren und die Baumleichen stehen. Im Kirnitzschtal liegen die Dinge anders. Die romantische Klamm gehört zu den Touristenmagneten der Sächsischen Schweiz. Nationalparkchef Dietrich Butter sieht keine Alternative zum Einschreiten: "Wir müssen die abgestorbenen Fichten so behandeln, dass sie keine Gefahr mehr sind", sagt er.

Die Behandlung betrifft das Kirnitzschtal auf mehr als zehn Kilometern Länge. Für die Arbeiten im Steilhang hat der Nationalpark eine kleine Sondereinheit zur Verfügung. Doch am Großstein sind die eigenen Waldarbeiter überfordert. Die Wände stehen hier fast senkrecht. Seilkletterer sind nötig, der Autokran, der über siebzig Meter hoch ins Gelände greift, auch ein kleinerer Fällkran für die straßennahe Arbeit, dazu Hubbühne, Holzgreifer und ein mächtiges Aggregat, das ganze Bäume schreddert. Acht bis fünfzehn Leute zweier Spezialfirmen sind je nach Lage im Einsatz. Das kostet den Park "eine hohe fünfstellige Summe", so heißt es.

Der Autokran in Stellung: Mit seinem siebzig Meter langen Arm birgt die Maschine gekappte Fichtenstämme aus dem Steilhang bei der Neumannmühle.
Der Autokran in Stellung: Mit seinem siebzig Meter langen Arm birgt die Maschine gekappte Fichtenstämme aus dem Steilhang bei der Neumannmühle. © Mike Jäger

Hauptauftragnehmer ist Steffen Knorre mit seinem Baumdienst. Das Unternehmen sitzt zwar in Bautzen. Doch der Chef ist in der Sächsischen Schweiz aufgewachsen. Deshalb, sagt er, macht ihm die Arbeit hier besonders viel Spaß. Aber sie ist auch ziemlich kompliziert. Die Bäume sind schon länger tot, ihr Verhalten ist beim Sägen schwer berechenbar. Von Fall zu Fall müssen die Arbeiter neu entscheiden, wie sie zu Werke gehen. Da gibt es kein Patentrezept, sagt Knorre. Dabei drängt die Zeit. Fünf Wochen müssen reichen. Mit Straße kehren. "Das ist schon recht knapp."

Die allgemeine Taktik besteht darin, zuerst die unteren Bereiche in Straßennähe mit der Hubbühne von Bewuchs zu säubern, sodass der Kran agieren kann. Dann steigen die Männer auf die Plateaus oberhalb der Abbruchkanten und bringen die kahlen Stämme zu Fall. Die Bäume werden in Stücke geschnitten und am Kranhaken festgemacht. Falls der Kranarm zu kurz ist, müssen die Bäume mit einer mobilen Winde herangezogen werden, bis sie in Reichweite der Ketten sind. 

Platz schaffen für den Kraneinsatz: Mithilfe des Hubsteigers wird der Bewuchs im unteren Bereich der Arbeitsstelle gekappt. 
Platz schaffen für den Kraneinsatz: Mithilfe des Hubsteigers wird der Bewuchs im unteren Bereich der Arbeitsstelle gekappt.  © Mike Jäger

Dass der Nationalpark das Käferholz in Steillagen konsequent bergen lässt, ist neu. Bisher hatte man die Stämme oft am Hang liegen lassen, verkeilt hinter den Stubben. Der Wald braucht die Biomasse, um sich zu regenerieren. Totholz ernährt unzählige Pilz- und Insektenarten. Doch dann brach eines Tages ein Baum bei der Ostrauer Mühle um, raste  auf den quer liegenden Stämmen wie auf einer Rutschbahn talwärts und schlug im Straßengraben ein. Das soll nicht nochmal passieren, sagt Dietrich Butter. "Der große technische und finanzielle Aufwand verdeutlicht den Stellenwert der Sicherheit für die Nutzer der Kirnitzschtalstraße."

Allein beim Großstein sind mehrere Tausend abgestorbene Fichten zu fällen und ins Tal zu bugsieren. Nur wenige Stämme werden im Ganzen abgeseilt, um bei den Knorres für diverse Bauvorhaben verwendet zu werden. 95 Prozent des Holzes frisst der Hacker gleich vor Ort und macht Schnitzel daraus. Zwei bis drei Lastzüge mit Hackschnitzeln, das sind bis zu sechzig Bäume, verlassen täglich das Kirnitzschtal. Ab dem 4. April soll die Straße wieder für alle da sein.  

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