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Wohin mit den vielen Kita-Kindern?

Altenberg wurde völlig überrascht vom wachsenden Bedarf an Plätzen. Jetzt gibt's aber einen Plan.

Von Mandy Schaks
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Was ein Segen für die Gesellschaft ist, wird zum Problem: Die Zahl der Geburten hält nicht mit den Betreuungsplätzen Schritt.
Was ein Segen für die Gesellschaft ist, wird zum Problem: Die Zahl der Geburten hält nicht mit den Betreuungsplätzen Schritt. © Symbolbild: dpa

Der Stadt Altenberg sind ihre Kinder wichtig, auch wenn das der eine oder andere mitunter anders sehen mag. Sonst würde  es sich die Stadt nicht leisten, neun Kindereinrichtungen offen zu halten, um die Mädchen und Jungen möglichst nahe am Wohnort betreuen zu können. Sonst hätten auch nicht die Stadträte über eine Million Euro für dieses und nächstes Jahr für  Investitionen in Kitas bewilligt.  Dass am Ende aber sogar neue Kinderhäuser gebraucht werden, daran hatte vor wenigen Monaten noch niemand gedacht. Verwaltung und Stadtrat wurden im März kalt von der Tatsache erwischt, dass die Betreuungsplätze nicht mehr reichen.

Warum wurde Altenberg von fehlenden Kita-Kapazitäten überrascht?

Bürgermeister Thomas Kirsten (Freie Wähler) und der Stadtrat vertrauten einem Bericht des Hauptamtes vom September. Demnach gab es sogar freie Kapazitäten, 33 Plätze in der Krippe, 77 im Kindergarten und 11 im Hort. Außerdem wurde gerade noch der Schulhort in Lauenstein für  eine Million Euro saniert und erweitert, sodass inzwischen zusätzliche Plätze zur Verfügung stehen und die Interimslösung in der ehemaligen Ortsverwaltung Bärenstein während der Bauzeit  eigentlich wegfallen konnte. "Die Realität hat sich aber anders entwickelt", musste Kirsten in der jüngsten Ratssitzung einräumen.

Wie ist die Situation in den Kindereinrichtungen?

Die Zahl der Kinder, die in den Kitas betreut werden, ist rasant  gestiegen. Binnen eines Jahres meldeten Eltern rund 100 weitere Mädchen und Jungen in den Einrichtungen an, sodass inzwischen um die 550 Plätze belegt sind. Tendenz steigend. Es zeichnet sich nach Analysen und Umfragen ab, dass besonders im Hort, aber auch in  der Kinderkrippe Plätze fehlen mit Schwerpunkt derzeit  im Stadtteil Bärenstein. Die Stadt muss darauf reagieren. Denn sie ist wie jede andere Kommune per Gesetz verpflichtet, jedem Kind ab dem ersten Lebensjahr  einen Betreuungsplatz in einer Kindertagesstätte anzubieten. Ein Anspruch, den die Eltern einklagen können. Die Stadt ist darauf bedacht, den Eltern nach Möglichkeit einen Platz in der Nähe des Wohnortes zur Verfügung zu stellen, um ihnen und ihren Kindern lange Fahrtwege zu ersparen. 

Wo kommen die vielen Kinder mit einem Mal in Altenberg  her?

Darüber wurde lange gerätselt, vor allem weil die  Städte und Gemeinden besonders  auf dem Erzgebirgskamm lange Zeit unter einem Rückgang der Bevölkerung litten. Diese Entwicklung scheint sich gerade wieder umzukehren, zumindest in einigen Orts- bzw. Stadtteilen. So gibt es laut Hauptamt der Stadtverwaltung  wieder regelmäßig Geburten und seit 2017 mehr Zuzüge.  Letztere sind in diesem Jahr spürbar mehr als die Abgänge, was die Situation verschärfte. Dazu kommt  die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt, sodass  wieder mehr Eltern einen Job haben und einen Betreuungsplatz in Anspruch nehmen wollen. Ein Trend, der auch in anderen Städten und Gemeinden im Landkreis zu beobachten ist. Bürgermeister Kirsten freut sich grundsätzlich über diese positive Entwicklung. "Wir sind auch eine Region, die interessant ist für Arbeitgeber", sagte er. Damit sind aber auch Herausforderungen verbunden. Das fängt damit an, attraktiven Wohnraum zu schaffen, und geht bis zu einem ausreichenden Betreuungsangebot für die Kinder.

Warum ist die Lage in Bärenstein besonders angespannt?

Die Kita "Bärenstarke Kinder" in Bärenstein verfügt über 74 Plätze, davon sind derzeit 14 in der Krippe, 44 im Kindergarten und 16 im Hort. Das heißt, die Einrichtung ist voll ausgelastet. Aufgrund der stark steigenden  Kinderzahlen reichen ab dem kommenden Jahr die Plätze für das Einzugsgebiet nicht mehr aus, schätzt die Verwaltung ein.

Wie will die Stadt das Problem lösen und das auch noch in relativ kurzer Zeit?

Es wurden verschiedene Varianten geprüft. Jetzt hat der Stadtrat dem Vorschlag der Verwaltung zugestimmt, Nägel mit Köpfen zu  machen und die Kita in Bärenstein zu erweitern - nicht am selben Standort, aber in der Nähe. Die Stadt will zwei Etagen  von der  ortsansässigen Firma Herbrig & Co. GmbH zunächst für zehn Jahre anmieten. Der Hersteller für Präzisionsdrehteile hat seinen Firmenstandort im Müglitztal erweitert und unter anderem die benachbarte, ehemalige Mittelschule in Bärenstein gekauft. Der geschäftsführende Gesellschafter Christoph Herbrig ist bereit, der Stadt die benötigten Räume zu vermieten. Und er sieht darin sogar einen Vorteil als Arbeitgeber. "Für uns als Firma ist es auch gut, wenn die Kinder der Mitarbeiter gleich nebenan untergebracht sind", sagte er.

Wie viel Platz gewinnt die Stadt mit den neuen Räumlichkeiten?

Die Stadt beabsichtigt, im ersten Obergeschoss 54 Hortkinder unterzubringen. Im zweiten Obergeschoss können drei Gruppen mit je 15  Kindern im Alter von vier bis sechs Jahren betreut werden. Da das Gebäude über einen Fahrstuhl sowie Gruppen- und Nebenräume verfügt, besteht  die Möglichkeit, zehn Integrationskinder aufzunehmen, also Mädchen und Jungen, die einer zusätzlichen Förderung bedürfen.  Es sind aber noch Umbauarbeiten erforderlich. Der Aufwand wird auf rund 200.000 Euro geschätzt. Damit werden in der bisherigen Kita "Bärenstarke Kinder" Plätze frei, die für Krippenkinder umfunktioniert werden.  Nach Einschätzung der Verwaltung  sind dann im Flachbau Kapazitäten da für zwei Krippen- und eine gemischte Krippen-/Kindergartengruppe für insgesamt 43 Knirpse.  Die Interimslösung in der ehemaligen Ortsverwaltung könnte dann laut Bürgermeister Kirsten aufgegeben werden. In beiden Gebäuden  wäre Platz für 142 Kinder. Den Prognosen zufolge steigt der Bedarf bis 2024 auf 125 Plätze. Somit wäre noch ein Puffer vorhanden.

Sind damit in Altenberg alle Kita-Probleme gelöst?

Nein, es  braucht noch Lösungen für das Einzugsgebiet Geising und Altenberg. Einige Vorstellungen gibt es. Doch Kirsten will nichts übereilen. Es werde Schritt für Schritt gemacht, sagte er. So gebe es freie Räume im Vorschloss in Lauenstein. Der einstige Wirtschaftshof der Herrschaft von Bünau wird zurzeit für 3,5 Millionen Euro zum Teil saniert. Das Geld reicht aber nicht, um etwa die geplanten Unterkunftsmöglichkeiten bzw. Wohnungen herzurichten. Dort würde sich aus Kirstens Sicht auch etwas anbieten für die Betreuung von Kindern, sei aber aus finanziellen Gründen derzeit nicht umsetzbar. Zudem gibt es die Idee, ein ehemaliges Grenzgebäude in Zinnwald, zuletzt vom Landkreis genutzt als Flüchtlingsunterkunft, in ein Kinderhaus zu verwandeln. "Unsere Überlegungen gehen momentan Richtung Krippe", sagte Kirsten. "Wir haben das Objekt zurückbekommen und wollen das ausbauen." Es sei hervorragend geeignet. Die Stadt müsse ausreichend Plätze zur Verfügung stellen. Und Fördermittel für Erweiterungen bzw. Neubauten sind rar, das Budget zurzeit ausgeschöpft. Also müsse man zuerst auf das zurückgreifen, was  zur Verfügung steht.

Die ehemalige Mittelschule in Bärenstein soll wieder ein Haus der Kinder werden, zumindest auf zwei Etagen. Ziel ist Frühjahr. 
Die ehemalige Mittelschule in Bärenstein soll wieder ein Haus der Kinder werden, zumindest auf zwei Etagen. Ziel ist Frühjahr.  © Archivfoto: Egbert Kamprath
Kinderbetreuung im Schloss Lauenstein? Möglichkeiten gebe es, hier zusätzlichen Bedarf an Plätzen  zu decken. Vorausgesetzt, es gibt Gelder. 
Kinderbetreuung im Schloss Lauenstein? Möglichkeiten gebe es, hier zusätzlichen Bedarf an Plätzen  zu decken. Vorausgesetzt, es gibt Gelder.  © Archivfoto: Egbert Kamprath
Das ehemalige Grenzgebäude in Zinnwald, zuletzt Flüchtlingsunterkunft, ist wieder frei geworden. Es spielt in den Plänen der Stadt eine Rolle.
Das ehemalige Grenzgebäude in Zinnwald, zuletzt Flüchtlingsunterkunft, ist wieder frei geworden. Es spielt in den Plänen der Stadt eine Rolle. © Archivfoto: Egbert Kamprath