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Klänge für den ersten Wimpernschlag

Musiktherapie heißt nicht, den Patienten einfach etwas vorzuspielen. In der Reha ringt ein ganzes Team um Patienten.

Von Birgit Ulbricht
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Eine völlig alltägliche Situation in der Großenhainer Rehaklinik: Victoria Fuchs mit Gitarre bei ihren Patienten.
Eine völlig alltägliche Situation in der Großenhainer Rehaklinik: Victoria Fuchs mit Gitarre bei ihren Patienten. © Kristin Richter

Großenhain. Musiktherapeutin Victoria Fuchs könnte schwermütig sein, weil sie jeden Tag Leid sieht. Manchmal ist den Patienten auch jegliche Rückkehr in ein Leben, wie wir es auch nur annähernd kennen, verwehrt. 

Doch wenn die Österreicherin mit ihren Klängen durchdringt und auch nur einen Wimpernschlag oder ein Lächeln zurückbekommt, dann besteht Hoffnung. Hoffnung, selbst zu atmen ohne Schläuche, alleine zu essen, auf den eigenen Beinen zu stehen und vielleicht irgendwann selbst einen Fuß vor den anderen zu setzen, Treppen zu steigen, selbst etwas einkaufen zu gehen, was man selbst ausgesucht hat. 

Dafür lebt Victoria Fuchs. Nicht nur sie, sondern Physiotherapeuten, Logopäden, Ergotherapeuten, Neurologen, Masseure, Sporttherapeuten, Pflege- und Servicekräfte, Ärzte mehrerer Sparten und Verwaltungskräfte, die dafür sorgen, dass alles laufen kann.

Ein Geschäft in aller Stille

Die Großenhainer Rehabilitation ist ein stilles Geschäft, seit die Orthopädie wegen der Konkurrenz größerer Kliniken geschlossen wurde. Denn wer hier eingeliefert wird, humpelt nicht mal eben durch die Stadt. Er versucht, atmen zu lernen, zu schlucken, zu greifen. Stehen, laufen ist da schon Aktivismus pur. 

In Großenhain ringen Ärzte und Pfleger um den ersten Wimpernschlag. Die Klinik hat sich konsequent auf die schweren neurologischen Fälle spezialisiert. Nicht nur Schlaganfallpatienten, sondern auch Unfallpatienten und immer häufiger Patienten, die schwerste Operationen zwar überlebt haben, aber danach größte Probleme haben, sind hier. 

Die ersten Lebenszeichen bekommt oft Victoria Fuchs. Mit der Harfe oder Gitarre erlebt sie manches Mal, was keine Apparatur vermag – ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Wenn selbst sprechen nicht mehr geht, kann sich die Musiktherapeutin noch immer mit den Patienten unterhalten. Dann steht sie im Isolationsanzug am Bett und spielt ein Weihnachtslied. 

Es bleiben ihr nur wenige Minuten bis zur völligen Erschöpfung des Patienten, der oft genug schnell einschläft. Die 30-jährige Österreicherin aus der Steiermark strahlt. Sie hat den Patienten erreicht.

Dafür kennt sie alle Abläufe in der Klinik, jede Krankenakte, jedes Befinden. Und man glaubt es kaum, Victoria Fuchs hat eine dicke Mappe von Wünschen. Wer kann, darf sich Musik bestellen. „Ich habe alles, Schlager aus DDR-Zeiten, deutsche Volksmusik, Lieder aus der Steiermark“, sagt sie. Und sie kniet sich rein. 

Fünf Jahre hat sie in Österreich Musiktherapie studiert, hat in Krankenhäusern genauso gearbeitet wie in sozial-medizinischen Zentren und Altenheimen. Dabei sollte aus Victoria Fuchs eigentlich eine Konzertgitarristin werden.

Doch kurz vor Studienbeginn sagte sie ab. Der Grund: der Opa. „Ich hatte zwei Erlebnisse“, erzählt sie. „Mein Opa lag selbst auf der Intensivstation und dort wurde nur das Radio ab- und angeschaltet“, erinnert sich die junge Frau. Für die, die aus einer Musikerfamilie stammt und deren Mutter bereits musikalische Früherzieherin war, kein Zustand.

Heimliche Leidenschaft: Bigband

Das zweite Erlebnis schloss sich wie zufällig an. Sie hatte ihr Studium als Sonderschullehrerin begonnen und erlebte in der Praxis zum ersten Mal, wie schön es ist, mit Behinderten zu arbeiten. Dass es sie glücklich machte, gemeinsam etwas Schönes zu erleben. Beides führte dazu, dass sie sich ganz der Musiktherapie verschrieb.

Ob dem flüchtigen Konzertbesucher eine begnadete Musikern entgangen ist, wer weiß. Victoria Fuchs spielt Harfe, improvisiert leidenschaftlich auf dem Tenor-Saxofon. Ihre heimliche Liebe: jede Bigband. Dass sie natürlich super Gitarre spielt und noch Blockflöte und Trommel, ist fast schon müßig zu erwähnen.

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