merken
PLUS Görlitz

Wie Görlitz Ostern sauber übersteht

Pünktlich an Gründonnerstag gibt es wieder Toilettenpapier zu kaufen. Das freut nicht nur Familien - sondern auch Klärwerker.

So sieht eine Rechenanlage im Klärwerk aus. Hier landen alle die Fremdkörper, die in Toiletten geworfen werden, dort aber nicht hineingehören.
So sieht eine Rechenanlage im Klärwerk aus. Hier landen alle die Fremdkörper, die in Toiletten geworfen werden, dort aber nicht hineingehören. © Archivfoto: Klaus-Dieter Brühl

Es hatte sich seit Montag angebahnt. Nur noch zwei Rollen waren von meiner letzten Toilettenpapier-Beschaffungsmission vor drei Wochen übrig geblieben. Seitdem lag die ganze Wohngemeinschaft auf der Lauer, doch bei unseren Einkäufen bei DM, Edeka und Lidl war nichts zu holen. Am Mittwochabend fiel das letzten Blatt - würden wir Ostern mit Zeitpungspapier überstehen müssen?

Vor drei Wochen wurde ich nach langer Suche fündig - ob das auch am Gründonnerstag klappt?
Vor drei Wochen wurde ich nach langer Suche fündig - ob das auch am Gründonnerstag klappt? © Maximilian Helm

Deutschlandweit hatte der Toilettenpapier-Hype seinen Höhepunkt erreicht. Offenbar hat sich nun auch der Letzte zur Genüge eingedeckt und wird in den nächsten Wochen von Vorräten leben können. Das spürt der Handel: In der vergangenen Woche wurde fast ein Drittel weniger verkauft als noch in den vorherigen sechs Monaten. Zum Vergleich: In der Vorwoche lag dieser Wert noch 50 Prozent über dem Sechs-Monate-Durchschnitt. Die Zahlen stammen vom Statistischen Bundesamt.

Anzeige
"Capriccio" im Semperoper-Stream erleben
"Capriccio" im Semperoper-Stream erleben

Ab Pfingstsamstag ist die hochkarätig besetzte Dresdner Neuproduktion unter der Musikalischen Leitung von Christian Thielemann im Streaming-Angebot.

Doch ist dieser Trend auch schon in Görlitz angekommen? Am Mittwochabend ist davon wenig zu spüren. Eine Passantin gibt mir zwar den Tipp, dass der DM auf der Berliner Straße montags, mittwochs und freitags Ware bekommt - aber es ist schon spät und das nützt mir in dieser Woche ansonsten noch relativ wenig.

Am Gründonnerstag beginnt meine Jagd also früh und scheinbar über Nacht gab es Geschenke: Toilettenpapier gibt es fast überall. Ob der DM auf der Berliner Straße, der Norma im City-Center, das Kaufland und der DM in Königshufen: Überall liegen die begehrten Rollen, teilweise sogar in mehreren Sorten. Das ich das noch erleben darf! Und paradoxerweise haben nur die wenigsten ein Paket im Einkaufswagen, Angebot und Nachfrage sind auf den Kopf gestellt. Doch das harte Toiletten-Frühjahr 2020 scheint vorerst überstanden.

Im März wurde ich in Görlitz-Königshufen fündig.
Im März wurde ich in Görlitz-Königshufen fündig. © Maximilian Helm

Das ist auch noch aus ganz anderen Gründen eine gute Nachricht. Denn viele haben in jüngster Zeit aus Not zu Alternativen wie Feuchttüchern gegriffen. Das ist allerdings eine denkbar schlechte Lösung. In Görlitz warnt die Wohnungsgenossenschaft (WGG) sogar  auf ihrer Internetseite davor. "Wir mussten bereits  zahlreiche Verstopfungen der Abwasserleitungen beseitigen", heißt es dort.  Diese seien auch durch in der Toilette entsorgte Küchen-, Taschen-, Kosmetik- sowie Feuchttücher und ähnliches verursacht worden. Für die betroffenen Mieter könne das sehr unangenehme Folgen haben, besonders dann, wenn aus Toilette, Badewanne oder Dusche das Abwasser zurückdrückt.

14 Havarien wegen Klopapier-"Alternativen"

WGG-Vorstand Simone Oehme bestätigt auf Nachfrage der SZ einen Anstieg der Zahlen: "In den vergangenen 14 Tagen kam es zu Abwasser-Havarien in acht Wohnobjekten." Ursache war in allen Fällen die unsachgemäße Entsorgung von Feuchttüchern, Küchenpapier und anderen Hygieneartikeln, erklärt Simone Oehme. Die Beseitigung sei sehr kostenintensiv und durch die WGG beauftragt und bezahlt worden. 

Das Problem: Die Verstopfungen sammeln sich im Hauptabwasserstrang an und eine Zuordnung zu einem bestimmten Verursacher ist nicht möglich. "Hinzu kommt noch die Beseitigung der Verunreinigungen durch das zurückgestaute Abwasser, also Fäkalien und so weiter", sagt Simone Oehme. 

Die Görlitzer Stadtwerke beschäftigt das Thema bereits seit vielen Jahren, sagt Sprecherin Belinda Brüchner: "Aktuell verzeichnen wir aber keinen Anstieg von Feuchttüchern, Toilettenpapier-Alternativen und Co. in unserem Abwassernetz." Aber: Ob Feuchttücher oder andere Dinge – die Verwendung der Toilette als Mülleimer führe zu Problemen in der Abwasseraufbereitung. Das größte Problem dabei seien Verstopfungen der Pumpen in den Abwasserpumpstationen. 

Pumpen fallen aus

Da sich die Feuchttücher nicht auflösen und zerreißen, wickeln sie sich als „Riesenknäuel“ um die Pumpenräder, die Pumpen fallen aus und das Abwasser kann nicht weitertransportiert werden. Die Stadtwerke-Mitarbeiter müssen diese „Riesenknäuel“ dann manuell aus den Pumpen entfernen. Das sorgt für einen enormen Arbeitsmehraufwand: Die Pumpen müssen außer Betrieb genommen und demontiert werden, um die Tücher von den Laufrädern zu entfernen. Dabei könne es durchaus zu Rückstau und Beeinträchtigungen im vorgelagerten Abwassernetz kommen. Außerdem verursacht es hohe Kosten.

Die Stadtwerke appellieren deshalb an die Görlitzer, keine Toilettenpapier-Alternativen, Feuchttücher, Hausmüll oder Hygieneartikel in der Toilette zu entsorgen. "In die Toilette gehört nur das, was aus dem Körper kommt, sowie Toilettenpapier – alles andere ist Müll", sagt Belinda Brüchner. Das betreffe auch Bratenfett und ähnliches: Fett setzt sich in den Abwasserrohren fest. Damit wird deren Querschnitt immer geringer. 

Das führt letztendlich zu Verstopfungen. "Dieses Problem wird derzeit verstärkt in kleineren Anlagen im Umland festgestellt", erklärt die Sprecherin. Sie geht davon aus, dass infolge der Corona-Krise mehr in den eigenen vier Wänden gekocht wird und somit mehr Fett in den Schmutzwasserkanal und somit in die Pumpstationen gelangt. Auch hier gilt die Bitte: Bratenfett und Co. sollte nicht einfach weggespült, sondern über den Restmüll entsorgt werden.


Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie her.

Mehr zum Thema Görlitz