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Kleine Frau, große Hilfe

Traurig sind die Zustände in tschechischen Kinderheimen. Einer Cunewalderin lässt das keine Ruhe.

Von Katja Schäfer

Prall gefüllte blaue Plastiksäcke. Überquellende Supermarkt-Tüten. Ein schwarzer Koffer. Proppenvolle Windel-Kartons. All das stapelt sich vor dem Haus. Neben der Tür. Auf den Stufen der Treppe. Auf dem Rasen daneben. Ines Schörnig kommt kaum noch durch. Doch sie strahlt. „Ich bedanke mich ganz herzlich bei all den lieben Spendern“, sagt sie. Seit acht Jahren unterstützt die Cunewalderin Kinder- und Behindertenheime in Tschechien, indem sie Bekleidung und andere dringend benötigte Dinge hinschafft.

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Alles fing damit an, dass sie beim Spazierengehen auf ein Heim aufmerksam wurde, in dem traurige Zustände herrschten, es an allem mangelte. Daraufhin sammelte Ines Schörnig von Freunden, Bekannten und Kollegen gebrauchte Sachen ein und übergab sie dem Heim. Freude und Dankbarkeit waren riesengroß. Wie oft die Cunewalderin seitdem schon mit vollgepacktem Auto über die Grenze gefahren ist, kann sie nicht sagen. Acht Heime in Sluknov (Schluckenau), Horni Poustevna (Obereinsiedel) und Lipova (Hainspach) beliefert sie inzwischen regelmäßig. So auch letzten Sonnabend. Beutel um Beutel stopft sie in ihren silbernen Opel Vectra. In den Kofferraum, auf die Rückbank, auf den Beifahrersitz. Auch Monika Montag füllt ihr Auto. Die Eulowitzerin hat schon mehrmals Sachen gespendet. Nun will sie sich mal vor Ort umsehen. „Damit ich weiß, was gebraucht wird“, sagt sie. Ines Schörnig freut sich – über das Interesse und über die zusätzliche Transportkapazität.

Nur mit Mühe lassen sich die Autotüren schließen. Und noch immer liegt ein großer Berg Beutel, Säcke und Kisten vorm Haus, obwohl Ines Schörnig in den Tagen zuvor schon zehnmal in Tschechien war. „Da fahre ich eben morgen noch mal“, sagt die zierliche Frau, die bei der Arbeitsagentur tätig ist und ihren kranken Mann pflegt, als wäre das die normalste Sache der Welt. Die Spritkosten bezahlt sie aus der eigenen Tasche, wenn ihr nicht, wie kürzlich mal, jemand eine Tankfüllung spendet. Sie startet das Auto. Zügig geht es nach Sohland. Kurzer Stopp gleich hinter der Grenze. Denn dort wartet ein VW mit Zittauer Kennzeichen darauf, sich anzuschließen. Auf dem Anhänger stehen prall gefüllte blaue Plastiksäcke. Weiter rollt die kleine Karawane. Vorbei an den Ständen der Vietnamesen in Rozany (Rosenhain). Vorbei am Schluckenauer Schloss. Dann ist das heutige Ziel erreicht. Eine alte Villa direkt an der Straße. Ein kleines Schild neben der hohen Eingangstür weist es aus als zugehörig zum Integrationszentrum Horni Poustevna. Hier und da bröckelt der Putz. Im Mauerwerk sind Risse zu sehen. „Die Wände müssten trockengelegt werden“, sagt Ines Schörnig, bevor das Ausladen beginnt.

Zuerst schleppen die Deutschen die Säcke vom Hänger die Eingangstreppe hoch. Ilona Nentwig aus Ebersbach hat durch eine Nachricht in der SZ von der Aktion erfahren. „Das war für mich Ansporn, endlich die Sachen von meinem Mann auszusortieren, der voriges Jahr gestorben ist“, sagt sie. Alena Zahozkova, eine der Erzieherinnen des Hauses, fasst mit an. Bald stapeln sich Vorraum und im langen Flur Kartons und Säcke. In einem sind Plüschtiere zu erkennen, in einem anderen Stiefel. Etwas getrennt stellt Ines Schörnig Beutel mit Pfefferkuchen und Süßigkeiten, mit Duschbad, Zahnpasta, Windeln und weiteren Kosmetikartikeln ab.

In der Villa leben rund 45 behinderte Erwachsene und Kinder. „Was hier nicht gebraucht wird, wird an die anderen Heime des Integrationszentrums weiter gegeben“, erklärt Ines Schörnig. Sie zeigt auf die bunten Wände im Erdgeschoss. „Hier unten ist schon alles schön gemacht worden. Vorher sah’s ziemlich schlimm aus“, erzählt sie. Die Cunewalderin geht davon aus, dass solche Arbeiten dank der Spenden aus Deutschland möglich sind. Weil die Heime weniger Bekleidung und Kosmetika kaufen müssten, hätten sie Geld für Renovierungen. Da ist auch im Schluckenauer Heim noch einiges zu tun. „Zum Beispiel fehlt eine Badewanne“, sagt Ines Schörnig. Der große Garten hinterm Haus wirkt trist. Spielmöglichkeiten sind ebenso wenig zu sehen wie Bänke.

Gemütlich ist es dagegen in der großen Wohnküche. Nach frischgebackenem Kuchen riecht es dort. Jakob nimmt das nicht wahr. Sieben Jahre ist er alt. Doch er kann nicht sprechen, nicht laufen, nicht allein essen, nicht spielen. Zusammengekrümmt liegt der Junge in einem weichen Nest aus buntem Stoff. Es hat dicke Ränder und steht auf dem Fußboden, damit sich das Kind bei seinen unkontrollierten Bewegungen nicht verletzt. Ines Schörnig streicht ihm über den Kopf und freut sich: „Der Pullover, den er an hat, der ist von uns“. Auch an Christine, einer jungen Frau, die in einem großen Sessel sitzt und vor sich hin brabbelt, erkennt die Cunewalderin Sachen, die sie vor einiger Zeit her brachte.

Alena Zahozkova bedankt sich wieder und wieder für die neue Lieferung, als die Deutschen in ihre Autos steigen. Zu Hause angekommen, rückt Ines Schörnig die restlichen Säcke, Beutel und Kisten an den Eingang heran, so weit es geht. Damit sie vorm Wetter geschützt sind. Ein überdachter Abstellplatz wäre gut – denkt die Cunewalderin nicht zum ersten Mal. Aber wer soll den bezahlen und bauen...

Kontakt: 035877 189473