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Kleiner Mann, kleines Motorrad

Lennox Lehmann aus Dresden fährt Pocket Bike. So erfolgreich, dass er jetzt bei der Deutschen Meisterschaft mitmacht.

© sächsische zeitung

Von Anna Hoben

Manchmal würde sich Manja Lehmann wünschen, dass ihr Sohn ein anderes Hobby hat. Fußball, ein Musikinstrument spielen, am Computer daddeln, was auch immer. Hauptsache, nicht so gefährlich. Aber nein, Lennox wollte ja unbedingt Motorrad fahren. Er ist neun Jahre alt, ein schmaler Junge mit zartem Gesicht und leiser Stimme. Ob er verstehe, wenn seine Mutter sich Sorgen macht? „Ja“, sagt er beflissen. Manja Lehmann lacht, und Lennox verbessert: „Nein, eigentlich nicht.“

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Lennox denkt eher nicht an Gefahr und potenzielle Unfälle. Er sagt: „Es macht Spaß, schnell zu sein.“ Wenn er auf seinem schwarzen Pocket Bike sitzt und Runden dreht, erreicht er Geschwindigkeiten von bis zu 50 Kilometern pro Stunde. Ein Pocket Bike ist ein Motorrad im Miniaturformat, kaum länger als einen Meter und nicht höher oder breiter als 50 Zentimeter. Wörtlich übersetzt: ein Taschenmotorrad.

Alles ging vor zwei Jahren los. Ein Bekannter der Lehmanns ist in einem Rennteam und fragt Lennox, ob er Lust habe, mal auf einem Motorrad zu sitzen. Im April 2013 absolviert er sein erstes Training, eine Woche später fährt er sein erstes Rennen auf einem Pocket Bike. Da ist klar: Es wird noch viel mehr daraus werden. Lennox entwickelt Ehrgeiz, er trainiert und trainiert, startet beim Sachsencup 2013 bei den Einsteigern und fährt auf den sechsten Platz. Zum achten Geburtstag schenken seine Eltern ihm seine erste kleine Rennmaschine. Bei den Junior Open im Sachsencup 2014 macht er den zweiten Platz. Zum neunten Geburtstag im vergangenen November gibt es ein neues Motorrad.

Das neue ist eigentlich ein gebrauchtes. Trotzdem ist Lennox’ Hobby ein teurer Spaß. 1 700 Euro hat die Maschine gekostet, Neupreis etwa doppelt so viel. Pro Saison gibt die Familie 5 000 bis 6 000 Euro für den Sport aus. Nach zwei oder drei Rennen müssen neue Reifen her. Auch die Kupplung ist oft im Eimer. Jeder Sturz lässt die Kleidung durchscheuern. Und selbst ohne Stürze: In seinem Alter wächst Lennox schnell raus aus der Montur.

„Deshalb sind wir immer auf Sponsorensuche“, sagt Manja Lehmann, 37. Inzwischen bekommt ihr Sohn eine kleine Förderung vom ADAC, „das hilft wirtschaften“. Doch nicht nur finanziell ist das außergewöhnliche Hobby eine Herausforderung für die ganze Familie, sondern auch organisatorisch und logistisch. Jedes Wochenende fährt der Vater Tobias Lehmann mit dem Sohn zum Training, im Winter in einer Karthalle am Sachsenring, jetzt im Frühjahr wieder auf der Kartbahn in Freiberg. Mal trainiert Lennox ein paar Stunden, manchmal auch den ganzen Tag. Eine Einheit dauert 15 bis 20 Minuten, in der Zeit fährt er ungefähr 20 Runden.

„Wenn er mit schlechter Laune auf die Rennstrecke kommt“, sagt Manja Lehmann, „kriegt er einen Tunnelblick, und nach einer Weile ist alles weggefahren.“ Beim Training kann sie noch zusehen, bei Rennen linst sie nur ab und zu hin. „Ich bin dann aufgeregter als alle anderen.“

Ein Hobby für die ganze Familie

Seit das Kind Pocket Bike fährt, dreht sich das Familienleben großteils darum. Tobias Lehmann, 36, ist Motivator, Trainer, Tröster, Organisator, Gelegenheitshandwerker und Mahner. Er selbst hat nie auf einem Motorrad gesessen und durch Lennox auch keine eigenen Ambitionen entwickelt. Mit dem Hobby seines Sohnes identifiziert er sich trotzdem. „Am 2. Mai haben wir ein Rennen“, sagt er. Und: „Dieses Jahr wissen wir noch nicht, wo wir stehen, aber ich denke schon, dass wir vorne mit dabei sind.“ Mahnende Töne muss er ab und zu anschlagen, wenn es um die Schule geht. Denn die steht an erster Stelle, auch wenn die Eltern Lennox manchmal freitags aus dem Unterricht nehmen müssen, weil ein Rennen ansteht. Meist stimmen die schulischen Leistungen auch, doch einmal hätten sie beinahe eine Veranstaltung absagen müssen. Da gab es Kullertränen.

Wenn Rennen stattfinden, fahren die Lehmanns zu dritt übers Wochenende an den jeweiligen Ort. Der Sommerurlaub ist wegen der Trainings und Wettbewerbe auf den Herbst verschoben. Und ab der kommenden Saison wird der Winterurlaub sie vermutlich regelmäßig nach Spanien führen. Dann steigt Lennox auf die nächsthöhere Fahrzeugklasse um: das Minibike, so groß wie eine Simson und bis zu 120 Kilometer pro Stunde schnell. Damit kann er in der kalten Jahreszeit nur in Spanien trainieren. „Da bleibe ich dann bei Rennen gleich im Hotel“, sagt die Mutter und lacht.

Anfang Mai geht Lennox bei der Deutschen Meisterschaft, dem ADAC Pocket Bike Cup, an den Start, mit zehn anderen Jungen in seiner Gruppe. Der Neunjährige weiß ganz genau, wo er einmal hin will: in die Königsklasse, zur Moto GP, zu seinem Vorbild Valentino Rossi. Vorerst fährt er aber noch mit dem Fahrrad zur Schule.

Am 26. April findet auf der Kartbahn Saxonia-Ring in Freiberg ein Schnupperkurs mit Pocket Bikes statt. Infos:

www.pocketbike-sachsenevent.de