SZ +
Merken

Kleines Lokal lädt zu gemütlicher Einkehr

WEINHÜBEL. Im alten Dienstleistungsgebäude steht jetzt vor allem Reis auf der Tagesordnung.

Teilen
Folgen

Von Ralph Schermann

Vier Buchstaben genügen, um das Typische der asiatischen Küche zu beschreiben: Reis. „Den gibt es bei uns in allen Lebenslagen“, sagt Nguyen Thi Nga. Als sie 1988 in jenen Teil Deutschlands kam, der damals noch DDR hieß, war sie froh, dass dieses Gericht auch tausende Kilometer fern der Heimat bekannt war. An anderes musste sie sich erst gewöhnen: „Butter war uns kaum bekannt, auch Pommes frites.“ Und natürlich die urdeutsche Bratwurst, zu der sie noch immer keinen Geschmackssinn entwickeln konnte. Nie jedoch hätte die heute 42-Jährige damals gedacht, dass sie sich mit Speis und Trank einmal ihren Lebensunterhalt verdienen würde.

Fleiß in der Textilbranche

Aus Vietnam war sie nach Karl-Marx-Stadt gekommen wie so viele. Im Textilkombinat waren flinke Schneiderinnen wie sie gefragte Kolleginnen. Bald aber reiste sie in die Nähe ihres Ehemannes. Den heute 49-Jährigen hatte es in das Flachglaswerk Uhsmannsdorf verschlagen, und Näherinnen wurden auch in der traditionsreichen Görlitzer Textilbranche gebraucht. Ein Jahr später nicht mehr. Ironie der Geschichte: Die Bekleidungswerke verschwanden auch deshalb, weil deren Kunden plötzlich direkt im billigeren Asien produzieren ließen. Auch im Uhsmannsdorfer Glaswerk schafften weniger Leute plötzlich mehr, um Entlassungen einmal freundlich auszudrücken.

Kinder mögen „Nu“ und „Nee“

Für das Paar aus Vietnam begannen unruhige Zeiten. Die beiden mit den für deutsche Zungen kaum aussprechbaren Namen entschlossen sich dennoch, in Deutschland zu bleiben. Wie so viele versuchten sie, den plötzlich auch bei den Görlitzern aufbrechenden Wunsch nach Asia-Imbiss-Angeboten zu bedienen. Es gelang nicht immer, an wie vielen Standorten sie es auch versuchten. Hier waren Mieten zu hoch, dort blieben Kunden aus. Auf der Lutherstraße zum Beispiel rentierte sich ein Asia-Imbiss nicht mehr, als Finanz- und Arbeitsamt aus der Südstadt zogen. Und in all das Auf und Ab hinein wurden drei Kinder geboren. Nach Hang (16) folgten Daniela (14) und schließlich Andy (6). Sie freilich haben weder mit Pommes frites noch mit der deutschen Sprache Probleme. „Nu“ und „Nee“ sind oft zu hören, und Daniela gehört als ausgezeichnete „Melanchthonschülerin“ sogar mit zu den Besten. Während Hang, die Große, in Dresden eine Lehre als Restaurantfachfrau beginnt, schwebt Daniela ein künftiger Beruf im Bankgewerbe vor.

Stäbchen wollen probiert sein

Mit dem „Lotus“ in Weinhübel haben die Eltern Nguyen voriges Jahr endlich eine passende Einrichtung gefunden. In das 1980 gebaute einstige Dienstleistungsgebäude mit seinen 528 Quadratmetern Nutzfläche zog wieder Leben ein, als im Oktober Eröffnung war. Der kleine Familienbetrieb besteht aus dem Restaurant und einem Handelsladen, dazu gesellt sich noch ein Billard-Café eines anderen Anbieters. Von außen sieht man dem nüchternen barackenähnlichen Bau die gemütliche Gaststätte gar nicht an. Viel Schnörkel, viel Plüsch, viel Rot und Gold – wie es Vietnamesen farblich lieben.

Verblüffend umfangreich präsentiert sich die Speisekarte, es wird chinesisches Bier und vietnamesischer Schnaps „gar nicht selten“ bestellt. „Und immer wieder wollen Gäste auch Stäbchen probieren“, staunt Nguyen Thi Nga. Schon gibt es Stammkunden, und auch Gesellschaften feiern gern in dem neuen Weinhübler Lokal bei Ente, Huhn, Schwein, Rind oder Fisch. Nur die Bratwurst hat weiter Hausverbot.