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Kletterer bohren die Staumauer an

Die Mauer wird untersucht und dafür der Wasserspiegel gesenkt. Fällt die Badesaison deshalb in diesem Jahr aus?

Von Franz Herz

Spaziergänger staksen über die Steine am Ufer der Talsperre Malter. Der Uferstreifen ist jetzt mehrere Meter breit. Am Einlauf oder in den Seitenbuchten hat sich eine Mondlandschaft entwickelt. Tiefe Risse durchziehen den ausgetrockneten Schlamm.

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Torsten Süßmilch ist Spezialkletterer bei der Seiltechnik Dresden. Er seilt sich ab, um Probebohrungen an der Staumauer zu nehmen. Damit er arbeiten kann, wurde der Wasserspiegel abgesenkt. Weite Teile des Sees, vor allem an den flachen Stellen, liegen de
Torsten Süßmilch ist Spezialkletterer bei der Seiltechnik Dresden. Er seilt sich ab, um Probebohrungen an der Staumauer zu nehmen. Damit er arbeiten kann, wurde der Wasserspiegel abgesenkt. Weite Teile des Sees, vor allem an den flachen Stellen, liegen de

„Es ist schon interessant, die Talsperre einmal so zu sehen“, sagt Heiko Fischer. Er ist hier aufgewachsen und war als Kind jeden Sommer hier. Obwohl er jetzt bei Berlin wohnt, geht er immer gerne hier spazieren, wenn er zu Besuch ist. „Schön wäre es natürlich, wenn man am Wasser die Sperre ganz umrunden könnte. Doch da gibt‘s immer wieder die steilen Stücke. Da geht das nicht einmal bei so niedrigem Wasserstand“, bedauert er.

Der Wasserstand in der Talsperre ist seit einigen Wochen drei Meter niedriger als normal. „Wir lassen die Staumauer auf ihren Bauzustand untersuchen“, sagt Eckehard Bielitz, Betriebsleiter bei der Landestalsperrenverwaltung. Schließlich ist sie ja 101 Jahre alt, noch ein Jahr älter als die Staumauer in Klingenberg, die in den vergangenen Jahren komplett saniert worden ist. Steht so ein Kraftakt auch an der Malter bevor? „Endgültig können wir das erst in der zweiten Jahreshälfte beurteilen“, sagt Bielitz. Spezialkletterer haben in den letzten Wochen die Staumauer an verschiedenen Stellen angebohrt und Proben entnommen. Damit sie arbeiten konnten, wurde der Wasserstand gesenkt.

Nun benötigen Ingenieure etliche Monate, um die Bohrkerne aus der Staumauer zu untersuchen. Das sind Gesteinssäulen mit bis zu zehn Zentimeter Durchmesser. Die Löcher in der Mauer haben sie wieder mit Beton verfüllt, ehe das Wasser wieder ansteigt. Die Kerne sind systematisch in verschiedenen Höhen und Breiten genommen worden. Die Talsperrenverantwortlichen wollen einen Überblick über die ganze Mauer gewinnen.

Doch der erste Eindruck bei den Bohrungen war gut. Nach dem, was die Fachleute dabei gesehen haben, ist die Mauer in Malter in besserem Zustand, als es die Klingenberger vor ihrer Sanierung war. „Es zeigten sich keine erkennbaren Probleme“, ist Bielitz schon einmal erleichtert. Doch er will den Untersuchungen der Ingenieure nicht vorgreifen.

Auch bei der regelmäßigen Bauüberwachung haben sich keine Probleme gezeigt. Die Staumauer in Malter ist ähnlich aufgebaut wie die Klingenberger. Entscheidend ist der Zustand der äußeren Mauerschicht auf der Wasserseite. Hier gibt es eine Dichtschicht. Sie verhindert, dass Wasser ins Mauerwerk einsickert und es beschädigt. Dahinter liegt eine Drainageschicht. Dort kann Wasser nach unten wegtropfen, das dennoch durch die Abdichtung gedrungen ist. Wenn es Probleme mit der Dichtung gäbe, würden es die Staumeister an der Drainage erkennen. Die ist aber in Ordnung, berichtet Bielitz.

„Momentan sind keine Probleme erkennbar, dass kurz- oder mittelfristig eine Instandsetzung der Staumauer erforderlich wird“, sagt Bielitz. Das heißt, eine Leerung der Talsperre über ein oder zwei Jahre wie in Klingenberg, bleibt den Anliegern in Malter bis auf Weiteres erspart. Bielitz hofft, dass sich daran auch nach dem Ergebnis der Gutachten bis zum Herbst nichts ändert. Denn er weiß, dass er auf jeden Fall eine Baustelle an der Malter bekommen wird: Der Überlauf der Staumauer wird erweitert. Dabei will die Talsperrenverwaltung den Überlauf so ausbauen, sodass er auch Fluten in einer Höhe übersteht, wie es sie bisher nicht gegeben hat an der Roten Weißeritz.

Modell der Malter entsteht in Siegen

Wenn so wie 2002 und 2013 die Talsperre randvoll ist, läuft das Wasser auf der Seifersdorfer Seite der Staumauer in die Rinne des Überlaufs, unter der Straße hindurch und weiter in der sogenannten Schussrinne in die Wilde Weißeritz. 2002 war diese Rinne den Fluten nicht gewachsen. Das Wasser hat sie teilweise zerstört. Damit das nicht wieder passiert, soll die Malter nun eine zweite derartige Rinne bekommen. Dafür laufen in den nächsten Wochen Modellversuche an der Universität Siegen in Nordrhein-Westfalen. Dort wird ein großes Modell der Talsperre gebaut und die Wissenschaftler können dann verschieden starkes Hochwasser drüberströmen lassen. „Das sind richtig große Anlagen, die mehrere Meter messen, kein Baukasten“, sagt Bielitz. Die Uni Siegen hat in ihrem Wasserbaulabor zwei große Versuchshallen, in denen auch eine Talsperre nachgebaut werden kann.

Solche Modellversuche sind üblich, wenn an Talsperren gebaut wird. Auch vor der Sanierung der Klingenberg wurde diese in Aachen nachgebaut und damit experimentiert. Die Landestalsperrenverwaltung hat diese Versuche öffentlich ausgeschrieben, und für die Malter hat jetzt Siegen das beste Angebot abgegeben. „Wir werden dann unsere Planungen anpassen, je nachdem was die Versuche ergeben“, sagt Bielitz. Er hofft, dass die Planungen für den neuen Hochwasserüberlauf dieses Jahr so weit fertig werden, dass er die Baugenehmigung für das Projekt beantragen kann.

Die Badegäste und Malteranrainer hoffen, dass der Wasserstand schon vorher die alte Höhe wieder erreicht. „Wenn die Badesaison anfängt, möchte das schon sein“, sagt Mathias Schindler, der an der Talsperre sein Restaurant Strandperle betreibt. Bielitz ist dafür auch zuversichtlich. Trotz der derzeitigen Trockenheit ist der Wasserstand in der letzten Woche wieder um einen halben Meter gestiegen. „Und für die nächsten Tage sind ja Niederschläge angekündigt. Ich bin mir sicher: Bis zur Badesaison ist da alles wieder in Ordnung“, sagt der Talsperrenchef.