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Klettertour mit Überraschung

Der gerade beginnende Regen verpasst dem Phonolith-Gestein auf dem Oderwitzer Spitzberg einen heimtückisch rutschigen Charakter. Abbruchstimmung herrscht Sonnabendnachmittag unter den Kletterern und Bergsteigern des Deutschen Alpenvereins, Sektion Zittau.

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Von Torsten Töpler

Der gerade beginnende Regen verpasst dem Phonolith-Gestein auf dem Oderwitzer Spitzberg einen heimtückisch rutschigen Charakter. Abbruchstimmung herrscht Sonnabendnachmittag unter den Kletterern und Bergsteigern des Deutschen Alpenvereins, Sektion Zittau. Die geplante Lagerfeuer-Runde beim traditionellen „Abklettern“ muss halt ausfallen. Nur ein kleiner Teil versucht sich noch etwas schnell an den bereits kräftig lodernden Birkenstämmen zu trocknen. Wenigstens die obligatorischen 48 Meter Aufstieg der „Niederschdurfer Kante“ am so genannten „Ostpfeiler“ konnten noch alle hinter sich bringen. „Von dort hat man eine schöne Aussicht“, meint Wolfgang Glaser.

Gerade von der Seil-Tour gekommen, legt der Jonsdorfer seine Gerätschaften auf dem Boden nieder. Schon in seiner Jugendzeit zog es ihn in felsige Höhen. „Knapp 50 Jahre ist das her“, schmunzelt er dabei. Das mit dem Wetter nimmt er nicht krumm: „Es ist halt eine Freiluft-Sportart. Wenn's regnet, dann regnet es eben.“ Nur auf den Felsen würde es dann besonders gefährlich. Aber für die zahlreichen Bergfreunde unterschiedlichen Alters ist der Tag damit noch lange nicht gelaufen. Einige nutzen die gekürzte Zeit, um sich nach Hause fahrend noch mal etwas schick zu machen. Andere erledigen das unkomplizierter in ihren Pkws auf dem Parkplatz des Berggipfels. In der benachbarten Baude trifft man sich dann am Abend wieder. Eine große Feierrunde mit Kulturprogramm ist vorgesehen. Denn auch der gemütliche auswertende Schwatz gehört zum Ausklang eines zurückliegenden Kletter-Jahres. „Das ist nur eine theoretische Pause“, umschreibt Gottfried Hänchen den Anlass der jährlich wiederkehrenden Veranstaltung am November-Beginn. Denn freilich zieht es viele auch noch danach bei hin und wieder strahlender Sonne auf steinerne Gipfel. Zumal, wenn es sich dann noch um solch erfahrene Berghasen wie ihn handelt. Immerhin seit 53 Jahren geht der Jonsdorfer bereits klettern. „Man kommt nicht los“, nennt der 68-Jährige seine Beweggründe, „und es macht Spaß in der Gemeinschaft.“

Außerdem sei jede Klettertour immer eine Forderung an sich selbst, der geglückte Aufstieg überreichlicher Lohn. Volker Heinrich kann dem nur nickend zustimmen. Erst nach der Wende widmete sich der eigentliche Ski-Alpinist verstärkt dem Bergsteigen und Klettern. „Aus Zeitgründen“, gesteht der Betreiber eines namhaften Sporthauses. Das aufwendige Drumherum der Firma lässt keinen Spielraum mehr für öftere alpine Auslands-Abenteuer. Zu DDR-Zeiten verdiente er noch sein Geld mit gedrehtem Filmmaterial halsbreche-rischer Bergtouren, war unter anderem gleichzeitig Chef der Ski-Akrobatik in der sozialistischen Deutschlandhälfte. Von fantastischen Gipfeln, wie beispielsweise dem Elbrus oder dem über 7000 Meter hohen Pik Lenin, fuhr er damals auf Skiern runter. Heute ist für den 60-Jährigen der tägliche Seil-Ausflug auf den nahen Spitzberg nahezu eine Sucht. Seinem Hausberg hat er sich mittlerweile mit Haut und Haar verschrieben. Seit Anfang 2002 bemüht sich Volker Heinrich mit Unterstützung der Gemeinde und anderer Sportfreunde um die Erhaltung der über 100-jährigen Klettertradition am Oderwitzer Gipfel. Und auf Anregung des einstigen Ski-Alpinisten und aktiven Nachwuchsförderers entstand erst im vergangenen Frühjahr das Familienklettergebiet „Regenbogenklettergarten Oderwitzer Spitzberg“. „Jeder Weg ist farbig gekennzeichnet“, erklärt Volker Heinrich verschiedenste Aufstiegsmöglichkeiten an drei Pfeilern und einem separaten Kinderklettergarten.

Die Resonanz von gerade mal fünf vergangenen Monaten ist gigantisch. Volker Heinrich schlägt eines der beiden Gipfelbücher auf: „Wir haben über 250 Eintragungen, viele von Tschechen, Franzosen, Dänen und sogar Australiern.“ Erfahrungsgemäß, betont er, würde sich aber nur jeder Zweite wirklich auch eintragen. Ein würdiger Anlass also, das Abklettern 2003 gerade hier oben auf dem Spitzberg feierlich zu begehen. Denn die Austragungsorte wechseln regelmäßig Jahr für Jahr ab.

Dass mit dem heutigen Fest aber gleich noch ein rundes Jubiläum rein zufällig entstand, kann Volker Heinrich selbst noch nicht richtig fassen. „In Vorbereitung des heutigen Abends bin ich vor kurzem darauf gestoßen. Noch keiner weiß heute hier davon.“ Genau vor 100 Jahren feierten nämlich alle Sektionen und Vereine der damaligen „Gebirgsfreunde“ schon einmal hier oben das Ende der Kletter-Saison. In einer alten Ausgabe der illustrierten Zeitschrift „Der Gebirgsfreund“ von 1904 stieß Volker Heinrich auf diese kleine Sensation.