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Warum eine Klippenspringerin in Dresden trainiert

Iris Schmidbauer stürzt sich aus 20 Metern in die Tiefe. Das geht nicht immer glimpflich aus. Ihre Gesundheit ist aber nicht ihre größte Sorge.

Spektakulär sieht es aus, wenn Iris Schmidbauer bei der Red-Bull-Serie auf den Azoren durch die Luft fliegt.
Spektakulär sieht es aus, wenn Iris Schmidbauer bei der Red-Bull-Serie auf den Azoren durch die Luft fliegt. © redbullcontentpool/Damiano Levati

Das vergangene Wochenende hat sie auf den Azoren verbracht, 3.400 Kilometer entfernt von Dresden, mitten im Atlantik. Iris Schmidbauer war auf der Inselgruppe, die zu Portugal gehört, quasi beruflich unterwegs – als Klippenspringerin. Davon lebt sie, und dafür lebt sie. Zwischen April und September stehen in diesem Jahr die Stationen Dublin, Beirut, Mostar, Zhaoqing in China und Gwangju in Südkorea auf dem Reiseplan. Dazwischen macht sie immer wieder in Dresden halt.

Es ist die neue Wahlheimat der Münchnerin, seit Januar als Trainingsort, ab September, also nach Ende der Saison, soll es auch ihr Lebensmittelpunkt werden. Aber Klippenspringen in Dresden aus 20 Metern Höhe – wie und vor allem wo soll das gehen? „Es gibt generell kaum eine Möglichkeit, aus dieser Höhe zu trainieren“, erzählt die 24-Jährige. Geübt wird hauptsächlich von Zehnmeter-Türmen – und dafür sind die Bedingungen in Dresden optimal.

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Am Bundesstützpunkt trainiert mit Tina Punzel die beste deutsche Wasserspringerin, allerdings vorzugsweise vom Dreimeter-Brett. „Ich kann mir trotzdem unheimlich viel von ihr abschauen“, sagt Schmidbauer. Das erste Mal war sie auf Einladung des Bundestrainers bei einem Lehrgang in Dresden, danach zu einer Art Probetraining. „Es war wie Liebe auf den ersten Blick“, sagt sie. Die vier anderen Stützpunkte liegen auch alle im Osten der Republik, viel näher an München ist keiner.

In Dresden sucht die 24-Jährige gerade eine Wohnung.
In Dresden sucht die 24-Jährige gerade eine Wohnung. © Sven Ellger

In Dresden will sie vor allem eines: noch besser werden. Dieser Wille treibt sie an, von Beginn an. Der Lebensweg der Iris Schmidbauer ist nicht der typische einer Spitzensportlerin. Als sie 2008 bei den Übertragungen der Olympischen Spiele das erste Mal Wasserspringen sieht, nervt sie ihre Eltern so lange, bis die mit ihr zu einem Schnuppertraining fahren. Da ist sie 13 und als Anfängerin eigentlich viel zu alt. Zunächst trainiert sie einmal pro Woche, also auch noch viel zu selten.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich es einmal zu einer Weltmeisterschaft schaffe“, sagt sie mit Blick auf ihre ungewöhnliche Karriere. Doch das Fliegen und Eintauchen lässt sie nicht mehr los. Mit 19 probiert sie sich erstmals im High Diving aus, wie die Sportart offiziell heißt. Eine deutsche Übersetzung gibt es nicht. Mit 21 absolviert sie ihren ersten Wettkampf.

Auch ihren Studienort wählt sie nach den Trainingsmöglichkeiten aus. Bei einem Besuch in Plymouth im Südwesten Englands erhält sie die Einladung vom dortigen Diving Club. Wenig später schreibt sie sich an der Plymouth University ein, studiert Sporttherapie. „Nach einiger Zeit haben sie dort einen 20-Meter-Turm hingebaut. Das war natürlich ideal für mich“, sagt sie. Mehr als zehn Stunden Training pro Woche sind aber trotzdem nicht drin. Im September 2018 beendet sie ihr Studium – mit Auszeichnung. Seitdem schreibt sie an ihrer Doktorarbeit: „Verletzungen, Rehabilitation und Prävention im High Diving“. Ein anderes Thema hätte verwundert.

Sie kann dabei auch ihre eigenen, schmerzhaften Erfahrungen einfließen lassen. Dreimal schon hatte sie einen „Crash“, wie sie es nennt. Sie verlor jeweils in der Luft die Orientierung, tauchte nicht mit den Füßen zuerst ins Wasser. Einmal hatte sie mit dem Kopf den ersten Kontakt, was beim High Diving eigentlich zu gefährlich ist. Einmal landete sie auf dem Rücken – aus 20 Metern. „Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich im Wasser war und dachte: Warum bist du jetzt nicht im Krankenhaus?“ Sie spuckte Blut, ihr Rücken sah aus wie aufgeschürft, die Ärzte diagnostizierten ein Schleudertrauma.

Iris Schmidbauer  sprang schon von der Küste im italienischen Polignano a Mare.
Iris Schmidbauer  sprang schon von der Küste im italienischen Polignano a Mare. © Iris Schmidbauer

In ihrem Handy hat sie die Fotos gespeichert und auch ein Video vom Unglückssprung. „Das kann ich mir ohne Probleme anschauen“, sagt sie. „Aber direkt danach war mein Selbstvertrauen total zerstört. Ich hatte selbst vom Einmeter-Brett Angst. Vor meinem ersten 20-Meter-Sprung nach dem Unfall war mir richtig schlecht. Aber ich wusste: Da muss ich jetzt durch.“

Mit Psychologen arbeitet sie nicht zusammen, nutzt aber deren Techniken. „Ich visualisiere sehr viel. Das heißt, ich mache die Sprünge in meinem Kopf, und das aus verschiedenen Perspektiven – von der Seite, von oben, von unten. Dabei beantworte ich mir auch meine eigenen Fragen: Warum weiß ich, dass ich es kann? Was spricht dafür, dass es klappt?“

Das Selbstvertrauen ist längst wieder zurück, der Respekt aber geblieben. „Es ist jedes Mal eine Überwindung“, sagt sie. Nach dem Eintauchen verspürt sie keinen Adrenalinkick wie bei einer Fahrt in der Achterbahn. „Es ist vielmehr ein Gefühl der Bestätigung, die Angst besiegt zu haben.“ Vor dem Wettkampf klettert Schmidbauer immer zuerst auf die 27-Meter-Plattform, von der die Männer springen, und schaut runter. „Dann gehe ich wieder auf 20 Meter, und schon sieht es gar nicht mehr so hoch aus“, erzählt sie.

Die Kräfte, die beim Eintauchen auf den Körper wirken, sind enorm. Rettungstaucher müssen immer im Wasser sein, selbst beim Training. Schmidbauer springt nicht öfter als sechsmal am Tag aus 20 Metern. „Und das maximal vier Tage am Stück. Danach sollte man eine Pause einlegen“, erklärt sie. Bei der Red-Bull-Serie gibt es nur zwei Wettkampfsprünge pro Tag.

Der Getränkehersteller nutzt die spektakulären Bilder der ältesten Extremsportart der Welt, organisiert ein eigenes Wettkampfformat vor teils atemberaubender Kulisse – wie auf den Klippen der Azoren. Der Schwimmweltverband Fina entdeckte das High Diving erst viel später, seit 2013 ist es ein Wettbewerb innerhalb der Schwimm-WM. Und es gibt Weltcups.

Bei beiden Serien tritt Schmidbauer an, meist als einzige Deutsche. Anna Bader, ihr großes Vorbild, ist kürzlich zum zweiten Mal Mutter geworden. Die Siegprämien sind ihre einzigen Einnahmequellen. Die Fina zahlt Hotel und Flug und für den Sieg 10.000 Dollar, umgerechnet 8.850 Euro, für den zehnten Platz gibt es noch 1.000 Dollar. Ähnlich sind die Konditionen bei Red Bull. Sporthilfe oder Stellen bei der Bundeswehr, wie bei Spitzensportlern üblich – das gibt es für Klippenspringer nicht. Der Deutsche Schwimmverband übernimmt allenfalls die Kosten für Trainingslager. Die Sportart ist nicht olympisch, deshalb wird nicht gefördert. Die Begründung ist simpel, aber nicht unbedingt logisch.

Am Dresdner Stützpunkt trainiert Schmidbauer zusammen mit Kaderathleten, die ihren monatlichen Sold von der Bundeswehr bekommen. Mit Tina Punzel und wahrscheinlich auch Martin Wolfram fliegt sie im August zur Schwimm-WM nach Gwangju. Vor zwei Jahren in Budapest belegte sie Platz zehn, nun liebäugelt sie mit Bronze. Das Dresdner Trio springt für ein Team, aber mit verschiedenen finanziellen Voraussetzungen.

Schmidbauer will nicht klagen, ein Problem ist es trotzdem. „Ich hoffe, dass ich einen Sponsor finde“, sagt sie. Noch wohnt sie bei Freunden in Dresden, ab September möchte sie in eine eigene Wohnung ziehen. „Ich bin mir sicher, dass ich noch erleben werde, wenn Klippenspringer bei Olympischen Spielen starten“, erzählt sie. Warum auch nicht, wenn inzwischen Klettern und Breakdance ins Programm aufgenommen wurden. Und vielleicht ist Schmidbauer sogar noch als Athletin dabei. „Ich kann das schon noch einige Jahre machen“, findet sie.

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Am anderen Ende der Welt hofft Klippenspringerin Iris Schmidbauer, dass es bald wieder Wettkämpfe gibt. Erst dann kann sie wieder von ihrem Sport leben.

In Dresden trainiert sie nun professionell. „Ich habe hier schon große Fortschritte gemacht.“ Dabei war die Umstellung von den Einheiten in Plymouth zu denen bei Boris Rozenberg gewaltig. „Ich habe jetzt einen Trainingsplan, da steht genau drin, was ich machen muss. Das bin ich nicht gewohnt.“ Um von zehn Metern ihre Sprünge üben zu können, teilt sie die in zwei Phasen. Die erste ist nahezu identisch mit einem normalen Turmsprung, in der zweiten zeigt sie den Barani. Dieses Element kommt vom Trampolinspringen, dabei wird der Körper so gedreht, dass die Füße nach unten zeigen und zuerst eintauchen. „Erst am Wettkampfort kann ich die beiden Hälften zusammensetzen“, erklärt sie. So wie am Wochenende auf den Azoren.

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