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Knapp bei Kasse, aber unternehmungslustig

Vor gut 80 Jahren war zeitweise jeder fünfte Freitaler ohne Arbeit. Die Lust aufs Vergnügen minderte das nicht.

Von Heinz Fiedler

Die junge Stadt Freital ist wahrlich nicht auf Rosen gebettet. Nöte und Turbulenzen nehmen kein Ende, jeder Tag bringt neue Probleme. 1930 erlebt Freital einen Sorgensommer von noch nicht gekanntem Ausmaße. Von den rund 35 000 Versicherungspflichtigen des Arbeitsamtsbezirkes ist jeder Fünfte ohne eine bezahlte Beschäftigung. Die Statistik weist 7 800 Erwerbslose aus – eine Schreckensbilanz und keine Besserung in Sicht. Im Rathaus herrschen Verzweiflung und die Erkenntnis, dass sich nur mit eiserner Sparsamkeit eine Besserung erreichen lässt.

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Ende der 20er-Jahre: arbeitslose Freitaler vor der Stempelstelle auf dem Potschappler Steigerplatz. In der Stadt am Windberg lag die Zahl der Erwerbslosen und Versorgungsempfänger extrem hoch. Sammlung: Siegfried Huth
Ende der 20er-Jahre: arbeitslose Freitaler vor der Stempelstelle auf dem Potschappler Steigerplatz. In der Stadt am Windberg lag die Zahl der Erwerbslosen und Versorgungsempfänger extrem hoch. Sammlung: Siegfried Huth

In einer außerordentlichen Sitzung beschließt der Rat einschneidende Maßnahmen. Von heute auf morgen werden die Zuschüsse für die Schulspeisung um die Hälfte reduziert. Aus der Aufkündigung der städtischen Mitgliedschaft in diversen örtlichen Vereinen soll sich eine Einsparung von 4 400 Reichsmark ergeben. Mit sofortiger Wirkung gibt’s keine Beleuchtung für die Turmuhr des Potschappler Rathauses. Städtische Anschlagstafeln werden an Privatleute verkauft.

Heiratslust ungebrochen

Frohe Kunde kommt Anfang 1930 aus dem Lager der Reichspost. Man werde schon in wenigen Wochen mit dem Bau eines für Freitaler Verhältnisse großen Postamtes beginnen. Sein Standort: Der ehemalige 04-Sportplatz nahe der Gasanstalt im Bereich der heutigen Lutherstraße, Abzweig Potschappler Straße. Die Arbeiten übernimmt die Baufirma Kell und Löser Dresden. Die Post hält Wort. Der Rat knüpft an das seit Langem herbeigesehnte Vorhaben eine Reihe von Auflagen. Hauptpunkt: Die Post hat nach Inbetriebnahme in erster Linie Freitaler Einwohner zu beschäftigen. Eine Forderung, die eingelöst wird. Mit dem Neubau freunden sich die Einwohner rasch an. Schade, dass das am 12. August 1930 eröffnete Hauptpostamt inzwischen seine Pflicht und Schuldigkeit getan hat. 1999 war Feierabend. Ein Objekt, das uns Freitalern in guter Erinnerung geblieben ist.

So ungünstig die Voraussetzungen auch sind, 1927 zeichnet sich eine hohe Heiratsbereitschaft ab. 299 Paare eilen zum Standesamt. Eine durchaus respektable Zahl, ist doch Freital wesentlich kleiner als in unseren Tagen. Von den frisch gebackenen Ehepaaren sind allerdings nur 45 im Besitz einer eigenen Wohnung. Der Rest quartierte sich in Elternhäusern oder Einzelzimmern ein, die als Küche, Stube und Kammer dienten.

Bei angehenden Ehemännern dominierte die Altersspanne von 25 bis 35, bei Bräuten zwischen 20 und 25. 31 der Herren und 21 der Damen versuchten es zum zweiten Mal. Der Jahrgang 1927 begnügte sich mit 24 Ehescheidungen, ein Ergebnis, das heute erheblich übertroffen wird. In 19 Fällen erklärte man den Mann zum schuldigen Teil, Hauptmotiv: Ehebruch.

Vier Veranstaltungen täglich

Eines muss man unseren Vorfahren lassen. Obwohl nahezu jeder mit dem Pfennigrechnen musste, war vielen das Ausgehen überaus wichtig. Eine von der Stadtverwaltung Freital vorgelegte Statistik, bezogen auf das Jahr 1925, weist aus, dass im Ablauf dieses Jahres im Stadtgebiet 1 694 Veranstaltungen angeboten wurden, umgerechnet vier pro Tag. Wenn man wollte, konnte man rund um die Woche tanzen. An den Wochenenden, vor allem sonntags, füllte sich jeder Saal. Auf den Plätzen der nunmehr 86 Jahre alten Bilanz: öffentliche Vereinsabende, Theateraufführungen von Amateurensembles, Vorträge, Kinobesuche, Sommerfeste und nicht näher definierte Tingeltangel-Volksbelustigungen.

Die von der Stadt vorgelegte Dokumentation darf als hieb- und stichfest gelten. Man führt im Rathaus genauestens Buch, weil jeder Veranstalter Vergnügungssteuer zu entrichten hat. Balsam für das unter chronischer Schwindsucht leidende Stadtsäckel.

Eine Königin im Rathaus

Noch eine kleine Episode am Rande. Für weibliche Reize hat man im Krisensommer 1930 selbst im Rathaus ein Auge. Die deutsche Schönheitskönigin des Jahres Fräulein Lydia Nitykowski aus Berlin weilt zu Verwandtenbesuch in Freital. Die Stadtverwaltung gibt zu Ehren der 23-jährigen Schönheit einen kleinen Empfang mit Handküsschen und belegten Brötchen. Die Dame aus Spree-Athen ist entzückt und äußert sich gegenüber dem anwesenden Glück-Auf-Reporter: „Freital ist eine der charmantesten Städte, die ich kenne.“ Was für ein Kompliment! Immerhin hatte Fräulein Lydia bis dahin einige Vergleichsmöglichkeiten.