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Knappe Schlafplätze für Obdachlose

Dresdens Kirchgemeinden bieten im Winter Übernachtungsmöglichkeiten an. Doch das Projekt stößt nun an Grenzen.

© Steffen Füssel

Von Jana Mundus

Während es sich die anderen schon auf ihren Matratzen in der Dreikönigskirche bequem machen, greift Christian zu seinem Buch. Es ist kurz nach 22 Uhr, in dem Gotteshaus wird es langsam still. Der 34-Jährige liest noch ein paar Seiten in „Die Hyperion-Gesänge“ des Autors Dan Simmons. Über 1 400 Seiten dick ist der Wälzer, in dem es um sieben Pilger auf einem fernen Planeten geht. Christian ist auch eine Art Pilger – auf Dresdens Straßen. Hier lebt er.

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Es ist sein erster Winter als Obdachloser. Vor einiger Zeit kam er in einem leer stehenden Haus unter. „Aber das geht jetzt nicht mehr“, erklärt Christian. Noch meint es das Wetter gut mit ihm und den anderen Obdachlosen in der Stadt. Es liegt kein Schnee, die Temperaturen sind erträglich. Nachts ist es jedoch zu kalt, um unter freiem Himmel zu schlafen. Einen Schlafplatz finden Betroffene wie Christian dann im Nachtcafé der Dresdner Kirchgemeinden. Doch das Projekt, das von ehrenamtlichen Helfern lebt und von den Gemeinden finanziert wird, kommt derzeit an seine Grenzen. Die Verantwortlichen fordern dringend Hilfe von der Stadt.

Insgesamt 29 Übernachtungsgäste begrüßt Steffen Kühne an diesem Abend. Im Auftrag des Nachtcafé-Koordinierungskreises, in dem die Kirchgemeinden zusammenarbeiten, übernimmt er die Organisation des Angebots. Um 20 Uhr hat er die Tür zu den Räumen der Dreikönigskirche in der Nähe des Albertplatzes aufgeschlossen. Wie jeden Abend standen da bereits die ersten Obdachlosen vor der Tür, warteten auf eine warme Mahlzeit und einen Schlafplatz. „Wer zeitig kommt, kann sich einen guten Platz sichern“, sagt Kühne.

Bei Kälte kommen 35 Obdachlose

Das ist in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden. Denn die Zahl der Übernachtungsgäste steigt. In besonders kalten Nächten kommen auch mal bis zu 35 Menschen. „Schon am heutigen Abend haben wir für vier oder fünf Leute keine Matratzen und Bettzeug mehr“, erläutert Kühne das Problem. Hinzu käme das allgemeine Platzproblem. Manche Räume seien lediglich für bis zu 25 Leute ausgelegt.

Die Aufgabe der 170 ehrenamtlichen Helfer in den Nachtcafés wird dadurch immer größer. Bereits zum 19. Mal bieten die Kirchgemeinden in diesem Winter die Nachtcafés an. Vom 1. November bis 31. März finden Obdachlose dort zwischen 20 Uhr und 7 Uhr des nächsten Tages einen Unterschlupf, können sich duschen und ihre Wäsche waschen lassen. Auch eine medizinische Betreuung wird angeboten. Jeden Abend ist eine andere Gemeinde Gastgeber. Zu Beginn der Nachtcafé-Saison standen die Organisatoren diesmal vor einem großen Problem. Weil die Laubegaster Christophoruskirche wegen der Schäden des Elbe-Hochwassers erst ab 7. Januar für das Projekt nutzbar ist, fehlte am Dienstagabend in den ersten Wochen ein Ersatzort. Die Obdachlosen mussten draußen schlafen. Erst ab 10. Dezember konnte die methodistische Emmauskirche die Betreuung bis Jahresende übernehmen. „Dass die Stadt selbst in dieser Situation nicht reagiert hat, ist für mich unverständlich. Sie hätte doch sicherlich Räume gehabt“, so Michael Schulz von der Stadtmission der Diakonie, die Nachtcafés auch unterstützt.

Die Stadt sieht jedoch keinen Grund zum Handeln. Für Beratung und Betreuung der Obdachlosen gab sie 2013 insgesamt 835 000 Euro aus, hinzu kamen noch 136 000 Euro für die Unterstützung solcher Projekte. Die Nachtcafés seien laut Stadtsprecher Bernd Opitz ein zusätzliches Angebot. Für die Unterbringung wohnungsloser Menschen stünden in Dresden immerhin sieben Heime mit 278 Plätzen zur Verfügung. Außerdem noch einmal 13 Plätze in Wohnungen sowie fünf Notschlafplätze.

Eine Rechnung, die laut Edmund Lawrenz von der Stadtmission nicht aufgeht. „Diese Debatte führen wir schon seit Jahren. Die Stadt sagt immer, es gäbe genug Plätze.“ Doch die Realität sähe anders aus. „Wir haben immer wieder Fälle, in denen Wohnungslose zielgerichtet in die Nachtcafés geschickt werden. Dabei ist die Versorgung dieser Menschen eine Pflichtaufgabe der Stadt, nicht der Nachtcafés.“ Kompliziert macht die Sache wohl auch, dass das Leben der Obdachlosen auch für die Behörden schwierig zu fassen ist. Das gibt auch Christian zu. „Ich lebe gern auf der Straße, das ist für mich die absolute Freiheit.“ Dass das viele nicht verstehen, ist ihm klar. In ein Heim, wie es die Stadt in solchen Fällen vorschlägt, würde er nicht ziehen wollen. „Das ist schlimm dort, das will ich nicht.“ Ohne ein Angebot wie das Nachtcafé wären viele Obdachlose in den Wintermonaten jedoch verloren. Als städtische Alternative dazu könnten nur die fünf Notschlafplätze zählen – mit Blick auf die Übernachtungszahlen der Nachtcafés viel zu wenig. Für Linken-Stadtrat Andreas Naumann, der die Arbeitsgemeinschaft Wohnungslose leitet, müssen die Organisatoren der Nachtcafés und Vertreter der Stadt deshalb dringend an einen Tisch. „Die steigenden Zahlen zeigen doch, dass das Problem in Dresden größer wird.“