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Knüppeln am Hungerstein

Das volkstümliche Denkmal für extrem flache Elbpegel in Pirna-Posta trägt seit gestern eine neue Jahreszahl: 2015.

© privat

Von Jörg Stock

Pirna. In vierzig Berufsjahren ist das dem Steinmetz Heino Lembcke noch nie passiert: Er muss die schweren Arbeitsschuhe ausziehen und die weißen Hosenbeine bis zu den Knien aufkrempeln, um an sein Werkstück zu kommen. Fuß vor Fuß setzt er auf den glitschigen Flussgrund und balanciert an dem schrundigen Sandsteinkoloss entlang. Ganz vorn, an der bemoosten Nase des Brockens, findet er Platz für sein Vorhaben. Er langt ein Eisen mit breiter Klinge aus der Werkzeugkiste, dann greift er sich den Knüppel und hämmert los.

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51 Jahre nach der Fotografie steht Klaus Vogler wieder am Hungerstein. Seine frühste Erinnerung an die Attraktion ist ein Schulausflug 1947. Der Pegel damals: 21 Zentimeter.
51 Jahre nach der Fotografie steht Klaus Vogler wieder am Hungerstein. Seine frühste Erinnerung an die Attraktion ist ein Schulausflug 1947. Der Pegel damals: 21 Zentimeter. © SZ/J. Stock
„Das ist Premiere.“ Zum ersten Mal musste der erfahrene Steinbildhauer Heino Lembcke (56) gestern mit den Füßen im Wasser arbeiten. Auf Bitten der Sächsischen Zeitung schlug er die Zahlenreihe 08.2015 und einen Pegelstrich am sogenannten Hungerstein in Pi
„Das ist Premiere.“ Zum ersten Mal musste der erfahrene Steinbildhauer Heino Lembcke (56) gestern mit den Füßen im Wasser arbeiten. Auf Bitten der Sächsischen Zeitung schlug er die Zahlenreihe 08.2015 und einen Pegelstrich am sogenannten Hungerstein in Pi © Norbert Millauer

Seit ewigen Zeiten liegt am Postaer Elbufer, etwa in Höhe des Kriegerdenkmals, der Hungerstein. Er ist knapp sechs Meter lang und rund dreieinhalb Meter breit. Wie weit er in die Tiefe reicht, ist nicht auszumachen. Fest steht: Ein Kubikmeter dieses Materials wiegt reichlich zwei Tonnen – ein kapitaler Brocken also auf jeden Fall. Allerdings zeigt er sich nur bei Niedrigwasser. Immer wenn der Elbspiegel extrem gesunken war, hieben die Leute das Jahr der Dürre in diesen Stein hinein. Kein Wasser im Fluss bedeutete das Ende des Schiffsverkehrs. Handel, Fischfang und Flößerei kamen zum Erliegen. Und auf den Feldern verdorrte die Ernte. Der Stein wurde zum Symbol für eine karge Zeit, und so bekam er seinen Namen: Hungerstein.

Bis heute ist mehr als ein Dutzend Eintragungen auf dem Steinklotz zusammengekommen. Die älteste entzifferbare von 1707, die jüngste von 2003. Diesem sogenannten Jahrhundertsommer hat das Jahr 2015 längst den Rang abgelaufen. Mit den gestrigen 50 Zentimetern am Pegel Dresden führt die Elbe so wenig Wasser wie seit 51 Jahren nicht mehr. Niedriger stand der Fluss zuletzt im August 1964, als 47 Zentimeter gemessen wurden.

Stein hält schon lange durch

Um den historischen Tiefstand für die Nachwelt festzuhalten, hatte die SZ bei den Sächsischen Sandsteinwerken in Pirna um einen Fachmann gebeten. Werkchef Johannes Roßrucker fand die Idee prima und chauffierte Mittwochmorgen Heino Lembcke zu dem ungewöhnlichen Arbeitsplatz. Eigentlich arbeitet Herr Lembcke in einem geräumigen Schauer auf dem Werksgelände in Rottwerndorf. Dort haut er gerade eine über zwei Meter große Venus für ein Wohnquartier in Potsdam aus dem Stein.

Im lauen Elbwasser zu stehen, gefällt dem Steinmetz. „Angenehm“, findet er. Flugs hat sein Eisen eine tiefe Kerbe entlang der Wasserlinie in die Hungersteinnase gegraben. Der Staub produziert gelbe Wölkchen im Strom. Dann zeichnet er mit dem Stift die Jahreszahl vor. Er nimmt wieder ein Eisen, diesmal ein schmales aus Widiastahl, und beginnt mit wohldosierten Schlägen – Plop! Plop! Plop! – die Gravur.

Der Hungerstein von Posta ist natürlich ein Postaer Sandstein. Die Sorte gilt als die härteste an der Elbe. Deshalb das harte Widia-Eisen in Heino Lembckes Faust. Für Bildhauerarbeiten wie seine Venus würde er den Stein nicht verwenden. Einerseits wegen der groben Körnung, andererseits wegen der Einlagerungen von Eisen. An der Null von 2015 zeigen sich prompt dunkelrote „Rostflecken“. Die Widerstandskraft des Steins stören sie nicht. Wo viel Druck herrscht und das Wetter anliegt, ist Postaer Sandstein genau richtig, an Brücken, auf Treppen, in Sockeln und Pflasterwegen. Und auch hier, als Hungerstein, hält er seit wer weiß wann durch.

Die Venus muss heute warten

Heino Lembcke kommt gut voran. Behänd kurvt sein Eisen über den Werkstoff. Seit 1975 arbeitet er am Stein, lernte erst Steinmetz, also alles, was man mit Winkel, Schablone und Zollstock macht, und dann Steinbildhauer, also das Figürliche, die Ornamentik. Werke von ihm sind am Dresdner Residenzschloss zu sehen, in der Frauenkirche, am Potsdamer Stadtschloss und im Schloss von Sanssouci. Am Pirnaer Engelserker hat er auch schon geknüppelt. Fragt man ihn, was das Schönste ist an seinem Beruf, fällt die Antwort simpel aus: „Es macht einfach Spaß.“

Wer sich eine Weile am Hungerstein aufhält, wird Leute treffen, die neugierig genug sind, um nach „ihrem“ Hungerstein zu schauen. Zum Beispiel Klaus Vogler, Pirnaer Ureinwohner, jetzt 77 Jahre alt. Schon als Schuljunge, 1947, bekam er den Hungerstein von seinem Heimatkundelehrer vorgeführt, so erzählt er. Später ging er immer wieder hier vorbei. Der Uferweg war beliebt bei Sonntagsspaziergängern. Die Voglers spazierten gern nach Zeichen zum Fährhaus. Bei einem dieser Ausflüge entstand auch ein Foto. Es zeigt den damals jungen Familienvater mit Tochter am Hungerstein. Das war 1964, im Jahr des letzten extremen Niedrigwassers.

Heino Lembcke ist fertig. Eine gute halbe Stunde hat er für die Eintragung gebraucht. Mit dem Handfeger kehrt er die letzten Krümel aus den Rundungen der Ziffern. Sollte der Fluss weiter schrumpfen, wird er noch einmal wiederkommen und den Pegelstrich korrigieren. Aber jetzt muss er erst mal los, rüber nach Rottwerndorf, in seinen Schauer, wo die Venus steht. Eine Dame lässt man nicht warten.