merken
PLUS

Wirtschaft

Können wir mit gutem Gewissen bei Tchibo einkaufen?

Tchibo will Vorgaben für faire Löhne, doch nicht alle Arbeiter in der Textilbranche bekommen diese. Die SZ sprach darüber mit Managerin Nanda Bergstein.

Die Tchibo Stände in Supermärkten sind beliebt.
Die Tchibo Stände in Supermärkten sind beliebt. © imago/biky

Der Einzelhändler Tchibo unterstützt das Gesetz für Sorgfaltspflichten von Unternehmen. Wie genau, erklärt Nanda Bergstein, Tchibo-Direktorin für Unternehmensverantwortung, im Interview. 

Frau Bergstein, seit Jahren versucht CSU-Entwicklungsminister Gerd Müller mit seinem Textilbündnis, die Zustände in den ausländischen Zulieferfabriken der Textilkonzerne zu verbessern. Ist bei den Arbeitern in Bangladesch, Pakistan und anderen Ländern davon etwas angekommen?

Anzeige
IT-Administrator gesucht
IT-Administrator gesucht

Sie sind Netzwerkspezialist und lieben die Arbeit in Windows-Umgebungen? Der IT-Dienstleister INFOTECH sucht erfahrene IT-Administratoren (m/w/d).

Tchibo ist schon länger an dem Thema dran. Zusammen mit anderen Firmen machen wir Fortschritte. Und es gibt zwei konkrete Bündnisinitiativen, eine davon im indischen Bundesstaat Tamil Nadu. In 300 Textilfabriken und Spinnereien finden Trainings statt, damit Frauen und Mädchen ihre Rechte durchsetzen, beispielsweise durch die Schaffung von Beschwerdekomitees, deren Mitglieder geheim gewählt und danach durch das Programm geschult werden. Das macht für die Beschäftigten einen echten Unterschied.

Nur zwei Projekte in fünf Jahren.

Auch wir würden uns wünschen, dass mehr praktische Programme vor Ort liefen. Aber zu wenig andere Mitgliedsfirmen ziehen mit.

Nun will Müller das neue, staatliche Textilsiegel „Grüner Knopf“ einführen. Kann das einen neuen Impuls geben?

Wir sind skeptisch, dass der Grüne Knopf allein schnell genug zu einer Verbesserung der sozialen und ökologischen Bedingungen in den Produktionsländern führt. Vielleicht kann er aber helfen, die Kundinnen und Kunden mit auf den Weg zu nehmen. Wer das staatliche Siegel an einem Kleidungsstück sieht, lässt sich möglicherweise eher zum Kauf nachhaltiger Produkte animieren.

Warum bringt das Siegel keine Fortschritte in den Zulieferfabriken?

Zertifikate halten nicht immer, was sie versprechen. Unternehmen können sie erhalten, wenn sie beispielsweise erklären, die Gewerkschaftsfreiheit in ihren Zulieferfabriken durchzusetzen. Tun sie das aber wirklich? Die bescheinigten Standards entsprechen mitunter nicht der Realität. Tchibo bemüht sich dagegen, zusammen mit dem internationalen Gewerkschaftsbund IndustriAll die Beschäftigten vor Ort zu stärken. Was ein Siegel wert ist, hängt davon ab, ob es die Firmen ernstnehmen und was sie tun, um vor Ort Dinge zu verändern.

Wird Tchibo beim „Grünen Knopf“ mitmachen?

Wir können uns vorstellen, dass wir das Siegel bei den Kunden testen. Wenn es in unserem Online-Shop als stärkerer Kaufanreiz wirkt als etwa das Gots-Siegel für Biobaumwolle, wäre das ein Vorteil.

Minister Müller kommt auch deshalb nur langsam voran, weil Firmen bremsen. Tchibo unterstützt zwar Tarifverhandlungen in seinen Zulieferfabriken, trotzdem bekommen viele Arbeiter keine existenzsichernden Löhne. Warum?

Allein schaffen wir es nicht, die Bezahlung deutlich anzuheben. Deshalb plädieren wir für flächendeckende Tarifverhandlungen in allen Produktionsländern. Um das zu erreichen, kooperieren wir mit 20 weiteren globalen Textilhändlern wie H&M, Inditex und Primark in der Organisation ACT.

Nanda Bergstein (39) leitet seit 2018 den Bereich Unternehmensverantwortung des Kaffeerösters und Einzelhändlers Tchibo. Sie studierte unter anderem Internationale Beziehungen und entwickelte für Tchibo ein Qualifizierungsprogramm für Zulieferer, um die A
Nanda Bergstein (39) leitet seit 2018 den Bereich Unternehmensverantwortung des Kaffeerösters und Einzelhändlers Tchibo. Sie studierte unter anderem Internationale Beziehungen und entwickelte für Tchibo ein Qualifizierungsprogramm für Zulieferer, um die A © Tchibo

Warum ist diese Kooperation nötig?

Tchibo ist nicht der einzige Einkäufer in den Fabriken. Wenn wir allein mehr zahlen, subventionieren wir nur die Wettbewerber, die nicht mitziehen.

Bisher haben diese gemeinsamen Tarifverhandlungen mit den ACT-Firmen aber noch nicht begonnen.

In Kambodscha bringen wir das erstmals auf den Weg. Es ist ein intensiver Prozess. Der kambodschanische Arbeitgeberverband hat Sorge, dass unsere Firmen nur 50 Prozent des Marktes repräsentieren und die anderen Einkäufer die höheren Kosten nicht akzeptieren.

Auch einige Mitglieder des Textilbündnisses machen nicht mit.

Das muss sich ändern. Wir fordern Unterstützung. Daran wird sich zeigen, ob das Textilbündnis mehr Wirkung für die Beschäftigten der Fabriken erzielen kann als bisher.

Sie befürworten den „systemischen Ansatz“. Nun hat Müllers Ministerium ein Gesetz für Sorgfaltspflichten der Firmen entworfen. Was halten Sie davon?

Wir begrüßen Regulierungen, die für alle Marktakteure in Europa gleiche Bedingungen schaffen. Mit freiwilligen Initiativen einzelner Firmen allein werden wir nicht schnell genug vorankommen. Damit die Regulierung sinnvoll etwas in den Produktionsländern bewegt, brauchen wir in der Branche gleichzeitig eine tiefere Diskussion darüber, welche Maßnahmen echte Veränderungen bewirken.

Das Gesetz könnte auch eine Pflicht für Firmen festlegen, dass diese Tarifverhandlungen in ihren Zulieferfabriken, etwa in Kambodscha, ermöglichen müssen.

Ein verbindlicher Rahmen dafür würde der Umsetzung von ACT helfen.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) scheinen jedoch kein großes Interesse an dem Gesetz zu haben. Ihre Schätzung – wird es irgendwann verabschiedet?

Ich hoffe es. Wir werben dafür. Staatliche Regulierung kann ein wichtiger Schritt sein, um voranzukommen. Auch freie Marktwirtschaft braucht Regeln.

Das Interview führte von Hannes Koch

Mehr zum Thema Wirtschaft