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Körbe ringend Hutträger gesucht

Die Pilzsaison 2003 wird für viele Wald- und Wiesenläufer, die oft in den Morgenstunden unterwegs sind, ein Fiasko. Die lang anhaltende Hitze und Trockenheit bringt den Sammlern nur in Ausnahmefällen die ersehnten vollen Körbe.

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Von C. Matthes und C. Karlshaus

Karl Richter hat seine Engelsgeduld in den letzten Monaten verloren. Wenn Bekannte ihn nach der diesjährigen Pilzsaison ansprechen, flippt er fast aus. „Ich könnte explodieren. Keiner soll mich mehr daraufhin ansprechen“, sagt der als Pilzkönig bekannte Rentner aus Diesbar-Seußlitz.

Letzter Regen hat

nichts gebracht

Für ihn ist die Saison so gut wie gelaufen, sagt er. Die lang anhaltende Hitze und Trockenheit forderten ihren Tribut nicht nur auf Äckern und Gärten. Auch dem Wachstum in Wäldern und Wiesen wurde durch die immense Kraft von Klärchen zugesetzt. „Das Jahr kann man abhaken. Für mich ist jedes Unterfangen sinnlos und reine Zeitverschwendung. Der Regen in den letzten Wochen hat auch nichts mehr gebracht“, versichert Karl Richter. Er fährt für seine Sammelleidenschaft, die sich nicht nur auf die organischen Hutträger, sondern auch auf Heidelbeeren ausdehnt, mehr als 50 Kilometer ins Brandenburgische. Dort in der Nähe von Bad Liebenwerda und Elsterwerda ist sein Pilzrevier. Und er nennt die Jagd nach den kulinarischen Delikatessen nicht Suchen, sondern Sammeln. Akribisch durchforstet er mehrere Quadratmeter und rennt auch nicht gleich los, wenn er in der Ferne einen Pilz sieht. Karl Richter gibt in diesem Jahr einzig den robusten Maronen noch eine Chance, ihre Hüte durch das Grasgestrüpp zu stecken. Vielleicht können außerdem immer feuchte Stellen und Senken für den einen oder anderen vollen Korb sorgen. Doch mit der Nacht sinken nach und nach die Temperaturen. Mit dem ersten Nachtfrost gilt die Pilzsaison meist als beendet. Revierförster Rüdiger Schwark weiß ein besonderes Lied über die magere Ausbeute der Sammler zu berichten. „Ich habe wenige Pilze und Pilzsucher gesehen“, versichert er. Dabei muss der Förster auf seinen Streifzügen durch die Gohrisch-Heide in guten Pilzjahren dann ab und zu einen Sammler wieder auf den richtigen Weg lenken. „Viele Ortsunkundige verirren sich, weil im zentralen Bereich ein Weg aussieht wie der andere.“ Doch in diesem Jahr ist es eher ruhig in der hiesigen Heidelandschaft. Und die geringe Zahl an Pilzen schlägt sich nicht nur auf das Gemüt der Sammler, sondern kann möglicherweise auch Einfluss auf die Nahrungssuche einiger Waldtiere haben. „Sicher hat der Pilz seinen ganz bestimmten Platz im ökologischen Gleichgewicht. Es ist deshalb nicht ausgeschlossen, dass dies Auswirkung auf die Nahrungskette hat“, schätzt Rüdiger Schwark ein. Vor allem der Dachs und heimische Schneckenarten ernähren sich von Pilzen. Karl Richter hat dagegen schon vorgesorgt. Bei einem guten Jahr kocht er bis zu hundert Gläser Pilze ein, um für ein schlechte Saison gerüstet zu sein. Denn der Appetit auf einen zünftigen Pilzsalat oder als Beilage zu Bratkartoffeln kann den Rentner aus Diesbar-Seußlitz überraschend übermannen.

Magere Ausbeute

bei der ersten Suche

Hartmut Müller aus Großenhain ist dagegen noch optimistisch. Auch wenn der ehemalige Pilzberater und Organisator der Pilzausstellung auf der Großenhainer Landesgartenschau gestern nur zwei Butterpilze und drei Birkenpilze finden konnte. „Gemeinsam mit einem Bekannten war ich gut zwei Stunden unterwegs. An all den mir bekannten Stellen. Auch dort, wo ich sonst immer Steinpilze gefunden habe, war wirklich nichts zu finden“, erzählt der Großenhainer. Für den ehemaligen Pilzberater war es nach eigenem Bekunden der erste „Sichtungsgang“ in diesem Jahr. „Am Sonntagnachmittag hatte eine Frau bei mir geklingelt und zeigte mir eine Marone und zwei Krause Glucken. Das machte mich neugierig, und ich dachte, vielleicht gibt es ja doch schon Pilze.“