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Kognak und belegte Semmeln

Karl May fährt als rasender Reporter mit – und setzt dem Service in derAlbertbahn ein Denkmal.

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Von Manfred Gärtner

Ab dem 28. Juni 1855 – vor 150 Jahren – zieht „König Dampf“ in den Plauenschen Grund ein. Am Rande der Ereignisse ist es nicht uninteressant zu erfahren, wie’s damals wohl zuging. Befragen wir also einen „Vielgereisten“, der mehrmals in seinen Erzählungen Handlungen nach Tharandt verlegte, schlagen wir einmal bei Karl May nach. In einigen Aufsätzen äußerte er sich als junger Redakteur bei „Schacht und Hütte“, Blätter zur Unterhaltung, über die Helden des Dampfes.

Zunächst etwas philosophisch: „Der Zeitgewinn ist dabei ebenso sehr in Rechnung zu ziehen wie der Umstand, dass durch die Schnelligkeit der Bewegung die Eindrücke zusammengerückt und die gesammelten Anschauungen zu einem eng gezeichneten Bild vereinigt werden.“ Ein recht reales Bild vermittelt die Hektik bei der Zugabfertigung: „Bim, bim, bim läutet es. Der Portier reißt die Türen zu den Wartezimmern 1., 2., 3. und 4. Klasse (welche Vielfalt) auf und schreit die Abfahrt des Zuges hinein. Alles strömt hinaus auf den Bahnsteig und eilt in die Wagen. „Schnell, schnell, meine Herrschaften, wir haben keine Zeit mehr, einsteigen, einsteigen“, mahnt der Schaffner. Die Türen werden zugeschlagen. Die Maschine stößt eine kurze, gellende Frage aus, die der Zugführer mit trillerndem Pfiff beantwortet. Puff, puff geht‘s prustend und schnaufend unter donnerndem Rollen davon.

Eine heitere Szene aus dem um 1870 spielenden Romanzyklus „Die Liebe des Ulanen“, Buch „Der Spion von Ortry“, vermittelt quasi als Nebenprodukt erstaunlichen Service auf dem Tharandter Bahnhof.

„Station Tharandt! Eine Minute Aufenthalt!“ – so riefen die Schaffner, indem sie eilfertig die Türen der Wagenabteile (natürlich auch des Frauenabteils) öffneten. „Bier, Kognak, belegte Semmeln“, rief indessen der Kellner, der einen Korb mit gefüllten Gläsern und sonstigen Erfrischungen längs des Zuges hinschaukelte. Dass die beiden reisenden Maler, der dicke Haller und der lange Schneffke, nun nachgerade nicht in den Genuss solcher lukullischen Angebote kommen, liegt einfach daran, dass sie sich beim Aussteigen ungeschickterweise ins Gehege kommen und dabei den Bahnsteigkellner umreißen. Sechs Glas Lagerbier, fünf Kognaks, vier gestrichene Brötchen mit Schinken und Wiegebraten nebst Flaschen, Gläsern und Tellern gingen zu Boden. Die Handlung setzt sich in Tharandts Heiligen Hallen fort. Das ist aber eine andere Geschichte.

Literatur: Karl May, „Schacht und Hütte“, Band 72, „Der Spion von Ortry“, Band 58, Karl-May-Verlag, 0351/4 71 48 02