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Kohlendioxid hilft Wunden heilen

Ein Unfall hätte Achim B. fast sein Bein gekostet. Das Klinikum Zwickau therapierte ihn mit Klimagas.

Rein in den Kunststoffsack. Während Achim B.s Behandlung darf kein Kohlendioxid nach außen gelangen.
Rein in den Kunststoffsack. Während Achim B.s Behandlung darf kein Kohlendioxid nach außen gelangen. © Andreass Wohland

Den 18. April wird Achim B. aus Thüringen wohl nie mehr vergessen. Er wollte an diesem Samstagmorgen nur noch etwas Ordnung auf dem Hof seines Metallverarbeitungsbetriebes schaffen. Doch dabei geriet der voll beladene Gabelstapler ins Wanken. Reflexartig flüchtete er aus dem Gerät. Doch er war nicht schnell genug. Das Dach des umstürzenden Transporters traf ihn an den Unterschenkeln. Zum Glück waren noch ein paar Kollegen auf dem Gelände. Sie hoben den Stapler an und halfen ihm, seine Beine zu befreien.

Sie waren es auch, die den Notarzt riefen. Wenig später wurde er mit dem Rettungshubschrauber ins Heinrich-Braun-Klinikum nach Zwickau gebracht, weil das am nächsten lag. Ein großes Glück, wie er es heute sieht. Denn das Klinikum wendet als einziges in Westsachsen eine seltene Heilmethode standardmäßig für alle Knochenverletzungen mit großen Weichteilschäden an – die Kohlendioxidbehandlung.

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Das wusste der Thüringer allerdings vorher nicht, hätte sich darunter vielleicht auch nichts vorstellen können. „Das geht selbst vielen Medizinern so, denn diese Behandlungsmethode ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten“, sagt Dr. Bernhard Karich, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie am Heinrich-Braun-Klinikum in Zwickau. In seiner Klinik gab es bis 2016 noch ein CO2-Gerät aus DDR-Zeiten, mit dem man damals schon große Erfolge bei schlecht heilenden Wunden, komplizierten Brüchen oder aber bei Durchblutungsstörungen hatte. Als es kaputtging, stand für das Klinikum fest, dass sie dieses Gerät ersetzen werden. Gleichzeitig sollte die Wirkung des CO2 in der Unfallchirurgie wissenschaftlich belegt werden. Jetzt liegen die Ergebnisse vor, die eine positive Wirkung des als Klimakiller in Verruf geratene Gas belegen, wenngleich die Daten zahlenmäßig nicht repräsentativ sind.

Die Ergebnisse kann man sehen

„Die Forschung ist auch nicht unsere ureigenste Aufgabe. Wir sind in erster Linie ein Versorgungskrankenhaus“, sagt Bernhard Karich. „Nachdem uns anfangs manche Kollegen wegen der vermeintlich banalen Behandlungsmethode belächelt haben, sind sie jetzt sehr überrascht, welche Erfolge wir damit haben. Auf Kongressen und Fachtagungen für Unfallchirurgie stellt der Chefarzt nun seine Untersuchungen vor.

Kohlendioxid entsteht im Stoffwechsel schon von Natur aus bei der Umsetzung von Glukose in den Muskeln und wird abgeatmet. Erhöht man die Konzentration von außen, dringt das CO2 ins Gewebe ein. Damit werde dem Körper eine Art Erstickungssituation simuliert, wie der Unfallchirurg erklärt. Die Gefäße stellen sich weit, und mehr Sauerstoff wird ins umliegende Gewebe abgegeben. Der Sauerstoff ist ein zentraler Baustein für die Immunabwehr und den Stoffwechsel. CO2 töte aber auch Keime ab und beuge damit Infektionen von Wunden vor.

Spektralanalyse des Unterschenkels von Achim B.: Oben nach der CO2 Behandlung ist mehr Rot und damit eine bessere Durchblutung zu sehen als unten vor der Therapie.
Spektralanalyse des Unterschenkels von Achim B.: Oben nach der CO2 Behandlung ist mehr Rot und damit eine bessere Durchblutung zu sehen als unten vor der Therapie. © XXX

All das wollte der Chefarzt gerne nachvollziehbar machen und holte sich Rat bei den Gefäßspezialisten des Klinikums. Mit den Wissenschaftlern der Westsächsischen Hochschule fanden sie ein Bildgebungsverfahren, das den Durchblutungszustand, die Einlagerung von Gewebewasser und die Sauerstoffsättigung des Gewebes darstellt – die Hyperspektralanalyse. Mithilfe einer Spezialkamera wird das Behandlungsgebiet vor der CO2-Behandlung und danach gescannt. Auf dem Bildschirm rot erscheinende Areale zeigen eine gute Durchblutung, blaue eine schlechte. Im Vergleich sind bei Achim B. nach der Therapie alle blauen Bereiche verschwunden.

Hoffnung auch bei Diabetes

Am Anfang stand jedoch eine komplizierte Operation, denn die Unterschenkelknochen waren offen gebrochen, das Muskel- und Fettgewebe zerquetscht, Blutgefäße und Nervenbahnen durchtrennt. Das Areal war zudem stark verunreinigt. Alles keine guten Voraussetzungen, um das Bein zu erhalten. Doch die Unfallchirurgen stabilisierten den Bruch mit einem Spanner – Fixateur genannt. Die großflächigen Wunden deckten sie mit einer Vakuumversiegelung ab und entfernten die abgestorbenen Knochentrümmer. Der Defekt wurde mit Knochenzement nachgeformt und in den Unterschenkel eingebracht.

 „Um diesen Platzhalter bildet der Körper ein knochenhautähnliches Gewebe. Das erleichtert es uns dann, ein Knochenimplantat aus dem Beckenkamm als endgültige Versorgung einzusetzen“, so Karich. Gleichzeitig nähten die Ärzte körpereigene Haut- und Weichteilimplantate auf. „Bereits die Fixierung von außen stellt eine große Infektionsgefahr dar. Keime können durch die Bohrungen leicht bis ins Innere vordringen. Auch hier half uns das CO2. Es gab keinen Tag, an dem sich bei Herrn B. Infektionszeichen zeigten.“

Mitte Juli hat Achim B. seit drei Monaten das erste Mal neben seinem Bett stehen dürfen. „Der Kreislauf spielte total verrückt. Die senkrechte Haltung war ich gar nicht mehr gewöhnt“, sagt der 57-Jährige. Mittlerweile geht er mit Unterstützung schon ein paar Schritte. Täglich wird Achim B. seit dem Unfalltag mit Kohlendioxid behandelt. 

"Keine Klimaschädigung"

Sein Unterkörper kommt dazu in einen luftdichten Kunststoffsack, der mit dem CO2-Gerät verbunden ist. Ein Sensor misst dabei den Kohlendioxidgehalt der Umgebungsluft. Nichts darf herausdringen. Ist der Anteil zu hoch, schaltet sich das Gerät ab. „Das alles ist wichtig, um die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten“, so Karich. Nach der Behandlung wird das Gas abgesaugt und mittels Schlauchsystemen ins Freie geleitet. „Die Menge ist aber so gering, dass von uns keine Klimaschädigung ausgeht“, sagt er.

Drei Monate wird Achim B. den Fixateur dem Chefarzt zufolge noch tragen müssen. Dann beginne die Reha. Ende des Jahres könne er bestimmt wieder richtig laufen. Vorstellen könne er sich das noch nicht. „Ich bin einfach nur dankbar, dass meine Beine erhalten geblieben sind und wieder funktionieren.“

Bernhard Karich wünscht sich universitäre Studien zu dieser Behandlungsmethode. Gerade bei Durchblutungsstörungen infolge von Diabetes könnte damit mancher Fuß erhalten bleiben. Auch schlecht heilende Wunden, die sich immer wieder infizierten, seien ein großes Einsatzgebiet. Viele gefäßkranke Patienten plagen sich mit solchen Geschwüren herum.

Erforscht werden müsste aus seiner Sicht auch die optimale Therapiedauer der einzelnen Anwendung. „Wir haben sie fiktiv auf 20 Minuten festgelegt. Einfach, weil physiotherapeutische Anwendungen oft so lange dauern.“

Die ambulant anfallenden Behandlungskosten werden von Krankenkassen und Berufsgenossenschaften übernommen. Doch es gebe zu wenig Behandlungsmöglichkeiten. Bisher haben neben der Unfallchirurgie in Zwickau nur vereinzelte Physiotherapien oder Rehakliniken ein solches Gerät. Doch so manches Leuchten in den Augen von Ärzten während seiner Vorträge stimmt Bernhard Karich hoffnungsfroh, dass sich die CO2-Therapie bald überall durchsetzt.

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