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Komisch, die deutschen Dörfer

Großschweidnitz. Kinder aus Tschernobyl und ihre deutschen Gastelternhaben gestern nach drei gemeinsamen Wochen Abschied gefeiert.

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Von Daniela Pfeiffer

Über den russischen Brief haben sich Ingrid und Friedrich Bühler sehr gefreut. Mit den kläglichen Überresten ihres Schulrussisch und mit dem Wörterbuch haben sie ihn übersetzt. Er kam von Aljoschas Eltern. Schon bevor sie überhaupt wussten, wie ihr Sohn von seiner deutschen Gastfamilie aufgenommen würde, haben sie sich bei dieser herzlich bedankt, sich selbst und ihren Wohnort vorgestellt. Auch Fotos waren dabei. „Darüber haben wir uns sehr gefreut“, sagt Friedrich Bühler (70), Pfarrer in Rente.

Sogar eine Gegeneinladung nach Weißrussland haben Aljoschas Eltern schon ausgesprochen. Vielleicht fahren Friedrich und Ingrid Bühler auch. Der Abschied von „ihren“ beiden Jungs Alexej, genannt Aljoscha, und Sergej jedenfalls wird nicht leicht werden. Ebenso geht es den beiden 12-Jährigen. „Mir fällt es schwer, mich von Deutschland zu trennen und es ist schade, dass die Reise vorbei ist, weil es so schön war“, sagt Aljoscha, der trotzdem zugibt, sein Zuhause ein bisschen vermisst zu haben. Sommerrodelbahn und viele Besuche im Freibad haben aber einen bleibenden Eindruck bei den Jungs hinterlassen, denn das hat beiden am Besten gefallen. Auch das fremde Land fanden sie spannend. „Hier sehen die Dörfer aus wie Städte, nicht so wie bei uns. Da sieht ein Dorf wirklich wie ein Dorf aus.“ Die Gasteltern wiederum waren von ganz anderen Dingen beeindruckt: „Zum Beispiel, dass sie alles so unkompliziert, dankbar und freudig aufnehmen“, sagt Friedrich Bühler. „Mit den beiden haben wir das große Los gezogen.“ Zum zweiten Mal hatte er mit seiner Frau Ingrid (57) zu Hause in Wendisch-Cunnersdorf zwei Kinder aufgenommen. „Wir haben nach meiner Pensionierung ein Haus gebaut. Es gibt auch ein Gästezimmer. Warum sollen wir beides nicht für einen guten Zweck nutzen“, sagt der Gastvater.

Damit das Eis zu den Neuankömmlingen gleich bricht, wurden schon am ersten Abend Gesellschaftsspiele gespielt. Auf gemeinsame Wanderung zum Rotstein ging es später ebenso, wie zur Nachbarin, die zum Essen eingeladen hatte, und in den Zittauer Tierpark. „Dort traf sich dann alles“, schmunzelt Bettina Prüs, Vorsitzende des Tschernobylhilfe-Vereins Löbau. Insgesamt 26 Kindern aus der nach der Reaktorkatastrophe von 1986 verstrahlten Region konnte der Verein diesmal erholsame Ferien in der Oberlausitz bieten. Untergebracht bei 15 Gastfamilien. „Die meisten haben eigene Kinder in dem Alter, bei anderen sind die Kinder schon raus und es ist ihnen zu ruhig geworden“, sagt Bettina Prüs. Familie Bühler zählt zu den ältesten Gastfamilien. Was Aljoscha und Sergej aber rein gar nichts ausgemacht hat. Im Gegenteil: „Wir hatten sie mit in der Kirche, sie haben sogar versucht, mitzusingen“, freut sich Friedrich Bühler. Zu Hause klappte die Verständigung meist nur unter Zuhilfenahme von Händen und Füßen.

Dolmetscherin Marina Hilko (21) konnte schließlich nicht immer dabei sein. Sie hat die Kinder zum zweiten Mal nach Deutschland begleitet. In Weißrussland studiert sie Englisch und Deutsch und will Lehrerin werden. Deutschland kennt sie sehr gut. „Ich bin als neunjähriges Mädchen selbst als Tschernobylkind in eine Gastfamilie gekommen, allerdings in Niedersachsen. Seitdem komme ich jeden Sommer zurück und besuche ‚meine‘ Familie“, erzählt sie. Ihre derzeitige Gastfamilie sind Drößlers aus Oberoderwitz.

Alle, die in diesem Sommer Kinder aufgenommen hatten, waren gestern beim Abschiedsfest dabei. Dafür hatten die russischen Kinder extra ein Programm einstudiert: Es wurden Lieder gesungen und das bekannte russische Märchen „Die Rübe“ gespielt – mit Sergej in der Rolle des Großvaters. Der Junge ist optimistisch, seine Gasteltern einmal wiederzusehen. „Ich habe ihnen doch eine Karte von unserer Gegend gemalt und auch die Adresse gegeben“, sagt er.