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Kommentar: Die Rückkehr der Hooligans

Thilo Alexe über Krawalle bei der Fußball-EM

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Schon vor dem ersten Anstoß galt die Fußball-Europameisterschaft als belastet. Dazu trugen nicht nur Fragen nach der Sicherheit im von Anschlägen geplagten Gastgeberland bei. Auch die schwierige Situation des streikfreudigen Frankreichs, dem harte soziale Einschnitte bevorstehen, ließ zumindest Skeptiker am reibungslosen Ablauf zweifeln. Dazu kommt, dass die EM in einem Klima eines europaweit erstarkenden Nationalismus stattfindet. Kann Fußball als grenzüberschreitendes Fest das Verbindende fördern oder verstärkt er das Trennende?

Nach den ersten Turniertagen sind diese Themen zunächst in den Hintergrund getreten, abgelöst durch erschütternde Jagdszenen aus Nizza und Marseille. Der Fußball erlebt die Rückkehr des massenhaften Hooliganismus. In kaum für möglich erscheinender Verrohung geht es nicht Mann gegen Mann, sondern im Vollsuff auf alles, was sich bewegt – geschlagen wird auch, wer an Krücken geht oder alt ist.

Phrasen, wonach Schläger keine Fans sind und den Sport zerstören, helfen kaum. Tatsache ist, ob man es hören will oder nicht, dass Gewalt den Fußball begleitet. Die Herausforderung für Verbände, Vereine und Polizei ist es, diese mehr oder weniger latente Gefahr einzuhegen. In Frankreich hat das nicht geklappt, trotz fast 100 000 Polizisten, Sicherheitsleuten und Soldaten.

Über die Gründe wird noch zu reden sein. Für eine Analyse der Polizeitaktik ist es zu früh. Ausschlussdrohungen gegen England und Russland sind eine Warnung und keine Option. Man kann allerdings den Blick nach vorne richten und fragen: Warum bricht Gewalt aus?

Alkohol spielt immer eine Rolle – so wie die Frage, wie es gelingt, Fanströme rechtzeitig zu trennen. In Deutschland, auch im vorbelasteten Dresden, klappt es zumindest manchmal, dass die Mehrheit der friedlichen Fans die aggressiven diszipliniert. Gewalt und Rassismus werden so geächtet. Auffällig an den jetzigen Krawallen ist, dass nicht nur langjährige Gegner aufeinander eindreschen. Geprügelt wird, wer anders ist. Womöglich ist das doch der Begleiteffekt eines nationalistischer werdenden Europas.