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Politik

Ein kaltherzig klingendes Urteil

Das Bundesverfassungsgericht hat das Verbot organisierter Sterbehilfe aufgehoben. Doch die Praxis sieht anders aus. Ein Kommentar.

© dpa/SZ

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Sterbehilfe geht über die Erwartungen der Kläger weit hinaus. Es öffnet nicht nur, wie viele vermutet hatten, Sterbenskranken einen Weg, ihrem Leiden ein Ende zu bereiten. 

Die Richter haben vielmehr ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben in jeder Lebensphase des Menschen festgeschrieben. Und weil viele Schwerkranke für die Selbsttötung Unterstützung benötigen, hat das Gericht gleich noch „geschäftsmäßige Angebote der Suizidhilfe“ für rechtens erklärt. 

Die von den Richtern vornehm als Suizidhilfe-Vereine bezeichneten Geschäftemacher können sich danach auf das Recht der freien Berufswahl berufen. Es ist, bei aller Wertschätzung des Freiheits- und Autonomiegedankens, den Karlsruhe formuliert hat, eine besonders kaltherzig klingende Passage in diesem überraschenden Urteil.

Die Entscheidung des Einzelnen, nach seinem Verständnis von Lebensqualität der eigenen Existenz ein Ende zu setzen, ist zu respektieren. Insoweit verdient der Richterspruch Zustimmung. In der Praxis dürfte aber wohl viel häufiger die Frage im Mittelpunkt stehen, ob der Sterbewunsch eines schwerkranken alten Menschen die Folge rationaler Überlegung ist oder nicht doch eher Ausdruck von Hilflosigkeit und Furcht. 

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Die Karlsruher Richter stellen klar: Jeder hat das Recht, selbstbestimmt zu sterben - auch mit der Hilfe von Dritten. Das gilt ausdrücklich für alle Menschen.

Wer entscheidet dann über die Weitergabe des todbringenden Mittels? Man kann nur hoffen, dass der Gesetzgeber den kleinen noch verbliebenen Spielraum nutzt, die Mauer zu den Geschäftemachern von Dignitas und Co so hoch wie möglich zu ziehen.

E-Mail an Karin Schlottmann