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Kommt ein Aufnahmestopp für Pflegeheime?

Die Oberlausitz-Kliniken betreiben im Kreis Bautzen zahlreiche Heime. Geschäftsführer Reiner Rogowski sagt, wie sie bei Corona-Fällen reagieren.

Reiner E. Rogowski ist Geschäftsführer der Oberlausitz-Kliniken, die mit ihren Tochtergesellschaften im Landkreis Bautzen auch mehrere Pflegeheime betreiben.
Reiner E. Rogowski ist Geschäftsführer der Oberlausitz-Kliniken, die mit ihren Tochtergesellschaften im Landkreis Bautzen auch mehrere Pflegeheime betreiben. © Archivfoto: Steffen Unger

Bautzen. Bayern hat jetzt einen Aufnahme-Stopp für Pflegeheime verhängt. Hintergrund ist die Häufung von Corona-Fällen und Toten in Senioreneinrichtungen. Die Konsequenzen sind weitreichend. Droht das auch hierzulande?

Die Oberlausitz-Kliniken (OLK) sind im Landkreis Bautzen mit  ihren Tochtergesellschaften an neun Standorten der größte Anbieter von Pflegeeinrichtungen, unter anderem mit Heimen in Pulsnitz, Ohorn, Elstra, Bischofswerda, Bautzen, Neukirch, Großdubrau, Sohland und Taubenheim.  955 Menschen werden in der stationären Pflege betreut. Dazu kommen 53 Tages- und  Kurzzeitpflegeplätze sowie 32 betreute Wohnungen.

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Damit verbindet sich eine enorme Verantwortung für die Pflege im Landkreis, zumal Senioren im Zuge der Corona-Pandemie zur Gruppe der besonders gefährdeten Menschen gehören. Und der Druck durch steigende Infektionszahlen wächst. Kommt nun auch in hiesigen Pflegeheimen ein Aufnahmestopp? Sächsische.de sprach darüber mit  Reiner E. Rogowski, dem  Geschäftsführer der Oberlausitz-Kliniken. 

Gab es bereits einen Corona-Fall in einem Pflegeheim der Oberlausitz-Kliniken?

Nein, bisher hat es keinen CoVid19-Fall in unseren Einrichtungen gegeben. Zwar ist eine Verwaltungsmitarbeiterin eines Heimes zu Anfang der Pandemie positiv getestet worden. Doch es ist zu keiner Ansteckung gekommen. Darüber sind wir sehr froh und dankbar.

Bayern ist mit einem Aufnahme-Stopp für Pflegeheime vorangeschritten, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Wie gehen Sie derzeit in Ihren Häusern mit der Situation um?

Die Entscheidung, ob aufgenommen wird und wer aufgenommen wird, hängt immer vom Einzelfall ab. Einen generellen Aufnahme-Stopp gibt es (noch) nicht. Ich will ihn aber nicht ausschließen.

Ein solcher Stopp könnte Angehörige auch vor schwierige Situationen stellen. Wie kann Hilfe aussehen?

In Ostsachsen sind etwa 35 Krankenhäuser und Reha-Kliniken im Auftrag des sächsischen Innenministeriums und unter der Federführung der Uniklinik Dresden dabei, Lösungen zu finden, auch für Patienten mit CoVid19, die nicht nach Hause oder in ein Heim können. Gesucht wird nach Unterbringungsmöglichkeiten in den jetzt fast nicht belegten Fachkliniken und Reha-Kliniken in Sachsen. Einige Häuser in der Sächsischen Schweiz und in Ostsachsen haben ihre Hilfe schon angeboten. Diese Häuser sind auf Pflege eingerichtet und haben auch Personal zur Verfügung. 

Wann wäre ein Aufnahme-Stopp für neue Bewohner aus Ihrer Sicht gerechtfertigt?

Im Fall einer Epidemie in einem Heim, wenn Heimbewohner und Mitarbeiter erkrankt sind. Dann wäre eine Aufnahme nicht mehr möglich. Ansonsten besteht keine rechtliche Grundlage, die Aufnahme zu verweigern, solange keine Indikation für CoVid-19 besteht.

Haben Sie die Schutzmechanismen noch einmal verschärft?

Ja, sukzessive wurden die Pflegeheime "dicht" gemacht und Besuchsmöglichkeiten massiv eingeschränkt. Anfangs haben wir nicht immer nur Verständnis bei Besuchern und Angehörigen gefunden. Das ist aber deutlich besser geworden. Die Sorgen und Ängste der Angehörigen verstehen wir sehr gut, haben sie doch Angst um die Menschen, die ihnen nahe stehen und die in Heimen leben müssen.

Das ist sicher nicht alles?

Gemeinschaftsveranstaltungen, Feiern, Beschäftigungstherapien und so weiter finden nicht statt. Die Mahlzeiten werden auf den Zimmern eingenommen. "Spaziergänge" über die Flure sind nicht mehr möglich. Das ist natürlich für die älteren Herrschaften bitter; ganz besonders, wenn eine Demenz-Erkrankung vorhanden ist. Mitarbeiter tragen jetzt oft Schutzkleidung, wie Mund-Nasen-Schutz und Latex-Handschuhe bei der Pflege der Senioren. Soweit nötig und möglich wird Bewohnern, die in Doppel-Appartements leben, ein Einzelappartement zugewiesen. Letzteres ist aber schwierig, da wir in den grundgesetzlich geschützten Bereich "der Wohnung" eingreifen müssen.

Wie ist das zu verstehen?

Im Gegensatz zu Menschen, die im Krankenhaus als Patienten sind, wohnt der Pflegebedürftige im Heim. Er hat das Pflege-Appartement gemietet, es ist seine Wohnung.

Gehen alle Heime gleich vor?

Nein, die Heimleitungen entscheiden gemeinsam mit ihren Vorgesetzten und ihren Mitarbeitern über die notwendigen Maßnahmen. Die gesetzlichen Vorgaben werden natürlich überall eingehalten und umgesetzt.

Steht ausreichend Schutzmaterial zur Verfügung?

Wir bekommen aus den verschiedensten Quellen Material. Der Verbrauch steigt jedoch ständig und damit auch der Bedarf. Es geht darum, beide Seiten - die Bewohner und die Mitarbeiter - zu schützen. In den letzten Wochen war es schwierig, Nachschub zu bekommen. Bestätigte Materiallieferungen wurden, mit Hinweis auf die Herstellungsländer und das Aufkauf-Verhalten am Weltmarkt, wieder ausgesetzt. In dieser Woche rechnen wir mit massiven Verbesserungen.

Worauf beruht die Hoffnung?

Auf den ersten Lieferungen, die eingegangen sind, und den Zusagen der Lieferanten. Außerdem sollten wir die Hoffnung auch in der schlimmsten Situation nicht aufgeben.

Müssen neue Bewohner vor einer Aufnahme getestet werden?

Lebensalter und Pflegebedürftigkeit sind erst mal keine Gründe, auf einen Test zu bestehen. Das gilt auch für Senioren, die aus dem Krankenhaus entlassen werden. Wenn die zukünftigen Bewohner Symptome aufweisen, dann allerdings schon. Dann ist auch erst einmal das Gesundheitsamt einzuschalten, um das Procedere mit allem, was dazugehört, das heißt den notwendigen Tests, durchzuführen. CoVid19-positive Bewohner werden natürlich nicht in ein Heim aufgenommen. Dann ist ein Verbleib im bisherigen Umfeld - Wohnung oder Krankenhaus - nötig. Wir stellen fest, dass das Schutzbedürfnis der Heime insgesamt wächst. Mir ist ein Fall bekannt, in dem ein hochbetagter Heimbewohner mit einer bekannten Lungen- und Atemwegserkrankung, der hustete, nicht in sein Pflege-Appartement, in dem er schon länger lebt, zurück durfte. Das geht natürlich nicht.

Das können Sie für Ihre Heime ausschließen?

Ja, weitestgehend. Wir halten uns an die Empfehlungen, die das Sächsische Ministerium für Soziales am vergangenen Freitag erneut und überarbeitet herausgegeben hat. Außerdem haben wir die Hoffnung, dass wir in den nächsten Tagen über sogenannte Schnelltests verfügen können. Das ist von Vorteil, denn dann kann innerhalb weniger Stunden eine Infektion ausgeschlossen oder eben bestätigt werden.

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