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Kommt der Ansturm auf die Schuldnerberatung?

Schon jetzt gibt es in der Beratungsstelle Wartelisten. Auch in anderen Bereichen ist der Gesprächsbedarf derzeit groß.

Voraussichtlich im Mai wird der Bedarf an Schuldnerberatung steigen. Mit Kurzarbeit wird es für viele eng.
Voraussichtlich im Mai wird der Bedarf an Schuldnerberatung steigen. Mit Kurzarbeit wird es für viele eng. © Claudia Hübschmann

Schulden, Einsamkeit, Trauer – die Gründe, sich bei anderen Hilfe zu suchen, sind vielfältig. Ebenso breitgefächert ist das Angebot an Beratungsstellen in der Region, bei denen Menschen in Not professionelle Unterstützung erhalten. Und das auch während der Corona-Krise. 

„Trotz der aktuellen Regelungen im Zusammenhang mit Corona arbeiten diese unter Beachtung der erforderlichen Hygiene weiter“, so der zweite Beigeordnete Jörg Höllmüller und Leiter des Geschäftskreises Ordnung, Soziales und Gesundheit. Die meisten Beratungsstellen sind aufgrund der aktuellen Lage vorwiegend telefonisch zu erreichen. Die meisten bieten jedoch im Notfall auch ein persönliches Gespräch an.

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Schuldnerberater rechnen mit mehr Beratungen ab Mai

Schon 2019 war für die Schuldner- und Insolvenzberater der Diakonie Döbeln ein arbeitsintensives Jahr. 2020 wird kaum anders werden. Schon vor der Corona-Krise gab es in der Beratungsstelle Wartelisten. Mit dem Kurzarbeitergeld, das vielen im April gezahlt wird, könnte sich der Ansturm noch ausweiten. „Im Moment ist Ruhe vor dem Sturm“, sagt Stephanie Scarpat. Zurzeit kämen vor allem Empfänger von Arbeitslosengeld II auf die Beraterinnen zu, sagt Kollegin Verona Hardt. Und Menschen, die mit Altlasten aus der Vergangenheit zu kämpfen haben. 

Ab Ende April/Anfang Mai rechnen die Frauen damit, dass Menschen bei ihnen Hilfe suchen, die aufgrund der Corona-Krise in finanzielle Schwierigkeiten gelangt sind oder diese befürchten. „Die meisten bekommen im März noch vollen Lohn. Vielen werden die Probleme erst im Mai deutlich werden“, so Scarpat.

Wie sich der Beratungsbedarf entwickeln werde, sei noch nicht abzusehen. Die Beraterinnen lassen die Entwicklung auf sich zukommen. Noch sei von einer vermehrten Nachfrage aber nichts zu spüren. Existenzbedrohende Maßnahmen, wie Stromabschaltungen, seien derzeit ohnehin durch die Bundesregierung untersagt worden. Viele Anfragen würden auf telefonischem Weg sowie per E-Mail oder Post bearbeitet. „Das funktioniert sehr gut“, sagt Scarpat. 

Montags bis freitags von 9 bis 12 Uhr sind die Beraterinnen auf jeden Fall zu erreichen. Wer jedoch technisch dazu nicht die Möglichkeiten hat oder ein Anliegen, das nur persönlich zu klären ist, der kann auch einen Termin in der Beratungsstelle wahrnehmen.

Das Alleinsein ist ein Thema in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung

Das Zusammenleben als Familien mit den derzeitigen Einschränkungen sorgt auch in der Region für Konflikte, weiß Hanna Winkler von der Ehe-, Familien- und Lebensberatung der Diakonie Döbeln. Ähnliches berichtet auch Heidi Richter, zuständige Referatsleiterin im Landratsamt. Belastend ist zudem das Fehlen der Tagesstrukturen durch Schule und Kita für die Kinder. Zudem haben Eltern mit Schulkindern auch zusätzlich die Aufgabenerledigung für die Schule zu begleiten „Hierdurch ergeben sich Überforderungssituationen für die Eltern“, erklärt Richter. 

Beziehungskrisen zwischen Eltern könnten schlimmer werden durch die permanente Anwesenheit der Partner. Aber auch Existenzängste und finanzielle Nöte seien zunehmend Beratungsthemen in der aktuellen Situation.Doch der Beratungsbedarf bei Winkler sei bisher nicht immens gestiegen. 

Trotzdem: Das Zusammenleben auf engstem Raum seine eine große Herausforderung. Auch Winkler bietet im Bedarfsfall ein persönliches Gespräch an. Nur vereinzelt wurde dies bisher in Anspruch genommen. Vielen genügt es, eine halbe Stunde am Telefon mal von sich erzählen zu können. Viele litten unter der Einsamkeit, vor allem Trauernde, die nach einem Todesfall vor allem soziale Kontakte bräuchten. „Das ist schon tragisch“, sagt Winkler, die auch für die Trauerbegleitung zuständig ist. Vielen helfe es dann aber schon, wenn sie erzählen könnten, ein Rat sei da nicht immer nötig. Mit den meisten zu Beratenden stand Winkler schon vor der Krise in Kontakt.

Erzieherische Hilfen werden in Einzelfällen fortgeführt.

Trotz der geltenden Ausgangsbeschränkungen werden Unterstützungsangebote in Familien wie zum Beispiel die sozialpädagogische Familienhilfe in „unabweisbaren Einzelfällen“ weitergeführt, informierte Kreissprecher André Kaiser. Allerdings nur in dem unbedingt notwendigen Umfang. Die Fälle werden vom Allgemeinen Sozialen Dienst mit den freien Trägern der Hilfen abgestimmt. „Die Palette an Leistungen reicht von notwendigen Telefonkontakten über Telefon- bzw. Videoberatung aber auch Vor-Ort-Besuche, die vorzugsweise im Freien mit dem notwendigen Abstand stattfinden“, erklärt Richter.

Die Zahl der Schwangerenberatungen hat abgenommen

Eine allgemeine Unruhe und Unsicherheit spürt Mandy Schubert, die bei der Diakonie Döbeln auch für die Schwangerenberatung zuständig ist. „Frauen, die vor der Entbindung stehen, haben Angst, allein in den Kreißsaal zu müssen“, schildert Schubert. Einige Schwangere hätten auch noch weitere Kinder zu Hause zu betreuen und suchten Rat wegen dieser Belastungen. „Angst vor einer Infektion hatte bisher niemand“, sagt die Beraterin. 

>>>Über die Ausbreitung des Coronavirus und über die Folgen in der Region Döbeln berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog.<<<

Ihrem Eindruck nach hat die Zahl der Beratungen in den vergangenen Wochen eher nachgelassen. Während sonst Termine erst nach anderthalb bis zwei Wochen vergeben wurden, ist dies zurzeit innerhalb von einem bis drei Tagen möglich. Für Notfälle gebe es nach wie vor kurzfristig einen Termin. Bei Bedarf auch persönlich. Auch Schwangerschaftskonfliktberatungen gäbe es nur vor Ort. „Das kann schlecht am Telefon gemacht werden“, sagt Mandy Schubert.

Die Menschen melden sich mit Existenzängsten bei den KOBS

Zugenommen hat der Bedarf an Beratungen bei den psychosozialen Kontakt- und Beratungsstellen in Döbeln und Waldheim, sagt Margitta Kluge vom DRK-Kreisverband Döbeln-Hainichen. „Die Menschen haben Existenzängste“, sagt Kluge. „Viele Bürger fühlen sich emotional belastet. Manche von ihnen kommen nicht zur Ruhe, schlafen schlecht oder fühlen sich einsam“, erklärt der Psychiatriekoordinator im Landratsamt Matthias Gröll. Er rät den Betroffenen, sich den Tag durch eine klare Struktur zu organisieren. 

Rat suchen in den Beratungsstellen viele Erwachsene bis 65. Nach Gröll gebe es seltener Kontakt zu älteren Menschen. Häufig suchten auch Menschen mit Depressionen, schizophrenen Erkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen Rat.Die Mehrheit der Anrufer bei Kluge und ihrem Team hatten schon vor der Corona-Krise Kontakt zur Beratungsstelle. „Es melden sich nur vereinzelt neue Leute“, sagt Kluge. 

Telefonisch stehen sie und die anderen Mitarbeiter der KOBS für Beratungen zur Verfügung. In Ausnahmefällen gibt es auch Termine vor Ort, allerdings nur nach vorheriger Anmeldung. Jemanden beim Gang zu einer Behörde zu begleiten, sei derzeit aber nicht möglich.

Noch keine Neuaufnahmen im Freiberger Frauenschutzhaus

Im Frauenschutzhaus in Freiberg ist es bisher noch ruhig. Wie eine Mitarbeiterin des Teams vor Ort sagte, seien Frauen in der Einrichtung. Diese seien jedoch schon vor der Krise da gewesen. Sie werden nun unter Einhaltung der Schutzmaßnahmen weiter betreut. Insgesamt sechs Zimmer stehen in dem Haus zur Verfügung, verteilt auf zwei Etagen. Für Neuaufnahmen habe das Team weitere Zimmer angemietet, sodass zwischen den Frauen ein entsprechender Abstand gewahrt werden könne, so die Mitarbeiterin. Nach Angaben des Landratsamtes waren in der vergangenen Woche zwei Frauen mit Kindern in dem Haus. Es ist das Einzige in Mittelsachsen.

Über 20 Prozent mehr Anfragen bei der „Nummer gegen Kummer“

Sowohl Kinder und Jugendliche als auch Erziehungsberechtigte nutzen derzeit vermehrt das überregionale Angebot der „Nummer gegen Kummer“. Um 26 Prozent im Vergleich zum Vormonat sind die Anfragen der Chat-Beratungen für Kinder- und Jugendliche gestiegen. Um 21 Prozent die Anfragen beim Elterntelefon. Darüber informierte Nina Pirk, Fachberaterin Kinderschutz im Internet vom Verein „Nummer gegen Kummer“. „Wir gehen tendenziell davon aus, dass die Anfragen bei all unseren Angeboten weiter steigen werden.“

Der meiste Beratungsbedarf bestehe derzeit aufgrund von Themen, die sich aus der Corona-Krise heraus ergeben. Sowohl Eltern als auch Heranwachsende seien verunsichert, hätten Ängste in Bezug auf die allgemeine Situation. Gesprächsbedarf gebe es auch aufgrund von Überlastung und Konflikten in den Familien. „Weitere Themen sind Einsamkeit, Frust und Langeweile“, fasst Nina Pirk zusammen.

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