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Kommt die Neißstraße künftig ohne Bürgersteige aus?

Nächstes Jahr kann die Straße saniert werden. Wie sie aussehen soll, ist aber umstritten.

Von Ingo Kramer

Die Gaststätten in der Neißstraße hat Eberhard Koch in den vergangenen 15 Jahren immer nur von außen gesehen. So lange nämlich sitzt der Görlitzer schon im Rollstuhl. Damit ist er oft in der Altstadt unterwegs – auch in der Neißstraße. „Der Fußweg aber ist an manchen Stellen zu schmal, sodass ich auf der Straße fahren muss“, sagt der 70-Jährige. Von der Straße aus kommt er aber nicht in die Lokale.

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Jens Bliemel würde gern helfen, das Problem zu lösen. Ihm gehört das Eckhaus zur Kränzelstraße, in dem das Lokal „Jacobi’s Färbe“ untergebracht ist. „Ich habe im Jahr 2001 über 20 000 Euro in eine bessere Erreichbarkeit und eine Behindertentoilette investiert“, sagt er. Der damalige Görlitzer Denkmalchef Michael Vogel habe ihm gesagt, dass die Neißstraße bald ausgebaut werden soll – und zwar ohne Bürgersteige. Weil das bis heute nicht passiert ist, haben in all den Jahren fast nie Behinderte das Lokal nutzen können. Das ärgert Bliemel – auch, weil er so viel Geld investiert hat.

Für 2014 aber hat die Stadt nun tatsächlich den Ausbau der Neißstraße geplant. Und Bliemel hat von Vogels Nachfolger Peter Mitsching erfahren, dass eine Gestaltung ohne Bürgersteig aus denkmalpflegerischer Sicht nicht infrage komme. Bliemel kann das nicht verstehen: „Im Mittelalter gab es doch auch keine Bürgersteige.“ Er wünscht sich eine Optik wie in der Brüderstraße: Eine Fußgängerzone ohne Borde, mit einer flachen Rinne in der Mitte und einer optischen Unterscheidung zwischen Fußweg und Straße. „Aber da führt bei der Denkmalpflege kein Weg rein“, sagt er.

Baubürgermeister Michael Wieler dementiert das: „Herr Mitsching entscheidet nicht über den Ausbau, sondern er macht lediglich Vorschläge.“ Und bisher sei noch nichts entschieden. Wieler selbst hat noch keine abgeschlossene Meinung, welche Gestaltung die Beste wäre: „Ich habe die Grundsatzvarianten noch nicht erörtert bekommen.“ Im Moment wird die Planung der Neißstraße laut Stadtsprecherin Sylvia Otto auf den Stand der jetzt geltenden Normen geprüft und aktualisiert: „Die vorliegende Planung ist etwa zehn Jahre alt.“ Dann wird geschaut, ob das Geld reicht. Im Haushalt stehen 465 000 Euro bereit. Das alles wird nach Wielers Einschätzung bis Anfang nächsten Jahres dauern. Danach könne er sagen, was ihm am besten gefällt.

Bau könnte auch verschoben werden

Und dann soll es eine Anliegerversammlung geben. Erst später trifft der Technische Ausschuss den Baubeschluss. Amtsleiter Torsten Tschage würde nach jetzigem Planungsstand ungefähr im Mai mit dem Bau beginnen wollen – und dann 2014 die Neißstraße auf voller Länge sanieren. Wieler bestätigt den Zeitplan nicht: „Es ist uns wichtig, vorher mit den Anliegern einen gemeinsamen Weg zu finden.“ Wenn das nicht schnell geht, könne es sein, dass die Bauarbeiten um ein paar Monate oder eben auf 2015 verschoben werden müssen. Auf jeden Fall soll den Anliegern nichts übergestülpt werden: „Wie lange die Diskussion dauert, lässt sich vorab nicht sagen.“

Das Vorgehen an der Neißstraße scheint sich grundlegend von dem am Postplatz zu unterscheiden. Da sei die Stadt, erklärte jetzt Stadtplanungschef Hartmut Wilke vor Journalisten, ohne Vorgabe in die Beratungen mit den Anwohnern gegangen. Die neue Herangehensweise hieß: „Was wollen die Akteure am Postplatz?“ Oberbürgermeister Siegfried Deinege hatte dieser Art von Bürgerbeteiligung Modellcharakter zugeschrieben. Zugleich aber auch die Konsequenzen aufgezeigt: „100 Prozent Zustimmung wird man in solchen Verfahren nicht bekommen. Wenn es 70 Prozent zu einem Vorschlag von Experten sind, dann sollte man dem auch folgen.“

In der Neißstraße begrüßen viele Anlieger Bliemels Vorschlag einer Fußgängerzone ohne Borde. „Vielleicht schafft man es dann sogar, abgesehen vom Be- und Entladeverkehr, alle Autos aus der Straße zu verbannen“, überlegt Porzellanhandmalerin Heidemarie Klinger. Michael Schwarz vom Bürgerstübl hofft, dass eine solche Gestaltung auch mehr Gäste bringt: „Die Straße kann dadurch allemal attraktiver werden.“ Auch Philipp Scholz von der Schwarzen Kunst ist für die Fußgängerzone: „Am Besten mit Pollern und Lieferverkehr nur bis zwölf Uhr.“ Kai Budich von der Görlitzer Gold- und Silberschmiede nennt die Umgestaltung „eine Riesenchance“. Gerade Rollstuhlfahrer hätten es sehr schwer: „Wir bedienen sie meist draußen an der Tür.“

Heiko Kammler, Chef des Görlitzer Unternehmerverbandes und selbst auf den Rollstuhl angewiesen, hat bei dem Thema die Hoffnung schon aufgegeben: „Leider glaube ich nicht mehr daran, dass Barrierefreiheit für Görlitz ein gewolltes Ziel ist.“ Die verabschiedete Erklärung von Barcelona scheine ihm nur ein Lippenbekenntnis. Wie man Historie und Barrierefreiheit vereinen kann, würden Welterbestädte wie Bamberg zeigen. „Wir leben nicht im 17. Jahrhundert, in unserer Zeit gibt es andere Anforderungen an die Gestaltung des Lebensraumes“, so Kammler. Eberhard Koch hingegen hofft noch, dass sich Bliemel mit seiner Gestaltung durchsetzen kann: „Dann würde ich vielleicht auch mal eine Gaststätte in der Neißstraße besuchen.“ Auf ein Wort