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Kommt, wir kaufen unser Haus!

Als Baugemeinschaft haben 19 Partner die Bundschuhstraße 5 und 7 von der Vonovia gekauft. Finanziell und baulich ein außergewöhnliches Projekt.

Torsten Brockhaus ist einer der Bewohner, die ihre Häuser Bundschuhstraße 5 und 7 gekauft haben. Als Architekt hat er die Sanierung geleitet.
Torsten Brockhaus ist einer der Bewohner, die ihre Häuser Bundschuhstraße 5 und 7 gekauft haben. Als Architekt hat er die Sanierung geleitet. © René Meinig

Dresden. Das steinerne Männlein schaut aus einem Meer von Kastanienblättern. Lächelnd empfängt es die Gäste über der Eingangstür zur Bundschuhstraße 5. Zum Tag der Architektur hat sich am Samstagnachmittag ein Traube Interessierter davor gebildet und bestaunt die Fassade mit den Jugendstildetails. Es scheint mit seinem Nachbargebäude, der Bundschuhstraße 7, fast zu verschmelzen. Entstanden sind beide in den Jahren 1905/07.

Torsten Brockhaus begrüßt die Gäste, die neugierig sind. Denn diese beiden Häuser wurden von ihren früheren Mietern gekauft und saniert. Einer davon ist Brockhaus, der mit seiner Frau und drei Kindern seit 2006 in der Bundschuhstraße 7 wohnt. Das Haus gehörte wie das Nachbargebäude erst der Woba, und als die verkauft wurde letztlich der Vonovia. "Als ich hier eingezogen bin, waren die Häuser runtergewirtschaftet, die Vonovia hat sie auf Verschleiß gefahren und nichts in sie investiert", erinnert sich Brockhaus. Eine Sanierung kam für den Großvermieter nicht infrage, denn viele Mieter wohnten schon lange darin und hatten entsprechend alte Mietverträge, zahlten nicht viel. Immer wieder hatten einzelne Mieter bei der Vonovia angefragt, ob sie ihre Wohnung kaufen könnten. "2016/17 kam dann Bewegung in die Sache", sagt Brockhaus.

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Viele Interessierte haben sich am Samstag zum Tag der Architektur dafür Interessiert, wie die Mieter die Häuser von der Vonovia gekauft und behutsam saniert haben.
Viele Interessierte haben sich am Samstag zum Tag der Architektur dafür Interessiert, wie die Mieter die Häuser von der Vonovia gekauft und behutsam saniert haben. © René Meinig

"Die Mieter in den beiden Häusern sind sehr enge Hausgemeinschaften. Wir sitzen abends oft gemeinsam unten im Hof und essen gemeinsam zu Abend." Schnell habe man sich zusammengetan und rumgefragt, wer am Projekt "Wir kaufen unser Haus" mitmachen will. Die Ausgangslage sei sehr unterschiedlich gewesen. Neben vielen Familien gab es auch Wohngemeinschaften und ältere Paare in den Häusern, die jeweils zehn Wohnungen haben. Die Hälfte der Parteien hat gesagt, dass sie sich das vorstellen kann, die andere jedoch nicht. "Oberstes Ziel war für uns, dass alle wohnen bleiben können, wenn sie wollen", sagt Brockhaus. Also habe man überlegt, ob Verwandte oder Freunde die Wohnungen kaufen könnten und die jetzigen Bewohner Mieter bleiben können.   

Einer der glücklichen Umstände war, dass Brockhaus selbst Architekt ist und so viele bauliche Einschätzungen treffen konnte. Dazu kommt, dass die Vonovia letztlich dem Verkauf und einer Grundstücksteilung mit einem weiteren Nachbargebäude zugestimmt hat. Klar war, dass man keine Luxussanierung wollte, die sich keiner leisten konnte. Im Mai 2018 wurden die Kaufverträge unterzeichnet, schon im Herbst desselben Jahres begann die Sanierung unter der Regie von Brockhaus und in bewohnten Zustand.

Dieses Wasserbecken schmückt den Eingang der Bundschuhstraße 5.
Dieses Wasserbecken schmückt den Eingang der Bundschuhstraße 5. © René Meinig

Dabei mussten die neuen Eigentümer ganz schön zusammenrücken. Zwar gab es zwei leerstehende Wohnungen, die jeweils von denen bezogen wurden, in deren Wohnung gearbeitet wurde. Doch mit bis zu drei Kindern und ohne funktionierende Küche sei das mitunter sehr abenteuerlich gewesen, erinnert sich Brockhaus. 

Während die äußere Hülle der beiden Häuser, also Fassade, Dach, Balkone, Fachwerk und Sandsteinfassungen aufgearbeitet oder erneuert wurden, ist im Innern der Wohnungen nur die Elektrik komplett neu installiert worden. Je nach Geldbeutel haben die Bewohner den Rest selbst gestaltet.

Große Unterstützung haben die Hausgemeinschaften vom Verein Bauforum Dresden erhalten. Dank ihrer Beratung haben sich entschieden, eine Baugemeinschaft zu gründen. 19 Parteien gibt es darin, die die Gebäude mit den 20 Wohnungen erworben haben. Inklusive des Kaufpreises und der Sanierung haben die neuen Eigentümer rund 1.800 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche gezahlt. Im Falle einer Dreiraumwohnung mit rund 80 Quadratmeter sind das 144.000 Euro. 

"Ein günstiger Preis, der weit von denen entfernt liegt, die momentan in Dresden aufgerufen werden", schätzt Marion Kempe vom Bauforum ein. Da müssen Käufer zwischen 3.000 bis 4.000 Euro auf den Tisch legen. "Aber an dieser Sanierung wollte ja niemand verdienen, sondern die Eigentümer ihr Haus erhalten", sagt Kempe. Ein wichtiger Aspekt sei auch, dass alle alten Materialien wie Türen in den Häusern erhalten wurden. Am Ende halte eine solche Gemeinschaft erfahrungsgemäß sehr lange. "Denn eines ist klar: Solch ein Vorhaben, gemeinsam ein Haus zu kaufen, ist äußerst anstrengend", sagt Kempe.   

So schön bemalt ist der Hausflur der Bundschuhstraße 7 bis in das erste Obergeschoss.
So schön bemalt ist der Hausflur der Bundschuhstraße 7 bis in das erste Obergeschoss. © René Meinig

Doch im Falle der Bundschuhstraße 5 und 7 haben sich die zahlreichen Sitzungen, Absprachen und Ideenrunden gelohnt, findet nicht nur Brockhaus. Er zeigt die Details in den Hausfluren. In der Nummer 5 ist es etwa ein Wasserbecken aus Sandstein, sind es die geschnitzten Bildern über den Türen des Erd- und ersten Obergeschosses. Oder die farbigen Fenster im Treppenhaus mit Sonnen. Auch Reste der bemalten Decke, die zwischenzeitlich einfarbig überstrichen war, kommen wieder zum Vorschein. 

Der Flur in der Nummer 7 besticht durch seine farbigen Motivbemalungen. Brockhaus erklärt, dass nach der Jugendstilmalerei eine zweite Bemalung mit dunklen Farben gab. "Beide sind interessant." Letztere habe den Eingangsbereich jedoch sehr düster wirken lassen, weshalb man sich entschieden habe, beide Malereien zu schützen aber unter einer hellen Schicht zu verbergen. 

Auch für Brockhaus war der Kauf mit der Baugemeinschaft spannend und anstrengend. Aber gelohnt hat es sich allemal, sagt er und schaut zufrieden auf die Jugendstilfassaden.

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