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Kompromiss Einbahnstraße

Jahrelang war die obere Berliner für Autos tabu. Jetzt läuft seit Juli der Test. Die Stadt denkt über Dauerlösungen nach.

© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Ingo Kramer

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Die Straßenbahn hält an und bimmelt. Sie bimmelt einmal, zweimal, dreimal. Dann kommt eine junge Frau aus einem Laden gehetzt, springt in einen kleinen Audi und parkt ihn ein Stückchen weiter rechts. Der Weg für die Straßenbahn ist nun frei, der für die Fußgänger noch ein Stück enger als vorher. „Verboten ist beides“, sagt Jens Kunstmann. Nach Aussage des Görlitzer Verkehrsplaners ist auf der oberen Berliner Straße das Parken nur auf der einen Seite erlaubt. Und zwar aus Richtung Bahnhof kommend, rechts. Links ist zu wenig Platz. Doch kaum einer hält sich dran. Die Autos blockieren dann entweder die Straßenbahn oder den Fußweg.

Weil in der Jakobstraße gebaut wird, ist die obere Berliner Straße seit Juli für den Verkehr geöffnet. Während die IHK eine Öffnung schon seit Jahren gefordert hatte, war die Stadt lange dagegen. Wie die künftige und dauerhafte Verkehrslösung auf der oberen Berliner aussehen wird, kann Kunstmann indes noch nicht sagen. Vier Varianten sind denkbar: Die Rückkehr zur Fußgängerzone, die Beibehaltung der aktuellen Situation mit Verkehr in beide Richtungen, die Einrichtung einer Einbahnstraße mit Fahrtrichtung zum Bahnhof hin oder als Einbahnstraße vom Bahnhof weg. „Wir sammeln gerade in der Verwaltung die Pro- und Contra-Argumente für alle Varianten“, erklärt Kunstmann. Entschieden ist noch nichts. Die Stadt will auch Händler fragen, Anwohner, die Verkehrsgesellschaft und am besten auch die Passanten. Und nicht zuletzt soll das Thema im Stadtrat diskutiert werden. Alledem will Kunstmann nicht vorgreifen. Aus stadtplanerischer Sicht sieht er keine Variante als ideal an. Die wenigsten Nachteile hat in seinen Augen aber vermutlich eine Einbahnstraße – egal, ob nach oben oder unten. Dann wären die Läden weiterhin gut erreichbar, die Straße wäre klarer gegliedert und gefährliche Situationen durch wendende Autos würden wegfallen. Der Nachteil wäre, dass Autofahrer Umwege fahren müssten.

Die Einbahnstraße ist ein Kompromiss zwischen Fußgängerzone und jetzigem Zustand. Und sie stößt bei den acht Gewerbetreibenden, die die SZ gestern vor Ort befragt hat, auf die beste Resonanz. Aber nicht auf Ungeteilte: Manchen ist die jetzige Situation lieber, etwa Gabriela Horschig aus der Löffelbar. Doch auch sie könnte mit der Einbahnstraße leben: „Hauptsache, wir sind per Auto erreichbar.“ Der Umsatz sei deutlich gestiegen, seit Autos die obere Berliner nutzen dürfen. Einen leichten Zuwachs verzeichnet auch Heiko Kretschmer von der gleichnamigen Konditorei: „Einige Kunden halten früh schnell an, holen ein paar Stück Kuchen und fahren weiter.“

Doch Kretschmer sieht noch ganz andere Probleme: „Manche Autofahrer rasen durch die Straße, andere parken den ganzen Tag, obwohl das nur für eine Stunde erlaubt ist.“ Lars Zalisz vom Daily Motion gleich gegenüber bestätigt das. Beide fordern deutlich mehr Kontrollen. Stadtsprecherin Sylvia Otto entgegnet, „dort wird im Rahmen der Möglichkeiten kontrolliert.“ Das freilich lässt alles offen.

Sowohl die August-Moritz-Böttcher-Grundschule als auch der dazugehörige Hort können nach Aussage von Schulleiterin Almut Hentschel ganz gut mit dem Autoverkehr leben: „Die Schüler nutzen die Gehwege und dort ist es genauso sicher wie in anderen Straßen auch.“ Für die Eltern sei es gut, die Kinder auch mal mit dem Auto bringen und holen zu können – vor allem dienstags, wenn Orchestertag ist und Instrumente zu transportieren sind. Dass es direkt vor der Schule keine Kurzzeitparkplätze für Eltern gibt, stört sie am meisten.

Manfred Rimbach, langjähriger Chef der IG Verkehr, plädiert ebenfalls für die Einbahnstraße: „Es gibt nicht viele Anwohner, deshalb sollten wir vor allem den Erwartungen der Händler entsprechen.“ Gerade das Ein- und Ausladen sei wichtig für den Handel. Doch es gibt auch ganz andere Stimmen. Ines Igney vom Fahrradverband ADFC spricht sich für die Rückkehr zum alten Zustand aus, als nur Fußgänger und Radfahrer die obere Berliner nutzen durften. „Und wenn schon Autos, dann bitte nur als Einbahnstraße und ohne Parkplätze“, sagt Ines Igney. Die parkenden Autos seien nämlich das Hauptproblem: „Radfahrer mit Kinderanhänger müssen dann ein Stück weiter in der Mitte fahren und geraten mit den Rädern in die Schienen.“

Ganz allein steht Ines Igney mit ihrer Ansicht nicht. Joanna Daume vom Consultingcenter Pohl in der Berliner Straße 22 findet es „schöner und ungefährlicher“, wenn keine Autos fahren. Für ihr Geschäft sei es andererseits praktisch, wenn Kunden im Auto vorfahren können. „Mein Schwiegervater aber“, so Joanna Daume, „ist ganz klar für eine Fußgängerzone.“ Der Grund: Ihm gehört hier ein unsaniertes Haus. Sowohl bei einer Vermietung als auch beim Verkauf wäre eine Fußgängerzone für ihn ein gutes Argument. Auf ein Wort

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