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Konfessionen tauschen die Kirchen

Am 25. April 2010 erlebte Döbeln einen ungewöhnlichen Kirchentausch. Während die katholische Gemeinde in der evangelischen Nicolaikirche einen Bischofsgottesdienst feierte, nutzte die evangelische Gemeinde...

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Von Matthias Donath

Am 25. April 2010 erlebte Döbeln einen ungewöhnlichen Kirchentausch. Während die katholische Gemeinde in der evangelischen Nicolaikirche einen Bischofsgottesdienst feierte, nutzte die evangelische Gemeinde das kleinere katholische Gotteshaus, das sich westlich der Innenstadt in Hanglage über dem Muldental erhebt. Das freundschaftliche Miteinander der beiden christlichen Konfessionen, das durch diesen Kirchentausch zum Ausdruck kam, wäre vor einigen Jahrzehnten undenkbar gewesen.

Evangelische Hochburg

Döbeln war seit der Reformation eine evangelisch-lutherische Stadt. Andere Konfessionen waren nicht zugelassen. Erst im 19.Jahrhundert kamen infolge der Industrialisierung römisch-katholische Christen nach Döbeln. Der erste katholische Gottesdienst seit der Reformation wurde 1852 in der Wohnung eines Spinnmeisters gefeiert. Alle 23 Katholiken, die damals in Döbeln lebten, nahmen an der Messe teil.

Auch wenn ihre Zahl in den folgenden Jahren anwuchs, blieb die katholische Gemeinde immer eine Minderheit, die sich von der evangelischen Mehrheit bewusst abgrenzte und sich gegen sie zu behaupten versuchte. Um die Döbelner Katholiken enger zusammenzuschließen, wurde 1905 die „Freie Vereinigung katholischer Glaubensgenossen von Döbeln und Umgebung“ gegründet, die Geld für einen eigenen Kirchenbau sammelte. 1911 wurde ein Kaplan angestellt. Er war nicht nur für Döbeln zuständig, sondern auch für die umliegenden Städte und Dörfer, in denen damals verstreut 1475 Katholiken wohnten. Nachdem der Bonifatiusverein zugesagt hatte, einen Teil der Baukosten zu übernehmen, konnte 1913/14 eine Kirche mit Pfarrhaus errichtet werden.

Den Entwurf lieferte der katholische Architekt Robert Witte aus Dresden. Er gestaltete ein traditionelles Kirchengebäude, das an dem monumentalen Westturm eindeutig zu erkennen ist. Auf dem oberen Teil des Turmes, der rund gebildet ist, ruht ein spitzes Kegeldach. Da sich an das Mittelschiff geräumige Seitenbereiche anschließen, wirkt der Innenraum sehr großzügig. Die Bogenstellungen ruhen auf wuchtigen Pfeilern, die aus Beton gegossen wurden, aber so bearbeitet und bemalt sind, das der Eindruck roten Marmors entsteht.

An der rechten Seite schließt sich das Pfarrhaus an. Das in Kalkstein gehauene Relief über der Seitenpforte zeigt das Rosenwunder der heiligen Elisabeth von Thüringen, gestiftet vom Katholischen Frauen-Verein zu Döbeln. Das Gotteshaus wurde 1916 geweiht und die Seelsorgestelle sieben Jahre später zur eigenständigen Pfarrei erhoben. Die Kirche war ursprünglich viel reicher ausgestattet als sie heute erscheint. Sie hatte einen Hoch- und zwei Nebenaltäre, der Altarraum wurde von drei Bogenfenstern mit farbigen Glasmalereien belichtet. Im Kirchenschiff stand zudem ein schweres hölzernes Gestühl.

Bei dem tiefgreifenden Umbau, der 1970 bis 1972 unter Beteiligung des Architekten Hubert Paul aus Flöha erfolgte, wurden alle traditionellen Elemente beseitigt. Das Kirchenschiff wurde verkürzt – im Westen durch Einbau von Beichtraum und Sakristei, im Osten durch die Abtrennung des Altarbereichs – in dem man einen zusätzlichen Gemeinderaum gewann. Dieser kann durch eine Falttür zur Kirche geöffnet werden. Die Wandzone über dieser Falttür schmückte Rudolf Teufel aus Dresden mit einem Wandbild, welches das Christuswort: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ illustriert.

Teufel gestaltete auch den freistehenden, aus Metallsegmenten zusammengesetzten Altartisch und den Tabernakel. Durch den Umbau entstand ein nüchterner, moderner Raum, wie er dem Zeitgeschmack der 1970er-Jahre entsprach. Die Orgel auf der Westempore wurde 1982 vom VEB Orgelbau Jehmlich in Dresden eingebaut. Zu den sakralen Gegenständen, die den weiß gestrichenen Raum bereichern, gehört eine kostbare alte Ikone, die um 1800 in Südrussland oder Rumänien entstanden ist. Im Jahr 2003 kam sie durch eine Stiftung in die St. Johanneskirche.

Die Gemeinde vergrößerte sich nach dem Krieg durch Flüchtlinge und Vertriebene aus Böhmen, Ungarn und Schlesien erheblich. Um die verstreut lebenden Gemeindemitglieder betreuen zu können, erhielt die Pfarrei einen Kaplan, der in Mochau, Ostrau, Zschaitz, Beicha, Technitz, Simselwitz und Mockritz katholische Gottesdienste abhielt. Diese Gottesdienststationen wurden nach und nach wieder aufgegeben, da sich die Zahl der Katholiken in Döbeln und Umgebung durch Wegzug und Tod in den vergangenen dreißig Jahren merklich verringert hat.

1100 katholische Christen

Die 1958 eingerichtete Pfarrvikarie Roßwein wurde wieder aufgelöst. Die dortige katholische Kirche untersteht seit 2001 wieder der Döbelner Pfarrei. Pfarrer Klaus Orland, seit 2009 im Amt, betreut etwa 1100 katholische Christen, die sich nach wie vor auf ein großes Gebiet verteilen. Die Pfarrei hat einen sehr aktiven Kirchenchor, der seit der Gründung 1979 von Johannes Bayer als ehrenamtlichem Kantor geleitet wird. Die Kinder treffen sich zu religiösen Kindertagen, die Jugendlichen haben ihre Jugendgruppe und seit 1990 findet sich auch ein Familienkreis zusammen.

Im Zusammenleben mit den evangelischen Christen der Stadt Döbeln werden heutzutage vor allem die Gemeinsamkeiten betont. Konflikte gibt es schon lange nicht mehr, dafür herzliche Begegnungen, wie sie in der Vergangenheit beim Kirchentausch zum Ausdruck gekommen sind.