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Zeit für eine Kurskorrektur

Konsumterror, Stress, Familienstreit? Weihnachten gelingt nur, wenn wir innehalten. Ein ganz persönlicher Blick von Freitals Pfarrer Christoph Singer.

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Pfarrer Christoph Singer ist 1954 in Freiberg geboren. Nach seinem Studium der Theologie in Leipzig und Naumburg war er als Pfarrer in Treuen, später in Crimmitschau tätig. Seit 22 Jahren ist er nun in Freital. Er ist verheiratet und hat sieben Kinder.
Pfarrer Christoph Singer ist 1954 in Freiberg geboren. Nach seinem Studium der Theologie in Leipzig und Naumburg war er als Pfarrer in Treuen, später in Crimmitschau tätig. Seit 22 Jahren ist er nun in Freital. Er ist verheiratet und hat sieben Kinder. © Karl-Ludwig Oberthür

Wie erlebt ein Pfarrer Weihnachten? Darauf gibt es – natürlich – ganz unterschiedliche Antworten. Normalerweise haben die Mitmenschen viel Verständnis. „Da haben Sie bestimmt viel zu tun, nicht wahr?“ Ja, das stimmt. Manche machen auch gern eine etwas schelmische Bemerkung: „Augen auf bei der Berufswahl.“ Schon klar. Aber natürlich gibt es auch andere Zeiten, die einen genauso fordern, wie die Weihnachtszeit – für die es neuerdings ja sogar Stressberater in Buchform gibt. Sicher ist es gut, diese Zeit so zu planen, dass man von ihr auch wirklich etwas hat und am Ende nicht völlig fertig unterm Weihnachtsbaum liegt. Denn wer von Weihnachten nur noch die Nase voll hat, macht da sicher etwas falsch.

Für mich ist Weihnachten mit seinen klaren Ansagen, wunderschönen Bräuchen und tiefgehenden Liedern schon etwas Besonderes – Balsam für die Seele. Gerade auch die Lieder strömen eine heute seltene Innigkeit aus. Aber ich kann mich auch gut erinnern, dass das nicht immer so war. Als Jugendlicher haben mich die falschen Töne in dieser Zeit sehr gestört. Wenn es nur noch ums Geschäft ging, ums Ausgleichen irgendwelcher Ansprüche oder wenn zuckersüße Watte auf bittere Wunden und Konflikte gelegt wurde.

Auch heute noch ist für mich der Umgang damit nicht unproblematisch. Doch inzwischen entdecke ich durchaus eine höhere Bereitschaft, sich mal etwas anzuhören, was einem nicht in den eigenen Kram passt. Und natürlich hoffe ich, dass mancher in sich geht und eine Kurskorrektur vornimmt.

Wenn man so will, ist Weihnachten ja auch eine Kurskorrektur Gottes in seiner Haltung zur Menschheit. Er schickt nicht mehr nur mahnende und verheißende Propheten. Die haben wir auch heute noch nötig. Aber nun geht Gott einen neuen Weg. Er materialisiert sich als hilfloses Kind in der Krippe. Das ist so gegen alle Regeln in dieser Welt und so provozierend gegenüber jedwedem Machtgehabe mit Erfolg, Genialität, Geld und einflussreichen Beziehungen. Noch deutlich habe ich die Kinderstimmen im Ohr, die so schön im Weihnachtsoratorium Bachs in der Christuskirche gesungen haben: „Er ist auf Erden kommen arm.“ Sollte das nicht auch unser Gottesbild beeinflussen können und die Götter dieser Welt ein wenig aus ihren Sätteln heben?

Die Lust auf Verbotenes

Es ist allerdings falsch, daraus ein Loblied auf die Armut zu machen. Das wäre allen ein Schlag ins Gesicht, die um ihre nackte Existenz ringen. Große Geister der Weltgeschichte wie ein Franziskus von Assisi haben die Armut freiwillig gewählt und sie keinem zur Vorschrift gemacht. Was Besucher aus unseren Breiten in armen Ländern jedoch immer wieder sehr beeindruckt: Wie können die nur in Dreck und Elend sitzenden Menschen so fröhlich sein – oft viel fröhlicher als hierzulande?

Diese Kurskorrektur deutet auch ein beliebter Weihnachtsbrauch an: Die Kugeln am Weihnachtsbaum. Sie stehen für die Früchte am Paradiesbaum, aus denen die Tradition Äpfel gemacht hat. Am Heiligen Abend wird zugleich an die Geschichte von Adam und Eva gedacht. Eine tiefgründige Erzählung, wie die Lust auf Verbotenes den Menschen aus dem Paradies vertrieben hat. Mit der Geburt Jesu ist die verloren gegangene Sehnsuchtsstätte wieder aufgeschlossen, wie es Nikolaus Hermann 1560 getextet und komponiert hat: "Heut schließt er wieder auf die Tür, zum schönen Paradeis; der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis."

Der „treue“ Tannenbaum, an dem nun die Kugeln und manchmal auch Äpfel hängen, ist nicht nur Zierde und Duftquelle. Er will auch etwas lehren, wie es in dem bekannten Weihnachtslied heißt: „Die Hoffnung und Beständigkeit gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit!“ In einer sich rasend schnell verändernden Welt mit düsteren Zukunftsankündigungen und gerade auch in der kahlen und dunklen Winterszeit ist ein immergrünes Gehölz wie ein Gleichnis für Hoffnung und Bewahrung.

Wo kommt nun aber unser Weihnachtsfest her? Es begründet ja sogar unsere Zeitrechnung. Es sind die biblischen Erzählungen von Matthäus und Lukas. Auch Johannes hat eine ganz eigene, wenn man so will spirituelle Weihnachtsgeschichte. Der Evangelist Markus verlegt die Gottessohnschaft auf die Taufe Jesu durch Johannes im Jordan – eine etwas verspätete Weihnachtsgeschichte, wenn man in ihr die Menschwerdung Gottes sehen kann. Lukas benennt mit seiner besonderen Sympathie für die Armen Maria als seine Zeugin und die verachteten Hirten als die ersten Prediger.

Die Heiligen Drei Könige

Bei Matthäus steht die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland. Als heidnische Magier entsprechen sie eigentlich überhaupt nicht frommer Erwartung. Der Stern, dem sie folgten, war weder ein Komet noch ein einzelner Stern. Alle Erklärungen dafür stehen auf wackligen Füßen. Mir scheint die des Astronomen Johannes Kepler am einleuchtendsten: Im Jahr sieben vor Christus sind sich Jupiter und Saturn im Sternbild Fische optisch so nahe gekommen, dass sie wie ein größeres Lichtgebilde am Himmel erschienen.

Damals sah man den Sternenhimmel noch viel deutlicher als heute und damit auch jede kleine Veränderung, denn mehr als das war auch diese Konjugation der Planeten nicht. Trotzdem tut sich in elektrolichtfreier Zeit ein majestätischer Kosmos auf. So schön leuchtet der Morgenstern. Das ist mir zuletzt bei einem Diavortrag über Australien in der Kuppelhalle Tharandt wieder einmal klar geworden.

Es lohnt sich, diese Geschichten in der Bibel einmal in aller Ruhe nachzulesen oder in den Weihnachtsgottesdiensten anzuhören. Früher waren sie in den Schulen sogar einmal Lernstoff – eben Weltliteratur. Über allem Glanz sollte aber die gute Botschaft nicht übersehen werden: In jede Dunkelheit soll ein besonderes Licht gebracht werden. Kein Mensch ist vergessen und verloren.