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Kontra Gemeinschaftsschule: Das Lerntempo wird langsamer

Eine einschneidende Strukturreform würde die anderen Schularten schwächen, meint Petra Müller vom Sächsischen Lehrerverband.

Petra Müller ist stellvertretende Landesvorsitzende des Sächsischen Lehrerverbands.
Petra Müller ist stellvertretende Landesvorsitzende des Sächsischen Lehrerverbands. ©  dpa, Montage: SZ

Das Bündnis wirbt damit, dass Gemeinschaftsschulen dazu beitragen würden, soziale Herkunft und Bildungsleistungen voneinander zu entkoppeln. Das erscheint ziemlich absurd – angesichts der Tatsache, dass Schülerleistungen in Sachsen im Bundesvergleich am wenigsten von der sozialen Herkunft abhängig sind. Man muss auch festhalten: Das bewährte gegliederte Schulsystem ist im Bundesvergleich erfolgreich. Gemeinschaftsschulen in anderen Bundesländern sind hingegen nicht per se erfolgreich, sie haben auch Nachteile: Für Lehrkräfte würde die anspruchsvolle Binnendifferenzierung in Gemeinschaftsschulen zu einer zusätzlichen Arbeitsbelastung. 

Auch für Seiteneinsteiger ist das eine nahezu unmögliche Herausforderung. Und: Die bestehenden Schulgebäude sind in ihrer Ausstattung für Gemeinschaftsschulen nicht geeignet, hier müsste es Investitionen in bislang noch gar nicht bezifferter Höhe geben. Fakt ist: Eine weitere Schulart würde mit den bereits bestehenden Schularten um Gelder für den Schulhausbau konkurrieren.

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Die Differenzierung nach der 4. Klasse gibt den Schülern die Möglichkeit, nach den individuellen Begabungen gefördert zu werden. Viele Schüler und Eltern sehen das auch als Chance für den weiteren Bildungsweg. Längerer gemeinsamer Unterricht an einer Gemeinschaftsschule führt nicht mehr Schüler zu höheren Bildungsabschlüssen. Aufgrund von Erfahrungen in anderen Bundesländern besteht vielmehr die berechtigte Sorge, dass das Leistungsniveau insgesamt sinkt. Im Unterricht mit so vielen Leistungsniveaus tritt nämlich der sogenannte „Konvoi-Effekt“ auf: Das Lerntempo richtet sich am langsamsten Schüler der Klasse aus, leistungsstarke Schüler können oft nicht gut genug gefördert werden. 

Leistungsgemischte Lerngruppen bieten daher keine nachweisbaren Vorteile gegenüber homogenen. Andauernde Über- oder Unterforderung und häufige Misserfolge infolge unzureichender individueller Förderung wirken sich negativ auf die schulischen Leistungen der Kinder aus. Die Übergangsquoten etwa in Baden-Württemberg zeigen: Viele Schüler, die über die Gemeinschaftsschule zum Abitur kommen wollen, schaffen nach Klasse 10 den Übergang nicht, weil sie das notwendige Leistungsniveau fürs Gymnasium nicht erreichen.

Man muss sich auch bewusst sein, dass für diese neue Schulart mehr Lehrkräfte benötigt werden als bisher. Und wir wissen alle, dass die Lehrerversorgung an sächsischen Schulen auf absehbare Zeit nicht gesichert ist. Reformen wie die Einführung einer neuen Schulart würden die Personalsituation im Freistaat weiter verschärfen.

Mit Gemeinschaftsschulen würden unnötige und ineffiziente Parallelstrukturen im sächsischen Schulsystem aufgebaut: Sie bieten nichts, was nicht auch Oberschulen und berufliche Gymnasien leisten können bzw. könnten. Es sollte besser in bewährte Schulstrukturen im Freistaat investiert werden, anstatt die bestehenden Schularten durch eine Aufsplitterung des Schulsystems zu schwächen.

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Unsere Autorin Petra Müller ist stellvertretende Landesvorsitzende des Sächsischen Lehrerverbands und dort auch Fachverbandsvorsitzende für die Oberschulen. Die 59-Jährige unterrichtet Biologie und Chemie an der Pestalozzi-Oberschule in Neusalza-Spremberg bei Bautzen.