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Kontraste einer Stadt

In der Hauptstadt der selbst ernannten Volksrepublik Donezk ist der Krieg weiterhin allgegenwärtig und für die Menschen spürbar. Viele Gegensätze prägen die Stadt – und ihre Bewohner.

© Marlon Roseberry Bünck

Von Marlon Roseberry Bünck

Der Morgen ist kalt aber strahlend blau, als die 80-jährige Julia aus ihrer kleinen Unterkunft im Flughafendistrikt hinaustritt. Der Flughafen, von dem aus noch vor wenigen Jahren Tausende Fußballfans per Direktbus in die Donbass-Arena fuhren, liegt unmittelbar im Sichtfeld von Julias brüchigem Haus. Der 2012 mit großem Stolz eröffnete Milliardenbau versorgte beinahe das gesamte Viertel mit Jobs. Als eine der wenigen Bewohner, die geblieben sind, ist Julia täglichem Granatfeuer und Schusswechseln ausgesetzt. Die Straßen, auf denen einst die Autos in Richtung Flughafen fuhren, sind leer und zerstört. Seit 1950 lebt sie in diesem Haus, den größten Teil ihres Lebens.

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Die einstige Shopping Mall von Donezk ist heute eher ein Fotomotiv als ein Einkaufstempel. Viele Läden stehen leer.
Die einstige Shopping Mall von Donezk ist heute eher ein Fotomotiv als ein Einkaufstempel. Viele Läden stehen leer. © Marlon Roseberry Bünck
Der einstige McDonalds heißt jetzt DonMak. Das Angebot ist gleich geblieben. Das Publikum auch.
Der einstige McDonalds heißt jetzt DonMak. Das Angebot ist gleich geblieben. Das Publikum auch. © Marlon Roseberry Bünck

„Alle Häuser in meiner Straße sind geplündert. Nur eine Familie und ich sind hier übrig geblieben. Wir sind Zurückgelassene. Meine Tochter lebt in der Stadt, sie ist arbeitslos. Sie arbeitete früher als Flugbegleiterin. Auch meine Mutter liegt hier in der Nähe begraben“, sie bekreuzigt sich. „Aber ich habe zu viel Angst, sie zu besuchen. Die Granaten, die Minen. Ich habe zu viel Angst. Als die Kämpfe tobten, saß ich betend in meinem Haus. Um mich herum knallte alles so laut, ich habe gebetet, dass mein Haus verschont bleibt.“

Ein paar Straßen weiter kehrt Larissa, 51, vor ihrem Haus. Auch sie gehört mit ihrem schwer verletzten Mann zu den ganz wenigen, die nicht flohen. „Den ganzen Krieg über bin ich hier gewesen. Es machte mich krank. Alles fand vor meinen Augen statt. Alles hat gebrannt, auch das Haus meiner Nachbarin mit den Kühen. Ich musste ihre Tiere verbrennen sehen, es war furchtbar. Kaum einer kann sich vorstellen, was ich durchgemacht habe. Politik ist mir egal, ich will nur noch ein bisschen von meinem Leben bekommen.“ Sie senkt den Blick, ihre Kleidung wechsle sie kaum noch. „Oktober 2014 wurde mein Mann schwer verletzt. Splitter in seinem Rücken und in beiden Beinen, wir gaben den Ärzten all unser Geld. Sie konnten ihm nicht helfen. Sie wussten nicht, wie sie mit diesen Verletzungen umgehen sollten. Mehrere Male wurde unser Haus getroffen, jedes Mal haben wir es selbst wiederaufgebaut. Keiner hat uns geholfen: Es kamen Leute, die haben gefilmt, aber dann waren sie wieder weg. Man lässt uns allein.“

Nur wenige Meter hinter ihrem Haus befindet sich ein alter Friedhof mit unmittelbarem Blick auf das große Terminal. Es sollte 2012 ein Prestigeprojekt und Symbol für eine moderne Bergarbeitermetropole sein. Nichts ist übrig, nur das Skelettgerüst. Plötzlich schlagen aus dem Nichts Granaten ein. Grauer Rauch steigt auf, und für wenige Minuten bricht ein Feuergefecht aus. Dann verstummt es. Eine alltägliche Situation, so dicht an der Kontaktlinie. Es gibt keinen Tag ohne Schusswechsel oder gegenseitigen Beschuss. Nur wenige hundert Meter entfernt liegt der nagelneue Bahnhof. Der Weg führt vorbei an zerschossenen Supermärkten, eingestürzten Plattenbauten und verwaisten Straßen. Der Bahnhof war ebenfalls für die Europameisterschaft 2012 grundlegend modernisiert worden. Seit Jahren fährt hier kein Zug mehr. Es sind die Kontraste, die die Stadt prägen.

Der Flughafen befindet sich einige Kilometer außerhalb von Donezk. Im Zentrum der Stadt liegt der breite und sauber hergerichtete Lenin-Platz. Die große Statue des Revolutionsführers auf dem Paradeplatz wird von den Flaggen der Volksrepublik umsäumt und von einem eigenen Sicherheitsdienst bewacht. Es ist ein beliebter Treffpunkt, eine Kulisse für Selfies und ein guter Ort zum Spazierengehen. Von der Lage in den Randbezirken bekommt man hier nichts mit. An einer Ecke des Platzes befindet sich eine ehemalige Filiale von McDonalds. Als sie aufgrund des Krieges schließen musste, zog ein Geschäft namens DonMak ein. Es gibt identische Produkte, identisches, überwiegend junges Publikum sitzt im Restaurant. Es ist einer der wenigen Orte, die so etwas wie Normalität versprühen. Tritt man nach draußen, erblickt man die leeren Straßen und Menschen, die dauernd auf die Uhr schauen, denn das Leben in der einst pulsierenden Stadt hat sich verschoben.

Von 23 Uhr an gilt eine Ausgangssperre bis 5 Uhr morgens. Kontrolliert wird sie von der Militärpolizei, denn sie ist für die Durchsetzung zuständig, die Stadt wird damit nachts quasi militärisches Sperrgebiet. Die ohnehin leeren Straßen sind dann komplett verwaist. Die Auswirkungen dieser Regelung wirken auf den ersten Blick unfreiwillig komisch. Die wenigen Klubs und Bars, die es hier noch gibt, beginnen ihre Partys um 17 Uhr. Schön hergerichtete Frauen und elegante Männer trifft man bereits früher an. In Donezk endet das Nachtleben um 22 Uhr.

Die Prokofjew Philharmonie im Zentrum von Donezk, nur wenige Kilometer von den zerstörten Außenbezirken entfernt, spielt an diesem Nachmittag „Rock-Hits“. Das Stück ist beliebt, es ist bereits die 27. Aufführung und der Saal ist ausverkauft. Sechzig Musiker, unter ihnen Studenten der Musikakademien, stehen auf der Bühne. Neben Hits von Nirvana spielen sie auch Titel wie „Wind of Change“ und „The Final Countdown“, die besonders gut beim Publikum ankommen und stehenden Beifall ernten.

Keine zwanzig Minuten Fahrt mit einem der vollen Trolley-Busse entfernt, zeigt sich im Kiewski-Distrikt der nahezu dystopische Kontrast. Geprägt von hohen Plattenbauten ist der Bezirk besonders stark gefährdet. Vor allem die nach Westen gerichteten Fassaden der Gebäude wurden schwer beschädigt. Nadjeshda, 49, betreibt einen der wenigen Läden. Kunden gibt es kaum noch welche. Ihr kleiner Lebensmittelladen wurde am Tag des Gesprächs vor genau einem Jahr von einer Granate getroffen. Die meterhohen Fenster konnte sie bislang nicht austauschen, es fehlt das Geld. Ihre Tochter greift ihr unter die Arme, sie selbst wurde von einer herabstürzenden Lampe verletzt.

Gemeinsam versuchen beide, den Laden solange wie möglich am Leben zu halten. Sie erzählt ernüchtert: „Die alten Menschen hören die Granaten doch gar nicht mehr. Sie sitzen zu Hause hinter verschlossenen Türen. Wir hören hier alles. Es gibt keine Kunden mehr, trotzdem zahlen wir monatlich hohe Steuern an die ,Volksrepublik‘. Wir wollen den Laden schließen, aber die Menschen bitten uns, es nicht zu tun. Sie brauchen Brot und gefiltertes Wasser. Viele sind bei uns verschuldet, wir wissen, dass wir von den alten Menschen nichts zurückbekommen. Aber was sollen wir tun?“ Sie geht nach draußen zum Nebenhaus, wo sie vor einem Jahr wohnte.

Die Fassade ist durch Granatsplitter stark beschädigt. Die Fenster wurden mit Brettern notdürftig ausgebessert. Sie setzt sich mit der älteren Dame zusammen, die alle Schlüssel der Bewohner aufbewahrt. Aleksandra, die 27-jährige Tochter von Nadjeshda, kommt hinzu. „Meine Mutter kann den Ort nicht verlassen. Der Job ist das letzte, was sie noch hat. Ich kann sie auch nicht zurücklassen, und mein Mann weigert sich ebenfalls. Ich habe Angst, dass uns, wenn wir flüchten, niemand akzeptiert, weil uns niemand braucht. Wir wollten den Laden zuerst schließen, aber entschieden uns dagegen. Alle meine Freunde sind weg. Die wenigen, die blieben, leben ohnehin alle im Zentrum. Kaum einer versteht den Krieg. Am besten können das wohl noch die Menschen, die hier tagtäglich überleben müssen.“

Die Gegensätze in der Stadt zeigen sich vielerorts. Inmitten der leeren Straßen, einiger weniger Edelrestaurants und Propagandaplakaten steht die große Donezk City Mall. Ein Ort, an dem die Leute shoppen, als hätte es den Krieg nie gegeben. Zumindest auf den ersten Blick. Viele Läden sind geschlossen und mit Brettern verbarrikadiert. Viele Etagen sind verwaist, und die Rolltreppen führen ins Leere. Noch immer kommen in den späten Mittagsstunden jüngere Menschen hierher, gehen Schlittschuhlaufen oder ins Kino. Die Ticketpreise sind niedrig und viele der Jugendlichen mögen die halbleeren Kinosäle sogar.

Maria war 16 Jahre alt, als der Krieg begann, was ein weiteres großes Problem nach sich zog. „2014 hatte ich keine Zeit, einen Pass zu besorgen. Deswegen wurde ich nicht nach Russland gelassen. Ich blieb in Donezk mit meiner Mutter und meinem Vater. Wir lebten am Stadtrand von Donezk, wo wir unter Beschuss waren. Kaum fünf Meter entfernt schlugen manche Geschosse ein. Etwas später traf eine Granate unsere Wohnung. Viele meiner Freunde sind gestorben. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Aber das ist eine wilde Angst, wenn du unter Salven einschläfst und später wegen Granaten wieder aufwachst, die in deine Stadt fliegen. Ich habe am Morgen gesehen, wie der Kronleuchter schaukelte, wie die Wände meines Hauses zitterten. Erst habe ich vor Angst den Kopf verloren, dann verwandelte sich diese Angst in Adrenalin und Sucht“, erzählt sie.

Manchmal scheint es, als liege die Stadt in einem Tiefschlaf. An vielen Orten kann man noch erkennen, was Donezk vor dem Krieg für eine unermüdliche Stadt war. Menschen aus aller Welt, Bars, Restaurants, Konferenzzentren, Gewerbegebiete, ein großer Fußballverein mit einem hervorragenden Stadion; all das zeichnete die Stadt aus, machte sie beliebt bei Bewohnern und Besuchern. Kaum etwas ist davon geblieben. Die wenigen Restaurants im Zentrum sind hochklassig und hochpreisig, die Gäste sind überwiegend reiche russische Wirtschaftsvertreter oder Mitglieder der örtlichen Administration.

Die neue Bar „Separ“ – eine Anspielung auf Separatisten – befindet sich in unmittelbarer Nähe des Donezker „Regierungssitzes“. Der Laden – der Gerüchten zufolge auch häufig durch den „Präsidenten“ besucht wird – ist dekoriert mit Abzeichen, Bildern und Gegenständen aus dem Krieg der letzten vier Jahre. Unter den Gästen findet sich neben einigen örtlichen Besuchern auch eine größere Gruppe augenscheinlich russischer Soldaten.

Die russische Präsenz ist weder ein Geheimnis noch etwas, worüber man in Donezk nicht spricht. Vielmehr wird der eigentliche Grund dafür verschleiert, so wie auch das Ausmaß und die Strukturen. Auf die Frage, ob es russische Soldaten in Donezk gäbe, antwortet eine junge Frau beim Verlassen der Bar ironisch: „Wenn es hier keine russischen Soldaten gibt, mit welchem Major bin ich dann zusammen?“

Die politische Lage ist angespannt. Der Alltag wird von oben massiv reglementiert. Nach Jahren beginnt nun intern eine Debatte, wie man die leerstehenden Immobilien der geflohenen Ukrainer, die das Stadtzentrum prägen, der Volksrepublik zuführen kann. Öffentlich wird erklärt, solche Überlegungen fänden nicht statt und dass niemand plane, Enteignungen vorzunehmen. Die neuen Behörden versuchen sich intensiv darin, zumindest äußerlich den Schein zu erwecken, es handele sich um einen Staat. Durchsetzen wollen den die neuen Machthaber offenbar mit einem Überfluss an visuellen Symbolen und an Liedern. An jeder Straßenecke wird deutlich, dass man die Ukraine verlassen hat. Auf großen Plakaten über den breiten Straßen stehen Zitate des „Präsidenten“ der „Volksrepublik Donezk“, Sacharschenko, auf denen er sagt, alle Donezker kämen natürlich und ursprünglich aus Russland. Doch die meisten Menschen haben keine Zeit für Politik. Alltagssorgen und Perspektivlosigkeit beherrschen alles.

Offiziell ist sogar Schachtjor Donezk, der bekannte Fußballklub der Stadt, von der Führung als Verräter gebrandmarkt worden. Doch noch immer prangen überall in der Stadt die Logos und Bilder der Spieler, etwa wie vor der Donbass-Arena, wo der kroatische Kultverteidiger Darijo Srna den geschlossenen Fanclub grüßt. Noch immer sind viele Menschen mit ihren alten Fanartikeln unterwegs oder gucken sich zuhause im Internet die Spiele an. Die neue Führung kennt die sensiblen Punkte der Identität und versucht sie nicht zu offen anzugreifen.

Viele Menschen in der Stadt wollen den Krieg vergessen. Es gibt noch Orte, an denen Familien ihren Sonntag wie in alten Zeiten verbringen. Der Botanische Garten ersetzt beispielsweise den weggezogenen Zoo. Jeden Sonntag führt eine ältere Dame Besuchergruppen durch die verschiedensten Pflanzenwelten von allen Teilen des Globus. Ein Ort, an dem man sich so fühlt, als sei man in anderen Ländern und Kulturen unterwegs. Es ist das, was die Menschen vermissen. Es ist Leben.