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Feuilleton

„Kopf hoch, tanzen!“

Herbert Grönemeyer gibt in Dresden vor 24.000 Zuschauern alles und packt noch eine Stunde Zugaben drauf. Die Konzertrezension.

Herbert Grönemeyer am Dienstagabend auf der Bühne im Rudolf-Harbig-Stadion in Dresden.
Herbert Grönemeyer am Dienstagabend auf der Bühne im Rudolf-Harbig-Stadion in Dresden. © kairospress/Thomas Kretschel

Es läuft alles nach Plan. 19 Uhr beginnt das Duo Oehl aus Wien. Währenddessen füllt sich das Stadion langsam. Das Publikum ist mit dem Haupt-Act gealtert. Ob die Hipster von Oehl da langfristig punkten können, ist fraglich. Aber für die Band-Vita ist diese Möglichkeit, als Vorband Stadien zu spielen, natürlich Gold wert. Und hier ist es ein angenehmer Sound zur Einstimmung auf das Folgende.

20:15 Uhr ist Prime Time im Rudolf-Harbig-Stadion: Herbert Grönemeyer betritt die Bühne und fängt direkt mit Rennen an. Er versprüht über das ganze Konzert hinweg eine Duracell-Hasen-artige Energie. Gleich am Anfang, nach dem ersten Lied, sagt er, dass er Dresden sehr schön findet. Und dass er das nicht über andere Städte sagen würde. Jedenfalls nicht gleich am Anfang. In der Mitte schon. Aber nicht so gleich am Anfang. Wirklich. Toll. Ganz klasse.

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„Kopf hoch, tanzen!“, wieder rennen, den Beifall der 24.000 Zuschauer mit den Armen auffangen und währenddessen noch singen. Grönemeyer will auch mit 152 Jahren auf der Bühne stehen. Das glaubt man ihm sofort und hat während des Konzertes auch eine Ahnung, warum. Er sagt irgendwann den Satz „Es ist schön, dass es euch gibt!“ und alle seine Bewegungen füllen diese Kernaussage mit Leben. Er scheint das Publikum zu brauchen wie das Atmen. Nach jedem Lied und auch in den Liedern macht er etwas seltsam wirkende Selbstbestätigungsgesten. Er fächelt sich selber den Applaus zu. „Klasse!“ lobt er das Publikum, wenn es besonders laut klatscht. Und auch, wenn die Masse gut mitsingt, was wirklich sehr schön klingt.

Der Fokus liegt fast das ganze Konzert auf dem Star, er scheint die Band hauptsächlich als seine Begleitung wahrzunehmen. Sie bekommt ein paar kleine Aufmerksamkeitsspots, die aber im Gesamtkontext vernachlässigbar sind. Der Bühnenhintergrund ist altarartig angeordnet mit drei Riesenleinwänden bestückt, auf denen oft einfach das Gesicht der Hauptperson dreimal nebeneinander in Großaufnahme projiziert wird.

Und immer wieder Dauerlauf

Dann plötzlich der größte Shaker, den man je gesehen hat. Bei „Bochum“. Wenn schon aus 150 Metern Entfernung ein Percussioninstrument riesig wirkt …

„Alkohol“ dürfen Menschen aus der ersten Reihe zeilenweise in des Meisters Mikrofon singen, was erstaunlich gut gelingt. Es gibt keine eigentlich zu erwartenden Totalausfälle. Die Wege zwischen den Sängerinnen und Sängern werden natürlich gerannt. Die Security muss mitrennen. Auch an dieser Stelle des Konzertes ruft sich die alte Erkenntnis in Erinnerung: Das Auge hört mit.

Irgendwie lenkt das alles etwas ab von der großen Stärke Grönemeyers: Großartige Songs, sehr gut gespielt, unverkennbar gesungen. Perfekt ausgeführt dann nach anderthalb Stunden bei der ersten Zugabe „Der Weg“. Man spürt echte Nähe zu dieser Künstlerpersönlichkeit. Und das mit 24 000 Menschen im gleichen Raum.

Danach spielen sie „Sie mag Musik nur wenn sie laut ist“ und das trauernde Herz möchte vor Glück weinen. „Flugzeuge im Bauch“ wird mit Kontrabass dargeboten. Dabei gibt es eine schöne Soul-Jazz Improvisation vom Boss. Er kann sehr gut singen, das zeigt er hier über jeden Zweifel erhaben. Kurz blitzt die Möglichkeit des Weltruhms durch. Vielleicht wird das ja noch, bis er 152 ist.

Die Band wirkt im Allgemeinen wie die deutschen Genesis mit Halbmondfrisur. Sie ist mit dem Publikum und Grönemeyer gealtert, spielt solide und stört nicht. Dass er so lange an seinen Musikern festhält, macht ihn sympathisch. Am Beispiel Clueso sieht man, dass es auch anders geht.

Seltsam ist nur, dass er mit den Bandkollegen auf der Bühne so gut wie keinen Kontakt hat. Wenn er dem Gitarristen auf der laufstegartigen Bühnen-Verlängerung ins Publikum begegnet, ist da kein Innehalten und Wahrnehmen, er rennt einfach vorbei. Er holt sich die Energie aus dem Publikum und gibt sie direkt dorthin zurück. Die Band ist Erfüllungsgehilfe auf höchstem Niveau. Was in diesem Kontext den Musikern sicher ein schönes Leben garantiert, das Eigenheim sichert, die Kreativität aber wahrscheinlich in kleine Nebenprojekte fließen lassen muss. 

„Keinen Millimeter nach rechts“

Politisch äußert Grönemeyer sich in Dresden folgendermaßen: „Keinen Millimeter nach rechts. Keinen Einzigen. Das ist klar, und das bleibt so.“ Er unterstreicht das mit dem Lied „Fall der Fälle“. Der Applaus ist ihm dafür sicher.

Nach mehreren Zugaben wird ein Feuerwerk gezündet und dann ist Schluss, denkt man. Es kommen aber noch mehr Zugaben. Eine Stunde insgesamt. Das wäre auch für Musiker, die wesentlich jünger sind als 63 Jahre, anstrengend. Grönemeyer ist keine Erschöpfung anzumerken.

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Mit „Warum schrei ich eigentlich so? Leicht hysterisch.“ wird währenddessen kurz ein selbstreflexiver Moment geschaffen. Das Warum ist in diesem Augenblick aber egal, er feiert mit einem ganzen Stadion gemeinsam seine eigenen Lieder. Und er möchte eigentlich nicht, dass dieses Gefühl jemals aufhört. Genauso wenig wie sein Publikum.