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Kopfnoten sind überschätzt

Ein Kommentar von SZ-Redakteurin Karin Schlottmann.

Kopfnoten passen nicht mehr in die Zeit, kommentiert SZ-Redakteurin Karin Schlottmann
Kopfnoten passen nicht mehr in die Zeit, kommentiert SZ-Redakteurin Karin Schlottmann © SZ

Die Entscheidung hat das Kultusministerium kalt erwischt. Die sogenannten Kopfnoten sind ein Eingriff in das Grundrecht auf freie Berufswahl der Schüler und bedürfen deshalb einer vom Landtag verabschiedeten gesetzlichen Grundlage. So will es das Verwaltungsgericht Dresden. Es ist nicht das erste Mal, dass Gerichtsentscheidungen die Schulpolitik in Sachsen grundlegend verändern. Zuletzt betraf dies die Lernmittelfreiheit und die Bildungsempfehlungen für das Gymnasium. In beiden Fällen musste das Kultusministerium seine Politik korrigieren.

Es spricht nach der Lektüre des Dresdner Gerichtsbeschlusses einiges dafür, dass die Regierung auch bei dem Konflikt um die Kopfnoten nachsteuern muss. Das Sozialverhalten von Kindern und Jugendlichen muss selbstverständlich in der Schule bewertet und beeinflusst werden. Werte wie Verantwortungsbereitschaft, Respekt, Rücksicht, Hilfsbereitschaft und Zivilcourage gehören zur Persönlichkeitsentwicklung, die auch in der Schule vermittelt werden. Das simpel gestrickte Notensystem für Betragen, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung kann allerdings diesen Ansprüchen nicht gerecht werden.

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Die Wiedereinführung der Kopfnoten in Sachsens Schulen vor reichlich 18 Jahren sollte den Unternehmen helfen, aus der großen Zahl von Bewerbern die richtigen Kandidaten auszuwählen. Wer eine Eins in Betragen und Fleiß hat, würde den Anforderungen der Arbeitswelt eher genügen, glaubten Bildungspolitiker damals. Zugleich waren die Kopfnoten ein Zeichen an Eltern und Lehrer, die sich zunehmend sorgten über Autoritätsverlust und mangelnde Disziplin ihrer Schüler. Die Verhaltens-Noten gab es zu DDR-Zeiten – warum also nicht mit den Mitteln von damals für Ruhe in der Schule von heute sorgen, glaubten die Befürworter.

Tatsächlich haben sich die Herausforderungen in der Bildungspolitik seitdem gravierend geändert. Die strenge Auslese von Schülern, die mangels Leistung oder wegen schlechten Benehmens schnell und alternativlos durch das Raster fallen, kann und will sich die Gesellschaft nicht mehr leisten. Viele Firmen suchen händeringend nach Auszubildenden und schauen sich die Bewerber inzwischen genau an. Es zählt die Persönlichkeit des Bewerbers, einzelne Noten sind längst nicht mehr das alleinige Kriterium. Das Vertrauen in die Qualität der Notengebung hat auch durch den hohen Unterrichtsausfall gelitten. Wer gut in Mathematik, Deutsch und Physik ist, wird, da sind sich viele Unternehmen inzwischen sicher, an den Herausforderungen des Arbeitslebens kaum scheitern.

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Auch die Rolle der Kopfnoten im Unterrichtsalltag ist offenbar überschätzt worden. Warum sonst verlangen die Schulen nach immer mehr Sozialarbeitern, die sich um Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen kümmern müssen? Wenn Kinder über Tische und Bänke gehen, den Unterricht torpedieren und sich komplett verweigern, ist es für Kopfnoten ohnehin zu spät. Eine differenzierte Bewertung, die soziales Verhalten präziser abbildet als das althergebrachte Notenraster, wäre nutzbringender für Schüler und Eltern. Vielleicht beschränkt sich der Landtag nach der Gerichtsentscheidung darauf, das alte System gesetzlich abzusichern. Besser wäre es, den Weg frei zu machen für eine neue Lösung.