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Kopfstoß am Lombada

In Brasilien wird der Verkehr auf eine ganz spezielle Art geregelt. Das kann schmerzlich enden.

Achtung! Mein Schrei kommt zu spät, im nächsten Moment schleudert es mich aus dem Sitz. Rums! Mit dem Kopf knalle ich gegen die Autodecke. Der Gurt, der mich hätte halten können, liegt neben mir, allerdings nicht etwa, weil ich zu bequem oder zu lässig bin, mich anzuschnallen. Es fehlt einfach das passende Gegenstück in dem gemieteten VW Goal. So wird es mir zum Verhängnis, dass unser Fahrer gerade abgelenkt ist. Nein, nicht etwa durch eine schicke Brasilianerin im knappen Bikini. Wir suchen einen Supermarkt, um uns einen Wasservorrat anzulegen.

Ein Lombada kommt in Brasilien selten allein. Und vor allem rund um das Teamquartier der Deutschen gibt es diese Beton-Erhebungen besonders häufig. Fotos: SZ/Geisler
Ein Lombada kommt in Brasilien selten allein. Und vor allem rund um das Teamquartier der Deutschen gibt es diese Beton-Erhebungen besonders häufig. Fotos: SZ/Geisler

Und schon ist es passiert. Wir krachen mit etwa 50 km/h über einen dieser Huckel, die quer über die Straße gehen. Und es ist keiner von den kleinen, über die man nur leicht hoppelt. Dieser ist gut 30 Zentimeter hoch. Wenn man den ungebremst nimmt, hebt man ab. Jedenfalls auf dem Rücksitz. Autsch, der Kopf brummt, der Kollege neben mir klagt über Nackenschmerzen. Zum Glück gibt sich das bald wieder. Aber wir sind nun alarmiert, denn die Gefahr lauert überall.

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Mit diesen Erhebungen in der Straße sollen die Raser gestoppt werden. Das ist zwar keine brasilianische Erfindung – im Zweifel waren es sowieso die Schweizer. Oder die Sachsen? Aber so aggressiv, wie hier gefahren wird, sind diese Lombadas definitiv eine gute Idee. Aber tückisch. Einige werden hundert Meter vorher durch ein Schild angekündigt. Aber längst nicht alle. Entweder steht der Hinweis direkt an der Erhebung oder es gibt keinen, manchmal sind sie mit schwarz-gelben Streifen gekennzeichnet, manchmal aber einfach auch asphaltgrau belassen. Manche sind so beschädigt, dass man fürchten muss, mit einem Rad steckenzubleiben.

Im Volksmund haben diese Schikanen einen treffenden Namen: „Quebra-mola“, zu deutsch: Federn-Brecher. Auf Santo André und in Porto Seguro gibt es viele, sehr viele. Oliver Bierhoff hat auf den gut 30 Kilometern vom Mannschaftsquartier „Campo Bahia“ zum Flughafen 68 gezählt. Eine beachtliche Anzahl, aber ohne die mathematischen Fähigkeiten des Managers infrage stellen zu wollen, erscheint sie eher zu gering. Wahrscheinlich hat er die flacheren Holperstellen nicht mitgezählt, an denen man nur leicht abbremsen muss und ruckelnd drüberkommt.

Lombada ist nämlich nicht gleich Lombada. Die einen sind nur 20 Zentimeter breit, aber relativ hoch – so einen haben wir genommen. Das Auto hat zwar aufgesetzt, aber keinen Schaden genommen. Jedenfalls nicht sichtbar. Beruhigend. Die anderen sind breiter, aber flacher. Mit 30 km/h rollt man sanft weiter. Kreuzgefährlich wird es dagegen an denen, die etwa einen halben Meter herausragen. Wer da nicht auf Schrittgeschwindigkeit drosselt, hebt ab und darf von Glück reden, wenn nur die Federn brechen.

Diese gewaltsamen Entschleuniger sind nicht nur an gefährlichen Stellen üblich, sondern die „Redutores“ – eine Abkürzung für Verminderer der Geschwindigkeit – sind auch in Land- wie Schnellstraßen eingebaut. Nach welchen Kriterien, erschließt sich nicht, weshalb die brasilianischen Fahrer hartnäckig behaupten, die örtlichen Behörden würden sie nur ärgern wollen. Die Statistik: Jährlich sterben fast 40 000 Menschen bei Unfällen, knapp 20 je 100 000 Einwohner. In Deutschland sind es sechs. Angesichts solcher Zahlen bin ich versöhnt mit den Lombadas – trotz des Kopfstoßes.