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Dorothea Spanke und ihr Studienfach passten nicht zusammen. Dann fand sie eine Lehrstelle – leichter als gedacht.

Von Georg Moeritz

Die nehmen mich doch sowieso nicht – mit dieser Haltung hat Dorothea Spanke ihre Bewerbung an die Deutsche Telekom geschrieben. Bei einem der größten Unternehmen eine Lehrstelle zu bekommen, das erschien der jungen Frau aus Glauchau zu unwahrscheinlich. Sie bewarb sich deshalb noch bei 20 anderen Firmen, auch kleineren, die sie im Internet und mit einem Berater der Arbeitsagentur fand. Doch inzwischen ist die 24-Jährige im zweiten Jahr der Ausbildung zur Fachinformatikerin für Anwendungsentwicklung. Im Dresdner Telekom-Ausbildungszentrum zeigt sie in dieser Woche den Neulingen aus dem ersten Lehrjahr, wie sich ein einfaches Computerspiel programmieren lässt.

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Vor der Lehre hat sich Dorothea Spanke schon als Studentin versucht: In Mittweida schrieb sie sich für Bioinformatik ein. Doch im dritten Jahr „musste ich aufhören, wegen Chemie“. Das Pflichtfach mit den Molekülformeln war nicht zu schaffen. Doch ihre Vorkenntnisse in Informatik waren der Telekom willkommen. Demnächst darf die Auszubildende sechs Wochen Praktikum im Ausland machen. Sie ist nicht die einzige Quer-Einsteigerin in ihr Lehrfach: Der 19-jährige Isaak Nikolaus aus Radebeul zum Beispiel hat zuerst eine Fachschule für Soziales besucht, fand dann aber doch die Arbeit am Computer interessanter. Und die passende Lehrstelle zu finden, ist für gute Bewerber leichter geworden.

Bewerber: Zahl der Schulabgänger wird wieder etwas größer

Vor etwa zehn Jahren gab es noch doppelt so viele Bewerber um sächsische Lehrstellen wie jetzt. 2005 meldeten sich noch mehr als 54.000 Jugendliche bei den Arbeitsagenturen, in diesem Jahr 21.150. Jedes Jahr gab es weniger Schulabgänger, jetzt wächst die Zahl aber wieder leicht: Im nächsten Jahr werden 27.900 Jugendliche in Sachsen aus der Schule kommen, 3.100 mehr als dieses Jahr. Allerdings wollen längst nicht alle eine Lehrstelle, und nicht alle sind geeignet. Fast 900 haben sich dieses Jahr beworben, obwohl sie keinen Hauptschulabschluss haben. Viele wollen studieren – bundesweit fangen in diesem Jahr erstmals mehr ein Studium an als eine Lehre. Allerdings kann auch ein Student sich später wie Dorothea Spanke noch für eine Ausbildung im Betrieb entscheiden.

Ausgleich: Rechnerisch reichen die Lehrstellen, praktisch nicht

Ob die Lehrstellen nun für alle Bewerber reichen, darüber lässt sich streiten. 935 junge Sachsen haben jedenfalls noch keinen Platz gefunden, obwohl das Ausbildungsjahr schon begonnen hat. Außerdem mussten fast 1.200 Bewerber mit einer Notlösung vorliebnehmen: Praktikum oder „berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme“, weil ihre Zeugnisse zu schlecht waren. Jutta Cordt als Chefin der sächsischen Arbeitsagenturen sieht in dieser Unterbringung aber keine Warteschleife, sondern betont, dass die Jugendlichen fit gemacht werden für den Beruf. Laut Cordt gibt es rein rechnerisch mehr Lehrstellen als Bewerber, aber sie passen nicht immer zusammen. Ihre Statistik zeigt: Sachsens Betriebe haben das Angebot an Lehrstellen reduziert, aber es sind noch welche frei.

Stellen-Angebot: Handwerker konstant,

Industrie hält sich zurück

Noch vor zwei Jahren erfuhren die sächsischen Arbeitsagenturen von 1 000 Lehrstellen mehr als jetzt. 18 004 Ausbildungsplätze in Betrieben sind für dieses Jahr gemeldet worden, fast fünf Prozent weniger als voriges Jahr. Zusammen mit außerbetrieblichen Plätzen sind 20 040 Lehrstellen im Angebot. Zum Vergleich: Zur Zeit des großen Bewerber-Andrangs kamen mehr als 32 000 Ausbildungsverträge zustande, allerdings zum Teil in staatlichen Lehrwerkstätten und bei Bildungsfirmen. Die IG Metall beklagt, die Zahl der ausbildenden Betriebe sei auf einem Rekordtiefstand. Das gilt aber nicht überall und nicht in jedem Beruf: In der Oberlausitz gibt es dieses Jahr laut Arbeitsagentur rund 100 Lehrstellen mehr als voriges Jahr, dafür hat Leipzig 340 Stellen verloren. Jörg Dittrich als Chef der Dresdner Handwerkskammer stellt fest, dass zum Beispiel die Bäcker weniger ausbilden und nennt als Grund die großen Bäckerei-Ketten. Dafür sei das Angebot der Installateure und Dachdecker gestiegen.

Sachsens Handwerk hat dieses Jahr so viele Lehrlinge genommen wie voriges Jahr, doch die Industrie- und Handelskammern (IHK) verzeichneten 631 Verträge weniger. Der Chemnitzer IHK-Präsident Franz Voigt beklagt, viele Bewerber seien schlecht in Deutsch. Er hätte gerne vier Lehrlinge mehr für seine Baufirma im Vogtland eingestellt, aber nicht gefunden.

Arbeitsmarkt: Weniger Erwerbslose,

aber nicht überall

Während die Zahl der Lehrstellen sinkt, steigt die Zahl der Arbeitsplätze – vor allem im Gesundheits- und Sozialwesen. Sachsens Arbeitslosigkeit ist auf den niedrigsten Stand seit 1991 gesunken: 183.821 Sachsen waren Mitte Oktober arbeitslos gemeldet, weitere 68.500 in Schulungen oder Arbeitsbeschaffungsprogrammen. Aber nicht überall lässt die Arbeitslosigkeit nach: Im Vergleich zum vorigen Jahr ist sie zum Beispiel im Erzgebirge und Elbland gestiegen.