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Feuilleton

Männermut in der DDR

Die Korrespondenz zwischen Christoph Hein und seinem Verleger ist Zeitgeschichte pur.

Ein großartiger Erzähler: Christoph Hein.
Ein großartiger Erzähler: Christoph Hein. © Nikolai Schmidt

Fast zwanzig Jahre lang schicken sie einander Briefe und Bücher. Erst dann wechseln sie vom förmlichen Sie zum vertrauten Du. Da haben sie schon einige heftige Kämpfe miteinander ausgefochten, der Schriftsteller Christoph Hein und sein Verleger Elmar Faber.  Hein hatte 1983 gerade seine Novelle "Der fremde Freund" beim Aufbau-Verlag veröffentlicht, als Faber dort Chef wurde. Jetzt erscheint ihre Korrespondenz zum Neustart des Leipziger Verlags Faber & Faber. Das ist ein Glücksfall. Die Briefe geben einen spannenden Einblick in die schwierige Kunst des Büchermachens zur DDR-Zeit. Zugleich erhellen sie ein Stück Geschichte.

Hier zeigt sich, wie das scheinbar Unmögliche möglich wurde mit List, Mut und Beharrlichkeit. Als Chef des Aufbau-Verlags brachte Elmar Faber den Roman „Horns Ende“ heraus, obwohl es keine Druckgenehmigung dafür gab. „Das war ein einmaliger Husarenstreich“, so Christoph Hein. Er hielt die Grabrede für den Verleger, der 2017 starb.

Der Autor als Lohnsklave

Der Briefwechsel zeigt zwei Brüder im Geiste. Sie waren sich einig, dass Literatur kein Larifari sein sollte, sondern etwas Wesentliches im Leben. Gemeinsam stritten sie für die Freiheit des Denkens und gegen Zensur. Sie beherrschten das feine Florett der Ironie meisterhaft. Manchmal traf einer den anderen. Dann rang der Verleger klagend die Hände, dass er für den Geist einen Markt schaffen müsse, und schwarze Hände ließen sich beim Umgang mit Druckerschwärze oft leichter vermeiden als rote Zahlen. Der Schriftsteller  spottete: Verleger müssen klagen, so wie die Drucker drucken und die Schreiber schreiben. Hein nannte sich einen Lohnsklaven. Und er wetterte: „Unsere Buchhandlungen haben kein Sortiment, sondern lediglich ein Rudiment von Büchern.“  Es sei kein Wunder, wenn die Leser aus den Läden zum wirklich bunten Angebot des Fernsehens wechselten. Dabei entschuldigte sich Hein zugleich bei den Dresdnern, die weder ARD  noch ZDF empfangen konnten: Er sei nicht schuld an den merkwürdigen Faltungen der Erdoberfläche.

"Ich habe einen Anschlag auf Sie vor", heißt der Briefband. Mit dem Anschlag meinte  Elmar Faber, dass Hein zu Lesungen reisen sollte. Der reagierte empört und unterstellte seinem Verleger sadistische Neigungen.  Es sei ja bekannt, dass er, Hein, nur sehr ungern seine eigenen Texte lese.  Daran hat sich wenig geändert.

Nichts Gutes von Frau Breuel

Brisant sind auch die Briefe der Nachwendezeit, als die Treuhand den Aufbau-Verlag verkaufte. „Von dieser Frau Thatcher dort ist das Schlimmste zu erwarten“, notiert Hein über die Treuhandchefin Birgit Breuel. Er wechselte den Verlag, Faber gründete einen eigenen, doch sie blieben einander in ihrer Widerspruchslust verbunden: „Die einzig akzeptierte Kritik ist zustimmender Applaus.“ (SZ/kgr)

Hein/Faber: Ich habe einen Anschlag auf Sie  vor. Faber & Faber, 160 Seiten, 22 Euro

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