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Kotte-Haus verschwindet aus Leisnig

Das ruinöse Gebäude wird abgetragen. Weitere Erinnerungen an die Kleinkunstbühne gehen damit verloren. Aber nicht alle.

Weil es zu marode ist, muss der Eigentümer das Haus Obermarktgasse 20 in Leisnig abreißen lassen. Im Hinterhof unterhielten einst Puppenspieler Heinz und Friedel Kotte die Kinder vortrefflich.
Weil es zu marode ist, muss der Eigentümer das Haus Obermarktgasse 20 in Leisnig abreißen lassen. Im Hinterhof unterhielten einst Puppenspieler Heinz und Friedel Kotte die Kinder vortrefflich. © Dietmar Thomas

Leisnig. Es ist ein Sterben über Jahre, sogar über Jahrzehnte. Denn so lange schon verfällt das Haus Nummer 20 an der Obermarktgasse. Der Eigentümer lässt es mittlerweile seit Tagen Stück für Stück abtragen. Zunächst hörten die Nachbarn, wie Dachziegel eine Schuttrutsche hinunter in einen bereitstehenden Container schlittern. Danach ragten die Holzbalken des Dachstuhles wie ein Skelett in den Himmel.

Auch die werden wahrscheinlich demontiert. Und dabei dürfte es nicht bleiben. „Das Landratsamt geht davon aus, dass der Abriss bis auf die Fundamente erfolgen wird“, teilt die Sprecherin des Landratsamtes Mittelsachsen, Cornelia Kluge, auf Anfrage mit. 

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Trotz des Denkmalschutzes, unter dem dieses Gebäude steht? Ja, antwortet die Pressereferentin. Aufgrund der Baufälligkeit des Hauses sehe die Untere Denkmalschutzbehörde keine Möglichkeit, das Objekt zu erhalten.

Nach Abrissen inmitten einer Häuserfront gibt es häufig Diskrepanzen mit den Nachbarn wegen der Standsicherheit oder auch der Gestaltung derer Giebel. Dazu gibt es von der Kreisbehörde eine „klare Ansage“: „Die Standsicherheit der angrenzenden Gebäude hat der Abreißende zu gewährleisten“, so Cornelia Kluge. 

Ob später in der Häuserzeile eine Lücke klaffen wird? Diese Frage kann die Kreissprecherin nicht beantworten. Auflagen oder Absprachen zu einem Wiederaufbau an dieser Stelle gebe es nicht.

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Der Abriss des Hauses Obermarktgasse 20 ist das Ende eines traurigen Kapitels, das für eine Reihe ältere Leisniger überwiegend lustig begonnen hat. Im Hinterhof hat Puppenspieler Heinz Kotte über Jahre eine Kleinkunstbühne betrieben. Auf Holzbrettern oder Bänken hätten die Kinder Schulter an Schulter gesessen und häufig staunend die Geschichten von Kaspar und Co verfolgt. 

Und beinahe jeder der jungen Zuschauer sei damals erschrocken, wenn der Akteur hinterm Vorhang eine Metallplatte so bewegte, dass diese Geräusche erzeugte, die einem Gewitter ziemlich nahe kamen.

Heinz Kotte in Aktion. Im Hinterhof des Hauses Obermarktgasse 20 betrieben der Künstler sowie Handwerker und seine Frau Friedel die Kleinkunstbühne weiter, die Kottes Vater Gustav bereits 1918 gegründet hatte. Nachdem sie 1952 auf Geheiß der DDR-Regierung
Heinz Kotte in Aktion. Im Hinterhof des Hauses Obermarktgasse 20 betrieben der Künstler sowie Handwerker und seine Frau Friedel die Kleinkunstbühne weiter, die Kottes Vater Gustav bereits 1918 gegründet hatte. Nachdem sie 1952 auf Geheiß der DDR-Regierung © Stadtarchiv Leisnig

Darüber schmunzeln heute noch Besucher des Technikmuseums der Familie Andrä an der Johannes-R.-Becher-Straße in Leisnig. Dort darf der Kulturbund Leisnig seit mehreren Jahren schon das zeigen, was von der Puppenbühne Kotte erhalten geblieben ist: die Holzpuppen, Teile der Requisiten und Drehbücher. Dies alles hat der Verein von der Familie Kotte aus deren Nachlass bekommen.

An wenigen Tagen im Jahr öffnet das private Museum. Neben unzähligen anderen Zeitzeugen Leisniger Heimatgeschichte ist dann zu sehen, was an die Kleinkunstbühne in der Obermarktgasse erinnert. Dabei hat es der Kulturbund mehrere Jahre nicht belassen und einen Puppenspielertag organisiert ¬ wenn es ging für den 5. Juni, dem Geburtstag Heinz Kottes.

 Auch in diesem Jahr hatte der Kulturbund vor, an diesem Tag zu Ehren des Leisniger Künstlers die Puppen „tanzen“ zu lassen. „Ob das nun möglich ist, weiß ich noch gar nicht“, sagt Carla Lichtenstein, die Vorsitzende des Kulturbundes Leisnig. Als Begründung nennt sie wie andere Veranstalter auch die Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie. 

Im Moment weiß niemand, wann die Regelungen gelockert werden können, wieder Kulturangebote mit Dutzenden Zuschauern in einem Raum möglich sind.

Im Technikmuseum in Leisnig gibt es einen Extra-Raum, der der Leisniger Puppenspielerfamilie Kotte gewidmet ist. Annemarie Reißmann und Gudrun Otto vom Kulturbund haben bislang manches Mal am 5. Juni, dem Geburtstag Heinz Kottes, die Ausstellung geöffnet.
Im Technikmuseum in Leisnig gibt es einen Extra-Raum, der der Leisniger Puppenspielerfamilie Kotte gewidmet ist. Annemarie Reißmann und Gudrun Otto vom Kulturbund haben bislang manches Mal am 5. Juni, dem Geburtstag Heinz Kottes, die Ausstellung geöffnet. © Archiv/André Braun

Vor zwei Jahren hat die Familie dem Leisniger Künstler noch ein besonderes Denkmal gesetzt und auf dem Gottesacker an der Colditzer Straße eine Stele aus Porphyr eingeweiht. Sie zeigt ein kleines Puppentheater, zwischen den geöffneten Vorhängen winkt ein Kasper. Damit und vielen anderen Figuren unterhielten Heinz Kotte und seine Frau Friedel die Mädchen und Jungen jahrelang aufs Beste – bis die DDR-Regierung dies 1952 unterband. Für den Lehrer und Handwerker war das künstlerische Berufsverbot ein schwerer Schlag.

Bisher hat eine Tafel am Haus Obermarktgasse 20 daran erinnert, dass Heinz Kotte dort gelebt und eine Kleinkunstbühne betrieben hat. Inwieweit dafür nach dem Abriss ein neuer Platz in der Nähe gefunden werden kann, ist zurzeit unklar. Nach der Wende hat die Familie das Haus an einen Privatmann verkauft. 

Der hatte einige Pläne mit dem Gebäude, wie er dem Döbelner Anzeiger einmal erzählte, als er nach einem Unwetter Dachziegel von der Straße gelesen und noch einiges Brauchbare aus dem Haus geräumt hatte. Gescheitert sei das Umsetzen damals an Auflagen unter anderem des Denkmalschutzes. Die sei er nicht bereit gewesen, zu erfüllen.

Seitdem verfällt das Gebäude. Das Ordnungsamt der Stadt Leisnig und letztendlich auch das Bauordnungsamt des Landkreises mussten den Besitzer immer wieder mit Nachdruck auffordern, Sicherungen zu veranlassen. Die haben nicht in jedem Fall ausgereicht, um Fußgänger vor herabstürzenden Bauteilen zu schützen. So ist das eher unscheinbare Haus zunehmend eine Gefahr und ein Schandfleck gleichermaßen geworden – und bis jetzt über Jahre geblieben.

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